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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-02-23 · Heft 8 (23.2.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 8 (23.2.1900)
Date
1900-02-23
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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(>4. Jahrgang. Nr. 8. Allgemeine Berlin, 23. Februar 1300. eilung des Audenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition i n Berlin! unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. I Redaeteur: Gustav Karpeles.! Begründet von Rabbiner 50r- Ludwig phNippson Konn. VerlayS'Crpe-ilion: iöerlin, Jerufalemerstr. 48/4!). Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin | SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin.! Äuhltll. Leitartikel: Boryslaw. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Protokoll der 26. Konferenz jüdischer Lehrer im Bezirk Warnnrg-Paderborn. — Ein neuer Fall. — Daniel Sanders. I. Von Bertha Ireumann-Koner. — Feuilleton: Lose Blätter ans dem Tagebuche eines russisch-jüdischen Studenten. VI. Von R. Brainin. — Löb Korach. Von Och iw. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten': Berlin. Kolmar i. P., Schneidemühl. Chemnitz, Hamburg, Köln, Aachen, München, Freiburg i. B., Straßburg i. E., Wien. Budapest, Paris, Florenz. — Bon Nah und Fern. — Briefkasten. Boryslaw. Berlin, 1*. Februar. bangem Genullt) sieht die Bevölkerung eiller ganzen Vjl Stadt dem ^0. Februar entgegen, der so nahe bevorsteht. Eine furchtbare Katastrophe muß konnnen, das weiß ein jeder, aber rathlos geht doch jedernialnl einher ilnd wartet der Dillge, die da kommen sollen. Am 20. Februar müssen alle von dem neuen Bergwerkgesetz betroffenen Schächte in Galizien geschlossen werden, so lveit sie nocl) nicht bereits gesperrt sind. Mehr als tausend Familien fleißiger jüdischer Arbeiter werden all diesem Tage brodlos werden, ohne daß Jemand zur Zeit sagen könnte, wo die Ariilen Arbeit und Brod fillden können. Unsdre Leser wissen bereits, daß vor zwei Jahren eine neue Borschrist für die Erdwachsgrnben in Borhslalv erlassen lonrde, durch die bestimmt wurde, daß die Schachte einen gewissen Abstand von 300 m von einander haben müssen. Dadurch wurden eine ganze Anzahl der Kleinbesitzer, die nur einzelne Schächte oder nur einen Th eil derselben besitzen, zur Einstellung ihres Betriebes verurtheilt. Vergebens hat man alle gesetzlichen Mittel versucht, vergebens sind Deputationen der Betroffenen in Wien gewesen, vergebens hat man eine Enquete veranlaßt, das Resultat ist immer gleich negativ gewesen. Wenn nicht früher, so doch zum 20. Februar 1900 müssen alle Schächte, die den neuen Anforderlnigen nicht entsprechen, geschlossen werden. Durch diese Maßregel, sind Hunderte von Arbeitern brodlos geworden, Tausende werden jetzt ihre Arbeit und ihre Nahrung verlieren. Man könnte sagen, dies sei eine geschäftliche Kalamität, wie solche nur zll oft Vorkommen, und die Arbeiter müssen eben sehen, wo sie anderweitig Arbeit finden, umsomehr als ja eine Anzahl Schächte in Betrieb bleibt. Aber in diesem Falle kommt noch ein besonderer Grund dazli, um die unglückliche Lage der Arbeiter zu verschärfen. Der Grund, gleichzeitig die Veranlassung. weshalb wir uns mit dieser Frage beschäftigen müssen, ist, daß die iveitans größte Mehrzahl der betroffenen Bergarbeiter Jlldell sind. Der jüdische Proletarier aber leidet immer doppelt. Zu dem gewöhnlichen Elend des schlecht bezahlten Arbeiters kommt noch die Schwierigkeit für den Inden, Arbeit zu finden, die der christliche Konkurrent ui weit geringeren! Maße empfindet. Freilich sind noch in Boryslaw selbst die Arbeiten nicht ans allen Gruben eingestellt, aber die im Betriebe verbleibenden gehören der Länderbank, und diese man denke, die von Juden gegründete Länderbank — nimmt keine jüdischen Arbeiter an. In den großen Kohlenbergwerken von Gnttmann. in den Eisenwerken von Rothschild re. — inan höre und staune! — werden jüdische Arbeiter nicht angenommen, lveil angeblich die christlichen Bergarbeiter mit einem Streik gedroht haben, wenn man jüdische Bergleute anstellte. Diejenigen jüdischen Fabriken, auch in anderen Branchen, in Galizien, die Inden einstellen würden, sind aber so überfüllt, der Zndrang von jüdischen Arbeitern aller Art dorthin, lvo es Arbeit giebt, so groß, daß es ganz hoffnungslos ist, für die demnächst brodlos werdenden Arbeiter Beschäftigung und Brod in in diesen Betrieben zu finden. Die Arbeiter in Boryslaw kann man gelviß zu den bescheidensten und fleißigsten Arbeitskräften rechnen, wie ans einer Enquete Pernerstorfers herorgeht. Dieser konstatirte vor drei Jahren, daß es in Boryslaw ca. 3000 Arbeiter jüdischer Religion gäbe, die für einen Tagelohn von 00 bis 30 Kreuzer 16 Stunden arbeiten, während die Mädchen 40 Kreuzer, die Kinder 10 bis 15 Kreuzer per Tag verdienen. Fast die Hälfte aller Bergarbeiter in Boryslaw, sowie auch der bei Tag die Produkte bearbeitenden Frauen sind Juden resp. Jüdinnen. Man kann begreifen, daß die Armen von diesem kümmerlichen Verdienst nicht sparen, nicht einmal einen Rothgroschen zurücklegen konnten. Es ist nicht das erste Mal, daß sich die Oeffentlichkeit mit dieser Angelegenheit beschäftigen muß. Als zum ersten Mal eine Reihe von Schächten geschlossen lonrde und jüdische Arbeiter brodlos werden umßten, da war das Interesse ungleich reger. Männer von Bedeutung und Ansehen bemühten sich um die Zukunft dieser bedrängten Arbeiterbevölkerung; es bildeten sich hier und da Komitees, die Gelder sammelten und nach Galizien sandten, um die erste Roth zn lindern; man machte auch mancherlei Versuche, für die Leute in Bergwerkerl und Fabriken, die Juden gehörten, Arbeit zu schaffen, überdies hatte nicht oft Erfolg, und selbst wo es gelang, wurde doch stets nur eine kleine Anzahl Leute nntergebracht. Die Jsrae-

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