Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-02-23 · Heft 8 (23.2.1900) · p. Seite 93

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 8 (23.2.1900)
Date
1900-02-23
Page
Seite 93 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228374--56209-3292496
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

93 »eben seinem Lehramt an der jüdischen Schule, der nachmalige Dr. Hieb. B. Kvner zu Strelitz. Durch eine seltsame Verkettung war es Daniel Sanders Vorbehalten, später jenes Mannes Sohn zu erziehen, denn er heirathete die liebenswürdige und durch Herzensgüte ausgezeichnete, schöne junge Wittive seines früh verstorbenen Vetters Dr. Koner. Er selbst blieb kinderlos; seinen Namen führt sein Stiefsohn Alexander »eben dem seines eigenen Vaters. Bon rührender Liebe zu seinen jungen Zöglingen sprechen einige Briefe des Dr. Koner, datirt 1832—1866 ans seiner Berliner Studienzeit, an seinen Bruder, Pinder Koner'). Hier eine besonders charakteristische Stelle: „Daß Herr Zedner sich unserer lieben Kinder annehnien werde, hoffe ich; ebenso, daß Du ein wachsames Auge über sie stets haben wirst .... Schreibe wir überhaupt recht viel über die Kinder, wie sie meine Abwesenheit ertragen, welchen Einfluß dieselbe ans ihren Charakter ansübt, und wie es ihnen jetzt geht. Ihre wenigen Zeilen haben mich sehr erfreut, jedoch die kaum vernarbten Wunden wieder schmerzlich aufgerissen. Die geliebten Kinder konnnen mir nicht ans den Gedanken. Ebenso lebt der geliebte Onkel in meinen Gedanken beständig fort; seine Güte, seine Liebe zu mir, in letzter Zeit besonders fühlbar. Zum größten Trost gereicht es mir, daß ich diese meine zurückgelassenen Lieben, von einer so braven Persönlichkeit umgeben weiß, wie Du es bist/ Nach seiner eigenen Schilderung war Daniel Sanders um die Zeit vor seiner Versetzung ans der Altstrelitzer Schule auf das Neustrelitzer Ghinuasimn „ein Knabe, der nach Kinderart viel mehr ans Spielen und Tollen, als ans Lernen dachte." Dies deutet auf eine glückliche Kindheit unter für Geist und Körper gleich günstigen Einflüsse», llud kein geringer Theil dieser Einflüsse ist sicher der Liebe treu sorgender Angehöriger zuznschreibeu. EU ILLETON Lose Blätter aus dem Lagebuche eines russisch-jüdischen Studenten. Von N. B va i n i n. VI. November 189 . . versammelten sich bei mir einige Stndiengenossen, und wir besuchten zusammen unsere Kollegin, die Studentin F. Dieses Fräulein gilt als Reigenführerin in nuferer Kolonie; ihre Wohnung ist der beliebteste Sammelpunkt für alle disputsüchtigen und redseligen Elemente nutev uns. Allfangs weigerte ich midi mitzugehen, aber meine Freunde zlvallgen mich beinahe, ihren kleinen Kreis nicht zu verlassen. Wenn ich mid) aber genau prüfe, nlllsi ich gestehe!,, daß es dieses Zwanges gar nicht bedurft hätte". . . Ich fühlte den Drang, für ein Stündchen ans meinen dninpfen vier Wätlden zu kommen . . . Die toten Buchstaben, welche so lange den einzigen Gegenstand rneiner Beschäftigung bildeten, ließen mein Gemüth leer unb trocken. Feh sehnte rnich nach Leben, nach Gesellschaft, nach dem Klange lnenschlicher Stinnnen . . . 