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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-02-16 · Heft 7 (16.2.1900) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 7 (16.2.1900)
Date
1900-02-16
Page
Seite 82 (sequence 12)
Language
German
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82 Die Erklärung tag wohl zum Theil in der beiderseitigen Frömmigkeit. Protestanten und Juden ideutifizirten sich dermaßen mit ihren religiösen Gefühlen. das; sie es für ganz natürlich hielten, jeder in seinem Lager zu bleiben. Diese Beschränktheit trug noch das ihrige dazu bei, mir den Aufenthalt in Holland leidig zu machen. Als ich nach Frankreich kam, athmete ich auf. Dort wusste man damals von diesem Gegenstand überhaupt nichts; man konnte jahrelang unter Familien verkehren, ohne daß nach der Konfession gefragt rvurde. Das Wort Antisemitismus war zu jener Zeit noch nicht in Deutschland erfunden und von Deutschland ans über die Welt verbreitet worden. Als ich später nach Deutschland zurückkam, rvar ich der Sache so fremd, daß ich mich ganz naiv zil ihr verhielt, und der große Zug der politischen Bewegung vom Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre hob die Stimmung über das Gemeine hinweg. Erst nach der Mitte der siebziger Jahre, als der Wind von oben nach der Reaktion Umschlag, in Verbindung mit dem Rückschlag der Gründerzeit,, drängte sich mir auch im Schoße meiner eigenen Parteider Anfang der Bewegung auf. und ich fing an, ans meiner Naivität heransznkommen. Doch blieben mir die schlimmsten Erfahrungen noch Vorbehalten." Nicht weniger interessant als die Schilderung der Dynastie Bischoffsheiin ist in beu Memoiren tum Bamberger die der Familie Kö n igswarter. Bei einem Mitgliede dieser Familie, dem Pariser Bankier Leopold Königswarter, tvar sein Freund Ludwig Simon aus Trier, der bekannte Denlvkrat, angestellt, imb dieser Umstand bringt Bamberger darauf, in seinen Erinnerungen von dieser Familie zu sprechen. Die Eigenlhümlichkeit des Typus, die Geschicklichkeit und Energie, der Ehrgeiz und die Beimischung des Affektirten und Komischen wird in seiner Schilderung mit wenigen Strichen nur angedeutet, aber Jeder, der diesen Typus kennt, wird über die Meisterzeichnung sich freuen: „Die Dynastie der Königswarler staunnt ans Fürth in Bayern, einer der ältesten und fruchtbarsten Judengemeinden Deutschlands, nur etwa von Worms darin übertroffen. Unter ihren Glaubensgenossen standen von langer Zeit her gerade die Eingeborenen dieser zwei ältesten Gemeinden im Rufe, ein starkes Kontingent närrischer Käuze zu liefern, was vielleicht durch eine gewisse, ans der überschießenden Geistessülle des abgesonderten und eigenartigen Zusammenlebens heransgeivachsene Originalität 31t erklären ist. „Further Starren" und „Wormser Narren" waren im Jargon der Synagoge sprichwörtlich. Das war aber durchaus kein Symptom untergeordneter Veranlagung. Im Gegentheil wies es auf eine geistige Ueppigkeit hin. die durch die Abnormität der bürgerlichen Stellung zu grotesken Auswüchsen treiben konnte. Wenn es loahr gewesen fein sollte, daß die Gemeinden voll Fürth und Worms ein besonders starkes Kontingent solcher Figuren stellten, so muß doch ergänzend gesagt werden, daß der eigenthümliche Typus, welcher hier unter der Bezeichnung des Närrischerl auftritt, eine menschliche Spielart umschließt, die so ausgesprochen viel häufiger unter Inden, als unter andereil Volksgattungen vorkommt. Sie charakterisirt sich nämlich durch eine gewisse Komik, Beimischung des selbstgefällig Komischen, die sich Uw Uebrigen mit allen Segnlmgen des Geistes und des Herzens znsammenfindell kann. Ich habe eine Reihe non Männern gekannt, die z. B. ihr Geschäft und überhaupt ihr Interesse ausgezeichnet verstanden, vortreffliche Familienväter und Freunde turnen und dennoch das ausgeprägte Zeichen dieses aus Selbstgefälligkeit. Affektation und Komik zusammengesetzten Wesens an sich trugen. Jtl der ziemlich umfangreichen Noman- und Novelleulitteratur, welche jüdisches Leben behandelt, kommt diese eigenthümliche Spielart kaum vor; am meisten nähert