Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1900)
- Date
- 1900-02-23
- Page
- Seite 91 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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01 führt werden, so sind es doch meistentheils gerade die Gemeindcvvrstände, die sich dllrch solche Almosenbedurstige geniert suhlen, daher haben in erster Reihe die Vorsteher der Gemeinden die Pflicht, solche Hilfskassen errichten und erhalten 31t Helsen. Von anderer Seite lvnrde gegen die Einführung von allgemeinen Bezirksnnterstütznngskassen siir durchreisende Arme geltend gemacht, das; sich sehr schwer Personen finden lverden, die solche Kassen venvalten lvottell, da es keineswegs > eine dailkbare, vielmehr eine älißerst unangenehme, unter Umständen! sogar gefährliche Ausgabe ist. Um aber ans der Anregung des Kollegen! Goldschmidt wenigstens in einer Weise Nutzen 31t ziehen, verpflichteten i sich alle anwesenden Lehrer, in Zukunft keinem Durchreisender! mehr,! weder mündlich noch schriftlich an irgend Jemand eine Empfehlung! zu geben, da mit solchen Empfehlungen der weitgehendste Mißbrauch j getrieben wird. — Hierauf hielt Kollege Abt-Geseke seinen mit großem j Beifall ansgenommenen Vortrag: „Wie erzielt der Lehrer ein besriedi-! gendes Nechtschreiben seiner Schüler?" Der Vorsitzende dankt dem i Neserenten für seine fleißige Arbeit im Namen der ganzen Versammlung.! Darauf wird ans Anregung seitens des Kollegen Goldschnridt von der; Konferenz beschlossen, für die Folgezeit in diesen Versammlungen nur! Borträge ans dem Gebiete des Religionsunterrichts oder des Knltusdienstes halten zu lassen, da den Lehrern Vorträge ans den profanen j Unterrichtsfächern auf den amtlichen Konferenzen zur Genüge geboten! werden. Bei dem darauf folgenden gemeinschaftlichen Kaffee gab nianche interessante Mittheilnng aus dem Schul- und Gemeindeleben Veran-; lafsung zu lebhafter Debatte. Es nmrde auch einstinnnig der Wunsch geäußert, daß das zu begründende Vereinsorgan ein „Blatt der Lehrer für Lehrer" sein und bleiben soll. Marburg, 28. Dezernber 1899. Ter Schriftführer: E. Al e r a n d e r. Gin neuer Fall. fZ± Posen, V). Februar. j ie Geschichte hat schnell eine Fortsetzung erhalten. Der! neue Fall ist schon registrirl von der öffentlichen Meinung | als der Fall Arousteiu. Natürlich war die erste Darstellung falsch; unum wäre wohl je eine erste Darstellung richtig gewesen? Zwar stinnnt der Sachverhalt bis ans die eine Kleinigkeit, daß der jüdische Lehrer nicht einstimmig, sondern mit allen gegen eine Stinune gewählt lvllrde, aber loir lverden belehrt, das; die Darstellung falsch war. Gut also, die Darstellung war falsch. Und jetzt hören wir noch etlvas neues. Herr Dr. Aronstein soll auch bei der Probelektion im Deutschen nicht genügt haben. Das ist doch etwas. Indessen lange können loir uns mit dem Faktmn nicht freuen, denn unmittelbar daraus wird uns entweder ganz oderhalb oder garnieht offiziös eröffnet, daß — ich eitire jetzt wörtlich: „daß auch Bedenken geäußert worden sind, in dein Sinne, daß der Inhaber der fraglichen Lehrerstelle im Deutschen Sprach- und Litteraturnnterricht Stücke zu behandeln haben, die!vie beispielsweise Schillers Jungfrau von Orleans in gewissem Sinne in christlichem Geiste zu interpretiren sind . . . Wenn die Majorität des Magistrats sieh schließlich ebenfalls gegen die Anstellung des Herrn Dr. Aronstein erklärt habe, so beweise das