Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1900)
- Date
- 1900-02-16
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 Die Welt kann also ruhig sein, es wird in Antisemitismus fortgearbeitet werden! — Beim Jndustriellenball hatten mehrere jüdische Großindustrielle die Ehre, vom Kaiser durch eine längere Allsprache allsgezeichnet zu werden, so erklludigte sich der Kaiser bei deul Webereibesitzer Herrn R ud olf S ti aßn h über die österreichischen Webereiverhültnisse nlld gillg bann zur Betheiligung der hiesigen Industriellen au der Pariser Weltausstellllilg über. — Dem Generalrath der österreichisch-lmgarischeu Bank Herrn S i e g nl n ll d Gold lvurde der Adelstand. und dem Geueralrath Ignatz Schreiber das Comthurkreliz des Franz Iosess-Ordens verliehen. — In Preß bürg wurde 311111 Andenken an die verewigte Kaiserin Elisabeth eine All statt zur Heranbildung von israelitischen Krankellpftegerillllen gegrülldet. — Durch eine soeben beim Kreisgericht in Znaim durchgeführte Strafverhandlilllg lvird erst jetzt bekannt, das; illl November des Vorjahres in der Ortschaft Nouchowan große a n t i se nl i t isch e Ansschreitullgen stattgefunden haben, die unter alleil voll den Tschechen allsgegaugenell Kralvalleil am längsten gedauert haben. Es wurden zahlreiche tschechische Flugblätter verbreitet, die unter Hilllveis auf den Mord in Polna gegen die Juden aufreiztell. An einem Sonntage rotteten sich 600 Persollell zusannnen, die johlend gegell die Häuser zweier jüdischen Kanfleute zogen nnb die Feilster mit Steilleu einwarfen. Der Bürgerilleister der Ortschaft befalld sich an der Spitze der Massen nnb bedeutete den Gendarmen, es lväre für sie von Nebel, eillzllschreiteil, da jedes einzelne Haus mit Gervehrell gefüllt sei. Als trotzdenl Gendarmerieverstärkung auriicfte, erneuerten sich die Steillwürfe gegen die Judellhäuser. Die Ausschreitungen wiederholten sich noch die gallze Woche.hilldnrch, bis sannntliche jüdischen Belvohner den Ort verlassen hatten. Der Haupträdelsführer wurde zu acht Monatell, vier andere Personen zu drei bis fünf Monaten schweren Kerkers verurtheilt. Neberdies werden sich noch der Bürgermeister des Ortes Nonchowan und 24 weitere Jllsasseil zu verantworten haben. B. Budapest, 10. Februar. Das Abgeordnetenhaus bekam heute zur Abwechselung wieder einmal zwei a utiseniitische Reden zu Horen. Zwei Speaker der katholischen Volkspartei rollten lvieder die Judenfrage anf. Einer der Redner behelligte das Halls mit seinen Ansichten über beit Wucher, die Judeninvasion nnb allerhand Angelegenheiten , delien die Juden galiz fern stehen, und beantragte schließlich, man möge die Kllltusgenleiilden auf nationaler Basis verstaatlichen. Der andere Nedller interpellirte in Allgelegeilheit des Kindesmordes in Nnmesztö. Seine Auslassullgen sind zu amüsant, als daß wir sie llicht wenigsteils in Kürze wiedergeben sollten. Zoltau Zmeskal — dies der Name des Redners — verwahrt sich gegell den Vorwurf des Alltisenlitismlls und erklärt, daß er an den Ritualmord gar nicht glaube. Doch lnüsse er die Sache zur Sprache bringen, weit er sieht, das; die Ulltersuchullg zu versumpfen droht. Er führt all, daß ein bosnischer Rabbiner einem Gymnasialdirektor gesagt habe: „Einen Ritualmord giebt es nicht und kann es llicht geben; wir brauchen wohl Christellblut, doch können wir es verschaffen, wenn wir einem armen Mell schell 1—2 Dukaten geben, der uns dafür erlaubt, seinen; Kinde so viel Blut abzuzapsen, als wir brauchen, und als den; Killde llicht schadet"! Redner hat auch voll einen; Rabbiner im Arvaer Komitat gehört, daß er an einem Ritualmord ttjeilgenommen habe! (Soma Visontai ruft ihm zu: „Das ist eine gemeine Lüge'"). Redner erklärt, von; Präsidentell einige Male unterbrochen, daß in Rußlalld, Galizien nild in der Märamaros fanatische Juden solche Morde begangen haben. Jedellfalls erregt es Verdacht, menn in einzelnen Gegenden Kinder spurlos verschwinden. So war es auch in Nnmeszto, wo man die Leiche eines Knaben gefunben, welchen! mit einem scharfen Instrument der Hals durchschnitten war. Glaublvürdige Zeugen haben geseheil, wie mehrere Juden in dem Hemd, das sie beim Gottesdienst tragen, ein Gefäß unlstandeu, in welchem sich angeblich Blut befand und in welches die anwesendell Juden hiueillspuckteu. Alle Verdachtsgrüllde richten sich darauf, daß der Mord thatsächlich von Juden begallgen wurde. Redner verlangt daher eine strenge Ulltersuchullg, denn jetzt seien die Leute lloch ruhig, aber die Gemnther sind schon in höchstem Grade erregt, und dies föimte in sozialer Hinsicht gefährlich werden. Nach alldem richtet er die Frage all den Justizminister, ob er Kenlltnis; davon habe, daß in Nämeszto ein Kind abgeschlachtet wurde, waruln die Untersuchung 31t versumpfen droht, und ob es lvahr ist, daß eine Judeudeputatiou beim Minister erschielleu ist, und ob nicht dieselu Nmstallde die Versumpfung der Voruntersuchung zuzuschreiben ist. Justiz min ist er Plüsz erklärt, daß eine Untersllchulig im Zuge sei, daß es sich um einen gewöhnlichen Fall, llicht llm einen Ritualmord handle, und daß die Angelegenheit allch danach behandelt lvird. Auf die einzelnen Fragen fönne er jetzt keine Antwort geben. In den heutigen Blättern erklärt das Jnstizministerinln. daß in dieser Angelegenheit gar feine Deputation beim Minister erschieilen ist nnb sich allch keine genleldet habe. Schweiz. 