Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1900)
- Date
- 1900-02-23
- Page
- Seite 86 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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litische Alliance in Wien sandte?>o Familien nach Amerika, die .1 isli (lolonisation Association that dasselbe mit Familien, ein iu Beuchen sehe segensreich nnrkendes Komitee, dessen Seele der vortreffliche nnd rührige Fabrikbesitzer Grnnseld ist, hat allein viel mehr Personen nntcrgebrachl als die beiden ebengenannten Organisationen. Auch der Ahatvast Zion in Tarm.no organisirte eine kleine Hilfsaktion, bei der er eine kleine Gruppe von Personen ans Borpslaio nach Palästina sandte. La konnte bisher der schlimmsten sJiotl) gesteuert werden. Aber nnn steht man erst eigentlich vor der großen nnd fürchterlichen Katastrophe und jetzt scheint das Interesse erlahmt; man hört wenig von Borhslaw reden: es scheint, als sollte das Elend unserer Brüder dort ganz vergessen sein. Es ist von jeher eine schlechte Eigenschaft der Juden gewesen, daß sie bei ihren Hilfsaktionen den Moment berücksichtigten nnd die Zukunst auster Acht liehen. So hat man leider auch in diesem Fall gehandelt. Man hat, abgesehen von den bescheidenen Hilfsaktionen, die lvir auführten, leider so gut wie gar nichts gethan, um für den jetzt eintretenden Augenblick der massenhasten Arbeitslosigkeit irgend welche Borsorge zu treffen. Nicht einmal so viel Mittel sind da, um die unglücklichen Arbeitslosen vor dem direkten Verhungern zu schützen, geschweige denn um ihnen die Mittel zur Auswanderung zu geben, oder um ihnen behilflich zu sein, andere Berufe einzuschlagen. Welche Komitees werden eingreifen, um dies verdienstliche Werk in die Hand zu nehmen? Niemand wird die Schwierigkeiten dieser Hilfsaktion verkennen, Niemand wohl auch daran denken, im jetzigen Moment der Noth eine durchgreifende Rettung zu versuchen, denn hierfür fehlen auch die bescheidensten Grundlagen; lveist man doch kaum, wohin die Unglücklichen gehen sollen. Aber eine wahre Schande für die Jndenheit wäre es, loenn sie jetzt sich den Bedrängten versagen würde. Man möge erwägen, loie mau ihnen Helsen kann, ivie und wo man ihnen helfen kann, wie und wo man ihnen Arbeit nnd dauerndes Brod beschaffen lvird; aber vor allem thut jetzt Noth, da st man ihnen! wenigstens das Nothdürfti gste giebt, damit die hungernden Familien so lange zu essen haben, bis diese Ueberlegnngen beendigt sind nnd zu irgend einem greifbaren Resultat geführt haben. Noch eines thut Noth! Wohl werden unsere grosten Hilfsvereine, die .lewish Coloiiisation Association nnd die Alliance ebenfalls hier eingreifen; aber wir dürfen ihnen keineswegs auch in diesem Falle alles allein überlassen. Besonders ein Platz ivie Berlin, eine Grostgemeinde in Israel, sollte sich seiner Stellung lvürdig zeigen nnd in dieser dringenden Angelegenheit nicht erst aus die Anregung von austen warten, sondern selbst den anderen Gemeinden den Anstost geben. Das ist Berlin seiner Stellung schuldig. Wie wir erfahren, beabsichtigt man auch von maßgebender Seite durch einen Aufruf an die Theilnahme nnd werkthätige Hilfe unserer hiesigen Glaubensgenossen in nächster Zeit heranzutreten. Wir hoffen zuversichtlich, dast Berlin seiner führenden Stellung sich bewußt sein nnd mit dem guten Beispiel auch diesmal vorangehen werde, wo es gilt, von -Tausenden unserer unschuldig leidenden Glaubensgenossen eine fürchterliche Katastrophe abznwenden. Nie Woche. Berlin, 20. Februar. <31 Sin Ab ge ordneten hause hat kürzlich Herr von Zedlitz sein antisemitisches Herz entdeckt. Er hat nämlich gesunden, dast „Jndenthnm, Freihandel nnd Goldwährung" die Hauptverbindnngspnntte zivischen Sozialdemokratie und Manchesterthum bilden. Mit Recht fragen die Antisemiten selbst, „ob seine Erfahrungen mit der Judenpresse bei seinem Kanal- Fall sein antisemitisches Herz in Wallung versetzt haben." Natürlich ivüre es ihnen sehr angenehm, wenn in der freikonservativen Partei die von Herrn v. Zedlitz dargelegten Anschaunugen, „sich vertieften und auch von Bestand wären " Bisher haben sie mit den Herren der Rechten allerdings nicht die Erfahrung gemacht, dast sie in dieser Hinsicht besonders zuverlässig ivären; „es bedurfte immer einer recht starken Nachhilfe seitens der Antisemiten." Aber diese Nachhilfe ist ihnen auch zu Theil geworden. Waren es doch ausschließlich die Herren von der Rechten, welche Tags zuvor den mehr als billigen Scherzen des Abgeordneten Werner über jüdische Namen ihren Beifall spendeten. Ter gelehrte Mann scheint aber nicht zn wissen, dast der Name „Schmnhl" nur ans dem biblischen Samuel korrnmpirt ist. Aber ums geht das freilich die Wotansmänner und Verächter der Bibel an? 4r Im hessis ch e n Landtag hat der Centrnmsabgeordnete Dr. Schmitt das Ministerium heftig angegriffen. Er bemerkte n. A : Bon dem Prozest gegen die „Frankfurter Zeitung" und der Nichtanstellnng der Inden im Richteramt ivolle er heute nicht sprechen, da demnächst das Haus und das Ministerium durch eine motivirte Eingabe der hessischen Juden Gelegenheit erhalten würden, sich mit dieser Materie eingehend zn beschäftigen. Der Justizminister Dittmar erwiderte hierauf: In eine Diskussion über die Nichtanstellnng von Juden einzntreten, sei er jederzeit bereit. Er erwarte eigentlich eine solche Erörterung bei seinem Amtsantritt. Er sei übrigens gern bereit, seine Ansicht in dieser Frage, die ja Jedermann durch seine Aensternngen zur Genüge kennen könne, durch ein e i nst imnt i g es Votum der gesammten Landesvertretung rektifiziren zu lassen. lHeiterkeit und Bravo bei den Antisemiten.» Wie nur erfahren, hat eine größere Anzahl hessischer Glaubensgenossen an die ziveite Kammer eine Eingabe gerichtet, in der sie in sehr energischer Weise um bessere Durchführung des versassniigsmästig gewährleisteten Grundsatzes der Gleichberechtigung aller Staatsbürger bitten. Namentlich ist in dieser Petition darüber Klage geführt, daß, so oft jüdische Bewerber sich zn der Bekleidung der Stellung eines Richters oder Staatsamvaltes meldeten, sie, auch tonnt sie nach jeder Richtung hin einwandfrei waren, in ständiger Nebnng unberücksichtigt gelassen wurden, es. erfolgte dagegen Anstellung, sobald die Bewerber die Religion gewechselt hatten. Die äußere Veranlassung zu dieser Eingabe bildete eine Bemerkung des Justiztmnisters in der Ständekammer, der von einem Zustande sprach, „über den die zunächst Berufenen sich nicht beklagt hätten." * In dem Blutlügeprozest von Polna soll abermals eine neue und wieder sensationelle Wendung unmittelbar bevorstehen. Bekanntlich wurde über die seitens des Bertheidiger'' des Angeklagten Hilsner an den Kassationshof überreichte