sich ihr noch Heines Gnmpelino in den Reisebildern, der eben Porträt nach dem Leben eines seiner reichen Verwandten ist. Atlch die weibliche Spezies ist dafür vorhanden und beinahe ebenso häufig wie die rnätltlliche. Sie liefert Typen von ztveierlei Richtung, die schöngeistigen nttd die aristokratischen und vielfach mit erstaunlicher Geschicklichkeit und Anpassungsfähigkeit. Der Prinzipal des braven Siulon halte attch eilten Anflug dieses Wesens an sich, allerdings nicht nach der aristokratischen Seite hin. Er tvar in beu Zeiten der Jülimonarchie nach Paris gekommen und hatte sich in die Sinnestveise der republikanischen Opposition eingelebt, mit der er unter Lollis Napoleotts Kaiserthnm zusatnulenhielt. Der kleitte dicke Mann trug den breitkrämpigen Hut, Chapeau Tromblon gettannt, der als ein besonderes Erkennungszeichen starker repttblikatlischer Charaktere galt. Solch einen trug attch der Advokat Floqnet, als er ihtt vor dem Kaiser Alexander im Justizpalast tticht abzog. sondern rief: Vive la Pologne, oui Monsieur, vive la Pologne! Andere Zeiten, andere Sitten! Der brave Leopold meinte es grundehrlich und war sehr stolz darauf, einen Heros des Frankfurter Parlaments mtf seinem Kotntor zu habet!. Attch feine Frau tvar eine vortreffliche Dame, aber ebenfalls mit einem Stich ins Komisch-' Schönselige. Eines Tages — wir saßen zusammen an Hartmanns Bett — richtete sie die Frage an mich: „Schwärmen sie auch so für Klima?" Die Familie Königswarter war durch bedeutende Finanzgrößen in den nteisten Hauptstädten des Festlandes vertreten, in Paris. Frankfurt, Amsterdam, Wien. In Paris hatten es noch drei Vettert! des Leopold jeder zu besonderen Stellungen gebracht. Einer, Heinrich, ward Gesandter des Herzogs Ernst von Kobnrg, zur Zeit, als dieser ein gern gesehener Gast in den Tuilerien war und seine Oper unter deren Auspieien anfführen ließ. Ohne Ztveifel stand er dein der Finanzknnst oft bedürftigen Herzog mit seinem sachverständigen Rath nützlich zur Seite. 'Ein Anderer. Max mit Namen, hatte sich den! Stern Louis Napoleons anvertrant. als derselbe noch Prästdentschastskandidat war und soll zur Finanzirnng des Staatsstreiches seinen Beitrag geliefert haben. Als einer der ergebensten Bonapartistetl erhielt er einen Sitz in der Deputiertenkammer. Kurz vor den! Krieg ward er auch noch zum Baron de l'Empire gemacht. Endlich ein dritter, Louis, von der hollätldischen Linie, wurde, als er noch in Amsterdam wohnte, wegen einer juristischen preisgekrönten Abhandlung Korrespotldent des Instituts, siedelte bald nach Paris über und lebte da als reicher Rentner im Abglanz seiner akademischen Würde. Alle lvaretl geschickte, brave und kluge Leute, aber Jeder, wie man sagen könnte, mit seiner besonderen Pose. Als der Bedeutendste^von Allen galt Moritz in Wien, kaiserlich königlich österreichischer Baron, der auch bei Weitem die meisten Millionen von Allen hinterließ." Es ist in der That. recht schade, daß dieser Typus, von deul übrigens die Rothschilds sich vollständig frei gehalten haben „sie begnügen sich Rothschilds zu sein und habet: keine anderen Aspirationen", in unserer novellistischen Litteratnr keine Vertretung gefunden hat, wobei ich übrigens en passant die Bemerkung Bambergers rektifiziren möchte, daß Heines GumpeUno ein Porträt nach dem Leben eines seiner reichen Verwandten sei. In: Gegentheil! Der Bankier Gnmpel tu Hamburg, den Heine persislirte, tvar ein Konkurrent und Gegner seines Oheims, und er glaubte wohl diesem durch die komische Schilderung in den „Bädern von Lucca" eine Freude zu machen. 0. K. EUILLETON Lose Blätter aus dem Tagebuche eines russisch-jüdischen Studenten. Von Dl Bra inin. V. 12. Juni 189 .. . Q& dj hatte mir am heutigen Mvrgen vorgenommen, mich keinen Augenblick länger von Putiel stören zn lassen, der mir seit drei Tagen die ganze Zeit raubte. Ich hatte es satt, sein Cicerone zu sein, und es war mir lieber, hungernd in meinem engen Zimmerchen bei meinen Büchern zu sitzen, als in seiner Gesellschaft herumzustreifen und Restaurationen

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