Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1900)
- Date
- 1900-02-16
- Page
- Seite 83 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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83 aufznsuchen. Einige Stunden lang lernte ich fleißig und war seelenvergnügt. Ich berauschte mich an dem köstlichen Genuß der Platonischen Philosophie, die ich gerade studirte. Welch ein sublimes, hoheitsvolles und durchgeistigtes System! Welch eine tiefe Kluft zwischen dieser Philosophie und der Philosophie des alltäglichen Daseins, der grobsinnlichen Existenz! Ich überließ mich immer mehr dem harmonischen Zauber dieser Lehre, - da vernahm ich plötzlich ein leises, schüchternes Pochen an meiner Thür. Ich öffnete. Es war die Gestalt der alten gebückten Wäscherin, die ich vor mir sah. „Verzeihen Sie, Herr, daß ich Sie störe . . . aber . . . vielleicht. . . mein kleiner Enkel ist krank, schwer krank, und ich habe feilten Pfennig für die Apotheke . . . Vielleicht tonnten Sie mir etwas Geld geben für die Wäsche, die ich Ihnen vor einigen Wochen gebracht habe ..." Ihre Stimme zitterte und Thrünen glänzten in ihren Augen. Ich war fassungslos; mein Herz pochte laut und grüne Feuerfunken zuckten vor meinen Augen. Mit bebenden Fingern tastete ich in der Tasche herum, obgleich ich ganz genau wissen konnte, daß sie völlig leer war. „Abends bring' ich Ihnen Geld," stammelte ich endlich mühevoll. Mein Gesicht brannte und das Herz wendete sich in der Brnist um. „Bitte, Herr, vergessen Sie nicht ... Es handelt sich um mein Enkelchen . . . mein armes, krankes Kind. . „Ich werde nicht vergessen, seien Sie beruhigt!" Ich hatte keine Ahnung, woher ich Geld nehmen könnte. Die alte Frau stand noch eine Weile schweigend da, dann seufzte sie laut auf und entfernte sich. Was thun? Was thun? — fragte ich mich unaufhörlich. . . . Ha, so blieb mir nichts übrig, als zu Putiel zu gehen imb ihn um ein kleines Darlehen zu ersuchen . . . Die Schamröthe stieg mir bei diesem Gedanken ins Gesicht . . . Doch darf ein armer Teufel sich den Luxus bieten, schamhaft zu fern? Wenn ich wieder Arbeit bekommen, lverde ich ihm sein Geld zurückerstatten. Ich ließ Plato liegen und ging zu Putiel. Kaum setzte ich den Fuß in sein Zimmer, als er mich schon mit Klagen überhäufte. „Wie kannst Du mich nur meinem Schicksal überlassen in der fremden Stadt, unter diesen Menschenfressern? Ich warte eine Stunde, zwei, drei, vier Stunden, und wer nicht kommt, das bist Du. Ich dachte schon, Du würdest nicht mehr kommen. Scheint, meine Gesellschaft behagt Dir nicht sonderlich." . . . . „Ich konnte nicht kommen, ich hatte zu lernen." . . . „Pah, was bringt Dir Deine Philosophie?" „Haben Sie gut geschlafen?" „Die ganze Nacht Hab' ich kein Auge zugemacht. Ist das aber ein Bett! Kissen so dünn, wie die Scheiben, und eine eentnerschlvere Decke, daß ich darunter beinahe erstickt wäre. . . . Morgens bestelle ich Thee beim Kellner. Ich dachte, daß man mir einen kochenden Samowar bringen wird, wie das unter anständigen Menschen üblich ist, und da bringt mir der Kerl eine Art Gefäß mit lauem Wasser und darin einen Haufen verfaulter Blätter. Und dies neunen die Menschen Thee! Ha! Ha! Ha!" Ich erwiederte nichts, denn das verzweifelte Gesicht der alten Wäscherin stand vor meinen Augen. „Aber was sitzen wir denn hier in diesem muffigen Loch?" unterbrach Putiel das Schweigen. „Es muß doch in dieser großen Kaiserstadt schöne Sachen zum Anschauen geben. Zeig' mir doch die Sehenswürdigkeiten. Was werden die Leute sagen, wenn ich nach Hause komme und mau mich fragt, was ich draußen in der Welt gesehen habe, und ich nichts zu erzählen weiß." Wir gingen ins Museun. Ich brachte ihn in die Gemälde- und Skulptnrensammlung. „Pfui! Pfui!" spuckte mein Begleiter dreimal ans. „Was ist denn das? Ich dachte, Du turnt mir Kostbarkeiten zeigen, die königliche Schatzkammer, goldene Gerüthe, Brillanten und Gott lveiß was. Am Ende, tvas seh ich da? Götzenbilder, freche, schamlose, nackte Weiber, dummes Zeug und unzüchtige Sachen, daß man erröthen muß . . . Weiß der Teufel, tvas diese dummen Menschen da hertnnstehen und gaffen, als gäbe es Wunder tvas zu sehen." „Aber, das ist ja Knust," tvagte ich schüchtern eiuziU tuenden. Putiel ztlckte verächtlich die Achseln und ließ ein überlegenes Pfeifen vernehmen. „Was? Kunst? Das ist eine Kunst? .... Sieh nur das Bild Dir gegenüber an. Ein Haufe von armen Teufeln, zerlumpten , barfüßigen Bettlern. Kunst! Und auch das Bild haben sie mit einem vergoldeten Rahmen eingefaßt! Verrückt!" Wir gingen in die Abtheilung für Alterthümer, wo die Denkmäler antiker Völker, merkwürdige Ueberreste verschollener Religionen und Kulturen, Grabmäler und Hansgeräthe anfbewahrt werden. Das tvar meinem Putiel schon zu viel. „Was ist denn das? Verschimmelte Scherben und rostige Töpfe! Das ist ja lauter altes Eisen. Und das da? Pfui! Heidnische Götzenbilder .... Unsintt .... für den ganzen Plunder gebe ich keinen zerbrochenen Schilling . . . Komm weg von diesem Trödel!" Wir gingen. Draußen ließen tvir uns auf eine Bank nieder. Putiel betrachtete aufmerksam den wundervollen Knnsttempel, der sich mit seinen schlanken Säulen und anmuthigeu Linien leicht und duftig von dem blauen Himmelsgrund abhob. „Was mochte wohl dieser sonderbare Bau gekostet haben," bemerkte er. Seine Augen leuchteten, und ein unsägliches Staunen malte sich in seinen Zügen. „Wenn ich die Hälfte von beut Gelde in Händen hätte, tvas für Geschäfte könnte ich dauüt unternehmen. Und da baut man einen solchen kostbaren Palast, um darin mit Farbe beschmierte Leiuwandfetzeu aufzuhängen und die prächtigen Säle mit alten, vorsiutfluthlichen Scherben vollzustopfen." .... Ich hörte nicht weiter, denn in meinen Ohren klang das Jammern der alten Frau: „Mein Kind ist krank, und ich habe nichts, wofür eine Medizin zu kaufen." In diesent Augenblick nahm ich mich zusammen und wollte schon mit meiner Bitte um ein Darlehen Herausrücken. Im Geiste verfaßte ich sogar eine passende Formel, aber diese wollte mir um keinen Preis voll den Lippen. Ich fühlte, daß ich krebsroth im Gesicht tvurde, Fieberschauer durchrieselten ntich, und meine Zunge klebte atn Gaumen. Als ahnte Putiel mit seinem Instinkt die Gefahr, die seinem Geldbeutel drohte, stieß er einen schweren Seufzer aus. „Weswegen seufzen Sie?"