eben, das; sich dieselbe dein Gewicht dieser Gründe nicht habe verschließen können"? Ist das nicht schön gesagt? - Ist das nicht eine wunderbare und geradezu ütwrwäUigende Umschreibung des Faktums, das; der Jude nicht berufen lvnrde, nur loeil er Jude ist? Ja. jetzt ist es klar, die erste Darstellung war falsch, denn an die Interpretirung klassischer Dramen in christlichen; Sinne hat ivahrhaftig noch kein Mensch gedacht. Das ist originell, das ist einzig! Das verstehen wir nicht. Aber welche Perspektiven eröffnen sich nach dieser großartigen Deduktion llicht jedem denkenden Menschen? — Ein Schritt weiter ans der in Bromberg betretenen Bahn linb loir kommen zu der „konfessionellen Interpretirung klassischer Dramen." Nie lange noch und man wird den Litteratnrnnterricht eintheilen in katholische, in evangelische Abtheilungen. Man wird vielleicht auch eine jüdische Abtheilung bilden nlttssen. Die Sache wird um sich greisen und wir roerden ans den Universitäten konfessionell-litterarische Dozenten haben nuissen. Es lvird hell roerden in Deutschland, tageshell. Aber rvie kann marl in Gegenwart jüdischer Kirrder klassische Drarrren in chrisllicherrr Sinrre iuteipvetiveix? Will man ans derr Inden Proselyten rrracherr? Marc sieht, die Brorrrberger Erklärung giebt nicht Ansklärmlg, sorlderrr nrrr Anregung Zll neuerr Fragen. Komisch überhaupt, daß marl den neuer; Fall als Affäre Aronstein registrirt. Ich roürde Vorschlägen, ihn „Bromberger SchlUdepntatiolls- Widerspruchs-Affäre" zu nennen. Jedenfalls rvird die Erledigung des Protestes noch neue Allregurrg zll tiefem Denkerr bringen. Daniel Kanders. Von B e r t h a T r e n m a n n - K 0 n e r.!. fas Bild eines bedeutenden Zeitgenossen, rvie es bestirrrrnt ist, aus die Nachwelt zu kornnreu, entsteht wohl kaum jemals ans einern Guß. Tie Gesarrurrtheit seines Schaffens gehört der Welt, und ist dies mit feinem Tode abgeschlossen, so steht es für alle Zeit im Buch der Geschichte verzeichnet. Das Gesamrntbild des Menschen aber formt und vervollständigt sich ans mehr oder weniger zufällig gewonnenen Eindrücken. 1111b ans den Erinnerungen Einzelner fügt sich Zrrg auf Zug zu dem schon Bekannten, bis sich eine klare Vorstellung dessen, was er war zusammen mit dem, was er geleistet, für die Oeffentlichkeit ergeben hat. Und riicht als ein solches umfassendes oder gar fertiges Bild rnögen meine Aufzeichnungen über den mir verwarldtschaftlich nahestehenden großen Lexikographen Daniel Sanders betrachtet lverden, den zi; sehen und zu sprechen, mir seit meiner Jugend nur gelegentlich kurzer Besuche in der Heimath vergönnt war. Dam; freilich opferte er nur seine Zeit in ausgiebiger Weise, denn eitler der schönsten Züge seines Wesens;oar seine wanne Anhänglichkeit für die Mitglieder seiner Fanlilie. Als Daniel Sallders am 11. März 1807 ans den Reihen der Lebenden gesehiedell war und sein Andenken in zahlreichen Nachrufen geehrt lvnrde, da fehlte es nicht an Versuchen, feine Individualität zu ersassen, lvas inbeffeu llicht leicht ist. denn so zahlreiche Fäden sich auch voll feinem Studirzimmer nach allen Kulturländern erstreckten, so vielfache Beziehungen er mit erlauchten Geistern des In- und Auslandes unterhielt, lebte er äußerlich doch in stiller Zurückgezogenheit von der Wett. Es sei mir gestattet, hier au einen Ausspruch des Herausgebers dieser Zeitschrift anzllknüpfel; h>, der genau das trifft. h S. Sanders-Gedkntbnch. Seilt 20.