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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-02-23 · Heft 8 (23.2.1900) · p. Seite 92

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 8 (23.2.1900)
Date
1900-02-23
Page
Seite 92 (sequence 10)
Language
German
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92 was der deutsche Sprachforscher speziell als Jllde den deutschen Inder! gewesen ist: „Mögen Arrdere au Daniel Sanders begeistert preisen, wie er das Stnrnresranschen und das leise Wehen zugleich im alten Eichenhain der deutschen Sprache zrr denterr wußte rnrd als ein treuer Mardern dies Heiligthrmr zrr hüten verstanden hat; für mich bleibt das Charakteristische rmd Rührende an feiner Erscheinung, daß er dern derrtscherr Volke gezeigt, rvie sehr die Inden in das Knltnrleben ihres Baterlarrdes eirrgegangerr, rnrd dasz er andererseits derr derrtschen Juden den Weg getviesen. auf welchem sie irr diesem Kulturleben zrr Sitz rnrd Stirunre gelangen könrreu!" Fern vom sozialen und Politischen Kampfplatz, zu sehrabsorbirt von seiner Forscherarbeit, als daß er polemisch mit seiner Autorität für die Sache der Juden Hütte eintreten körrrrerr, war dieser Mann doch durch sich selbst, seine eigenste Persönlichkeit ein lebender Beweis, daß mau ein Jude und doch national vollwerthiger Deutscher sein kann, roie sich denn auch an ihrr rrreines Wissens nie ein Zweifel in dieser Hinsicht herangewagt hat. Dabei ist sein Beispiel rncht das eines falschen Assimilirungseifers. Nie hätte er in irgend welcher Lage auch nur euren Augenblick seine Abstarnrrrring verhehlt, im Gegentheil war er stets geneigt, sie zu betonen. Seiuerrr vornehmen Empfirrden war nichts so widerwärtig, als ein frivoles Berlengneu der Stammeszugehörigkeit, das, eine Frucht des Antisemitismus, wohl schwerlich dazu dient, ihn zu entwaffnen. Und einen Religionswechsel ans Rücksicht auf das antisenritische Treiben hörte ich ihn im Gespräch über einen solchen Fall als eine „Fahnenflucht" verdannnen. Es leben nicht mehr Biele, die ihn in den Jahren kannten, welche die Welt die besten nennt, und nur noch sehr lvenige, die sich seiner Jugend erinnern können. Wäre es ihm beschieden gewesen, von seiner Lebensarbeit ausznrnheu, so hätte er vielleicht selber die Anfänge einer Selbstbiographie, welche die kleine Schrift „Aus der Werkstatt eines Wörterbuchschreibers", enthält, durch weitere Miltheilnngen ergänzt. Er spricht darin von seiner Kindheit und von seinem Vater, einen! angesehenen wohlhabenden Kaufmanu, der nicht nur laut den Aufzeichnungen des Sohnes, sondern auch nach den Erinnerungen seiner Mitbürger ein wegen seiner Rechtschaffenheit, Güte und Menschen- Uebe bei Hoch und Niedrig, im jüdischen!vie in! christlichen Theil der Bevölkerung beliebter und hochgeachteter Mann war. Daniel war der zweite Sohn seines Vaters, die Mutter hat er nie gekannt, seine Geburt kostete ihr das Leben. Hendel Sanders, der seine Gattin erst nach langen! Brautstand hatte heimführen können, schloß keine zweite Ehe, aber trotzdem wuchsen seine beiden Knaben innerhalb eines reichen Familienlebens auf. Nicht nur war sein Haus der Mittelpunkt eines großen Berivandtenkreises; seine Humanität und Gastlichkeit gewannen ihm auch zahlreiche Freunde, die, zu jeder Zeit einer gastlichen Aufnahme sicher, in zwanglosen! Verkehr an dein behaglichen Familienleben theilnahmen. Nicht, daß er nach einer prunkenden Geselligkeit getrachtet Hütte, einfach, fast patriarchalisch, ging es im Hause Sanders zu. Bon ihren! Vater haben