61 Et. Galle«, 10. Februar. Die hiesige israelitische Religionsgellossenschaft hat einen schweren Verlust durch deil Tod ihres Seelsorgers. Rabbiner Dr. Engelbert, erlitten, der nach ganz kurzer Krankheit ani 5. einer heftigeil Lnllgeneiltzüildullg erlag. Im Jahre 1830 geboren, machte der Verewigte seine Studien in Würzlnirg, Marburg und Verlill, und wurde nach Beendiguilg derselben als Rabbiner liach Elberfeld gewählt. In; Jahre 1866, als die hiesige israelitische Gelneiilde gegründet lvurde nnb man das Bedürfnis; ilach einem Seelsorger fühlte, der der neuen aufgeklärten Richtung hllldigte, lvurde derselbe liach St. Gallen berufen nnb hat bis zu feinem Tode mit seltener Hiilgebullg feinem Berufe obgelegen nnb durch seinen Einfluß Mld seine Liebenslvürdigkeit, solvie durch die schölle Tugend, jede religiöse Ueberzeugung zli achteil, ben Frieden der Gemeinde gefördert nnb sich allgemeiner Achtung mld Ehrerbietung erfreut. Durch feine Anregung gab er Anlaß sur Schaffung verschiedener Wohlthätigkeitsvereine in der Gelneinde nnb war stets anf seinem Posten, wenn es galt. Armell nnb Bedrängten beizustehen. Aber nicht nur in feiner Gemeillde förderte er solche Vereine, die das Gute anstreben lind die Noth zu lindern suchell, fonbern auch in unserer Stadt beteiligte er sich ail ähnlichen Bestrebungen nnb war ein thäriges Kommissions- Mitglied der Gemeinnützigeil Gesellschaft, des Hilfsvereins nild des Killderhorts, all bereu ©ebeifjen er regen Antheil nahm. Seill liebellswürdiges und bescheidenes Auftreten verschaffte ihm die Achtung Aller, die ihn fannteu, nild viele Freunde und Bekannte lverden ihll noch lange vennissen und seiil Alldenken in Ehren halten. — Engelbert hat tu früheren Jahren vielfach litterarisch sich bethätigt. Von ihm erschienen: „Das negative Verdienst des alten Testamentes itut die Unsterblichkeitslehre", „Ist das Schächten der Thiers liach jüdischem Ritus wirklich Thierquälerei?", „Statistik des Judenthuuls im Deutschen Reiche" u. s. w. Er war in feiner Gemeillde sehr beliebt lind gehörte der freisinnige,l Richtllllg innerhalb des Judellthums alt. Er ruhe in Frieden. Frankreich. © Paris, 9. Februar. Hier ist in der vorigen Woche Professor Louis Benloew, früher Professor und Rektor der Falkultüt zu Dijon, gestorbell. Benloew gehört 31t der llicht kleinen Zahl der dentschell Philologen, die in, Allfallge der vierziger Jahre nach Frankreich auswanderten, weil sie als Judel, in der Heintath keinen Wirkungskreis fanden. Es feien von ihnen Heinrich Weil lind S. Munk als die befanuteften genannt. 1818 zu Erfurt geboren, besuchte Benloew von 1827 bis 1836 das Gynutasium seiner Vaterstadt. Seine Universitätsstudieu machte er in Göttingen. Leipzig nnb Berlin. 1841 wanderte er nach Frankreich ans. Er erhielt eine Stelle als Lehrer der neuereil Sprachen in Nantes; 1843 fam er in gleicher Eigenschaft nach Bourges. 1847 lvurde er nach Paris gezogen, um ben Posten eitles Konservators bei der Bibliothek der Sorboltne 31t übernehmen. 1849 folgte er einem Ruse cn; die Fakultät 311 Dijon, bei der ihul der Lehrstuhl der alten Litteratilr übertragen lvurde. Ans Gesundheitsrücksichten gab Benloew 1882 fein Lehramt aus, nachdem er zuletzt Doyen der Fakliltät gelvesell lvar und seither lebte er ill Paris. Er war mit Meta Benfay. der Tochter des befaunten Sanskritisten Theodor Benfay, verheirathet. Ill die Wissenschaft führte sich Bellloelv sehr vortheilhaft mit eitler Ausgabe der Tragödien des Sophokles ein. Darall schlossen sich vergleichende Unterst!chnngen über die Sprache des Sophokles, Aeschylos und Euripides an. mit denen Benloew 1847 in Paris die Doktortvürde erlvarb. In der Folge beschäftigte sich Betlloew in erster Reihe mit sprachwissenschaftlichen Studien. Die Arbeiten Benloelvs bewegetl sich in der Richtung, daß daraus auch vielfach die Völkerkunde Nutzen gezogen hat. Allgenteine Beachtlmg fand Benloelvs gemeinsam mit Heinrich Weil bearbeitetes Werk „Allgemeine Lehre der lateinischen Accelltuation" vom Jahre 1855. AnZuschließen sind hier die Werke: „Die Accentnatioll der indoeuropäischen Sprachen (1848), „Grnndzüge einer Theorie der