9 Mein $atev. T. B. Bald lvaren wiramZiel. Das große und geräumige Zimmer des Fräulein F. war voll von Tabakrauch, daß man beim Eintreten llicht sofort die Gesichter der Anwesenden unterscheiden konnte. Als sich meine Augen ein wenig an den Nebel gewöhnt hatten, betrachtete ich die Züge des Fräuleins, dem ich jetzt zum ersten rual vorgestellt lvurde. Ueber den großen, schwarzen Augen, die fest und gerade den. Sprechenden ins Gesicht blickten, wölbte sich eine hohe, breite Gelehrtenstirn. Das rabenschwarze Haar war kurzgeschoren, auf dem feisten Nacken saß aufrecht ein übergroßer Kopf. Das rundliche, braune Gesicht war frisch, auf der etlvas viel zu dicken Nase lviegte sich ein Zlvicker. Wenn ich beit kleinen, rothell Mund mit einer Rose vergleichen würde, so läge in diesem Vergleich eine übertriebene Schmeichelei und dergleichen soll, wie man mir versichert, ihr in der Seele zulvider sein. Ihr kraftstrotzender Wuchs erinnert an eine Ceder oder eine ähnliche Banlnart, die in unseren Wäldern nicht heimisch ist. Ich lnusterte die Versammelten. Auf dem Sopha lag rücklings hingestreckt ein blatternarbiger Stnderrt, in desfell Augen ein Ausdruck voll Unverfrorenheit und Frechheit lag, aber einer Frechheit, die nicht etlva jugerldlichenl Uebermuth unb trotzigem Kraftbewußtsein entsprang, sondern der Allsfluß des Mangels all Erziehung uub des Leichtsinns war. Zlvischell den Zähnen zerknüllte er eine übelriechende Zigarette. Alls denl Tisch saß mit nntergeschlageuen Beinen ein anderer Student, während zlvei seiner .Kollegen in halbliegender Stellung sich ans ihren Stühlen hin und her schaukelten. Ein langer magerer Jüllglillg mit ungekämmtem und zerzaustem Haar saß auf denl Toilettelltisch unb pfiff eine fremdartige Melodie. Eill paar ziemlich llnschöne und llicht mehr junge Fräulein saßen, einallder umschlingend, auf dem Bett, wo auch die Oberkteider der Gäste lagen. Allch die Damell hatten Zigaretten im Munde, und sogen all if)ueit mit einem eigenartigen LiPPeuzuckeu, lvelches sie offenbar für sehr reizvoll hielten. Tie Wogell der Diskllssivll gillgell hoch. Alle Anlvesendell schrieen nnb lärmten in der größten Hitze. Man stritt leidenschaftlich über allerhand wissenschaftliche, litterarische nnb politische Fragen. In gewaltsamen Sprüllgell ging mau voll dem einen Thellla zlllll nächstell über. Bevor man eine Frage erledigt hatte, lvurde eine anbere angeschnitten. Die ganze Verhandlung lvar ltuenblid) seicht, schwebte nur so über beit Gegenständen, und berührte faum die Oberfläche . . . „Thee! Thee! Wir lliöchtell Thee trinken!" riefen mehrere StiulNlell. Gesagt, gethall! Ter Eitle füllte beit Samowar — dieser Samowar schien Gemeiudeeigenthum 51t sein eill Anderer thut Kohlen in ben Ranchfang, ein Dritter legte brennende Holzspäne unter, und eilt Vierter blies aus vollen Backen hinein, tuu das Feuer zu schüren. Rach einer Weile zog eitler der Stlldelltell feinen Stiefel aus, steckte ihn über die Oeffnnng des Ranchfanges lllld bewegte ihn lvie eitlen Blasebalg auf nnb nieder. Bald fing das Wasser zu kochen all, der Dampf stieg elllpor unb vermengte sich mit dem Zigarettenrauch, so daß es förilllich dilnkel lvllrde im Zimmer. Die Dame des Hallses stellte ben Samowar, der über lmd über mit Schmutz bedeckt war uub an Umfang einem arabijchell Kessel llicht nachstand. auf den Tisch, ans denl sich keine Decke befand. Niemand lvar beut Fräulein bei dieser Thätigkeit behilflich. Heringe llnd ein Laib Brod; wurden geholt. Die Allioeseilden stürzten sich auf diese Lecker- | bissell lllit bloßell Händell, auf ben Gebralich von Messer lllld

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.