sowohl Daniel wie Alerander den bei ihnen beiden gleich stark ausgeprägt gewesenen Zug der Treue in der Freundschaft geerbt. Wie der Vater, so hatten auch sie das Glück, ebenbürtige Freunde zu finden, die einer Freundschaft loie der ihrigen werth lvaren. Und so tief wurzeln oft diese Freundschaftsbündnisse, daß sie Generationen überdauerten. Eine dieser „Erbfreundschaften" beiläufig bemerkt gemischter Konfession — finden wir auf dein Widnulngsbtatt der oben erwähnten Schrift,!vie auch sonst mehrfach in den! Büchlein erwähnt. Bekanntlich hatte Daniel Sanders als Kind gar keine Lust zu studiren. Nur dem dringenden Rath seiner damaligen Lehrer ist es zn verdanken, daß der Vater in Anbetracht der hohen geistigen Begabung des Knaben ihm eine akademische Bildung angedeihen ließ. Die beiden Männer, welche vor ihrem Abgang von der vortrefflichen jüdischen Schule, an der Daniel seinen ersten Unterricht erhielt, der Familie Sanders diesen wichtigen Freundschaftsdienst leisteten, lvaren Dr. I. Lehfeldt, der Leiter der Anstalt (später Mitbegründer und Besitzer einer angesehenen Berliner Verlagsbuchhandlung) und Josef Zebner (nachmals der bekannte Bibliothekar am Britischen Musenrn in London). Letzterer hat bis zu seinen! 1871 erfolgten Tode mit seinen! berühmt gewordenen ehemaligen Schüler gelegentlich Briefe gewechselt, und dieser bekundete die den! alten Lehrer stets bewahrte Dankbarkeit durch die Widuurng seiner „Heiteren Kinderwelt". (1868) In dem autobiographischen Theil des Buches „Ans der Werkstatt eines Wörterbuchschreibers" giebt der Siebziger von seinen! Vater in treuer Sohnesliebe und Dankbarkeit folgende Schilderung: „Ich bin ans meinen Lebenswegen sehr vielen Männern begegnet, die meinen Vater an Gaben des Geistes und au geistiger Ausbildung lveit, lveit überragt haben, aber, keinen einzigen, der ihn an Herzensbildung, an Wohlwollen gegen alle Menschen, au Bieder- und Gradsinn übertroffen hätte, keinen, in dein mehr die Goethesche Forderung verkörpert zu Tage getreten lväre:" „„Der edle Mensch Sei hilfreich und fliit! Unermüdlich schaff' er Das Nützliche, Rechte, Sei un§ ein Verbild Jener geahnereu Wesen!"" Ten! schlichten Manne, der nicht mehr die Freude erlebt hat, den Sohn berühmt werden zn sehen, stocht doch diesen! die Mitwelt erst uru das ergrauende Haupt den Lorbeer - dedizirte der junge Gelehrte sein 1844 erschienenes Buch: „Das Volksleben der Neugriechen"; dem Vater und zugleich einen! jener beiden griechischen Freunde, welche ihn mit den neugriechischen Poesien und den Volkssitten ihrer Heirnath vertraut gernacht hatten. Derselbe Ton höchster Verehrung und Dankbarkeit, uüe aus den oben angeführten Worten über den Vater, erklingt hier ans den an ihn gerichteten ehrerbietig liebevollen Zeilen der längeren Doppelwidmnng: „.wie ich Alles, was ich besitze, Dir danke, Deiner zarten, gütigen und liebevollen Pflege danke, die es mich hat vergessen lassen können, daß mir seit frühester Jugend die Mutter fehlt." Ist Hendel Sanders auch Wittlver geblieben, so entbehrte er doch nicht der Unterstützung in der Pflege und Erziehung seiner inutterlosen Knaben. Weibliche Verwandte, in den ersten Jahren seine jüngste Schwester, und später nach deren Tode eine Nichte'), führten ihm den Haushalt, während die Söhne einer im Ort verheiratheten Schwester sich um die Erziehung ihrer kleinen Vettern kümmerten. Speziell hatte einer von ihnen die Stelle eines Hauslehrers der beiden Knaben inne, ) Nieille Mutier. T. V.

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