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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-02-16 · Heft 7 (16.2.1900) · p. Seite 84

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 7 (16.2.1900)
Date
1900-02-16
Page
Seite 84 (sequence 14)
Language
German
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84 „Weswegen ich seufze?" antwortete Putiel, „wie soll ich nicht seufzen? Ich merke, daß mein Geld hier nicht ausreichen wird, bei den Dielen Ausgaben. Ich habe nicht viel mit mir genommen, denn ich wußte nicht, daß die Thaler hier zwischen den Fingern zerrinnen und die Deutschen sie einem ans der Hand reißen, wie Besessene." . . . Jetzt, oder nie. . . . „Und ich wollte Sie bitten, mir einige Mark zu leihen."... „Einige Mark? Auch Geld! Hier hast Du fünfzehn Mark." Ich eilte mit dem Gelde zu der Wäscherin. Die Freude der alten Frau kannte keine Grenzen, sie erschöpfte sich in Danksagungen und flehte den Segen des Himmels aus mich herab. Wein Herz aber uberströmte voll Dankbarkeit für Pntiel, der lnich von dem Gewissensqualen befreite, die mir die Thränen der armen Frau mit Morgen verursacht hatten. Bald war ich wieder bei ihm. Er erwartete mich schon mit Ungeduld, denn das Alleinsein tu der fremden Umgebung verursachte ihm Unbehagen. „Wollen wir nicht irgend wohin gehen, wo man Musik hören kann?" „Wissen Sie lvas, heute ist Konzert, es dirigirt N., der berühmteste hiesige Dirigent." „Weiß ich denn, wohin zu gehen, was zu sehen und lvas zu hören in dieser lärmenden und' rauschenden Stadt? Ich glaube, der Teufel selber würde sich hier nicht zurechtfinden. Ich bin ja in Deiner Hand, thu mit mir, was Dir gut dünkt. Du sagst Konzert, meinetlvegen, gehen wir ins Konzert. Ist mir auch recht". Wir betraten den Konzertsaal. Ich gab mich dem langentbehrten^Eenusse ganz hin. Die Töne überflutheten mich mit einem Meer von klaren und halbklaren Stimmungen. Ich vergaß auf eine Weile meine armselige und leidvolle Wirklichkeit, meine kleine, dumpfe und enge Welt verschwand, und vor mir entrollten sich unendliche Fernen voller Licht und Leben. Doch Putiel sorgte dafür, daß ich bald zur Besinnung kam. Ich hörte ihn jedesmal murmeln: „Ist das aber ein verteufelt kostspieliges Vergnügen . . . Was die sich für eine Eintrittskarte bezahlen lassen . . ." Als das Konzert zu Ende war, gingen lvir eine Weile schweigend neben einander, dann fragte ich, ob er sich gut unterhalten hatte. „Pah!" machte er, „lvas ist da Großes dabei?. Ich dachte, Wunder lvas man hier zu hören bekommt für sein theures Geld. Und da tritt ein alter Hexenmeister heraus, das ist Dein berühmter Dirigent, fuchtelt mit dem Stecken hin und her, und die Musikanten machen einen Höllenlärm, daß Einem das Trommelfell springen konnte. Ich muß Dir aufrichtig sagen, daß nach meinem Geschmack der blinde Israel bei uns daheim unvergleichlich schönere Musik macht, als diese da mit ihrem ganzen Apparat. Hast Du ihn einmal Kol Nidre spielen hören? Da können sich alle Deine berühmten Musikanten verkriechen . . .... Erft nach Mitternacht langte ich zu Hause an, todtmüde und erschöpft. Ich versuchte wohl nochmals mit Plato anzubinden, aber vergebens! Klein-Kurim. Nach dem Talmud Megilah 6 h Von Dr. S. Nasch er. ^^rauer soll man niemals klagen, Doch der Speisen sich erlaben Und die Freude lvürdig tragen An den kleinen Purinttagen. Oft das Große liegt im Kleinen, In dem kleinsten Kreise schalten Können, die sich seelisch einen, Und erkennen Gottes Walten. Doch wird nicht das Buch gelesen Von der Königin der Liebe. Die der Sternenglanz gewesen; Und das Gute still man übe. Denn dem Volkessrühling weihen Sollen lvir des Festes Freuden, Freude an die Freiheit reihen Von der Knechtschaft trüben Leiden. Sich zur Harmonie verschlingen Sollen Freiheits-Freudentage. Für den Hinnnel soll erklingen Dank am großen Purimtage. Fitterarrsche Mittherlungen. "Wie alljährlich, so stellt sich auch diesmal das Jahrbuch d e s V e r e i u s f ü r j ü d i s ch e Geschichte und L i t t e r a t u r, herausgegeben vom Verband der Geschichtsvereiue (Berlin 1900, Verlag Albert Katz. Band III) als eine willkommene Gabe zu rechter Zeit ein. Der stattliche Band vereinigt lvieder eine Reihe der hervorragendsten Gelehrten mit sehr werthvollen Beitrügen aus allen Gebieten unserer Geschichte und Litteratnr. Nach bem Jahresrückblick von Pros. Philippsoll uub einer litterarischen Revue vom Herausgeber dieses Blattes folgt ein gilt orientirender wnb sehr interessanter Essay von Prof. Siegfried in Jena: „Die Episode des jüdischeil Hellenismus in der nachexilischen Entwickelung des Judenthums"; hierall schließt sich ein lesenswerther Artikel über Wohlthätigkeit im tahündischen Zeitalter voll Lady Philipp Magnus. Eine sehr eillgehellde Studie von Prof. Hermann Cohen iit Marburg über „Liebe lmd Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch", verbreitet sich ill sehr gründlicher und gediegener Weise über das Problem der Attribute an sich, über die Begriffe der Liebe, Nächstellliebe und Feindesliebe, der Gerechtigkeit und Bergeltilng, Zahn um Zahn u. s. w. ans GrlUld der religionsphilosophischen Allschaliungen des Jndenthums. Eill fein ausgeführter litterarhistorischer Essay voll Rubeil Brainin childert uns den Gaon voll Wilna, während Nahida Nllth Lazarus ül gelvohllt liebeilswürdiger Weise llns auf Grund eines reichell Briesmaterials sehr hübsch erzählt, wie „Steinthal und Lazarus Brüder wurden". Die nelchebräische Litteratnr bespricht mit genauer Sachkenntniß Dr. S. Bernfel d. Der wissenschaftliche Theil schließt mit einem warmen uild schönell Nachrllf voll Prof. Dr. David Heillrich Müller auf den unvergeßlichen David Kaufmann. Dell llovellistischen Theil leitet eine neue itub spannende Erzählung von Israel Zangwill „Uebergang" (Trausitional) ein. Hierauf folgt eine größere Novelle alls dem jüdischen Lebell der halbvergangellen Zeit ill Schlesien „Die Tobten" voll Ulrich Frank, eine psychologisch sehr fein durchgeführte und interessante Schilderung jüdischen Kleiulebens. Zwei vorzügliche poetische Uebertragungen von Henriette Hirschberg schließen das Jahrbuch paffend ab. Aber allch die nachfolgenden Mittheilungen aus denl Verbände, das Verzeiehniß sämmtlicher Vereine und Redner, solvie der Bericht über die geistige Thätigkeit der Litteratur- Bereille wird sicher alle Leser tutereffireu. Man erhält daraus einen Neberblick über das Getriebe etnev weitverzweigten Thätigkeit, die schoil fast alle Genleindeil Derltschlands limspailnt und überall gute Resultate erzielt hat. Druck und Verlag voll Rudolf Blosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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