Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-02-16 · Heft 7 (16.2.1900) · p. Seite 81

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 7 (16.2.1900)
Date
1900-02-16
Page
Seite 81 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228373--56188-3292474
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

oder auch den Grundsatz nach der kaufmännischen Buchhaltung ausgedrückt: „Ein Kind hat kein Folio" (im Hauptbuch nämlich). Vergnügen galten immer als etwas Verdächtiges und Illegitimes. Eine Figur wie diese Großmutter, die ich noch gut kannte und die erst 83 jährig starb, als ich scholl in Holland lebte, wäre als Typus, wem: auch als ein exeeptionell hervorragender, ein dankbarer Vorwurf für eine besolldere Darstellung". Wie schade, daß Bamberger, der so feine Charakterköpfe zu meißeln verstand, sich nicht au diese Darstellung herangewagt hat. Als besonders charakteristisch erwähnt er für seine Großmutter, daß, während die Mainzer, ulld besonders die Juden, sich zu den Franzosen lebhaft hingezogen fühlten, denen die Letzteren ja ihre bürgerliche Freiheit verdankten, sie selbst eine lebhafte Sympathie für deutsches Wesen hatte, genau so lvie die Mutter Heines. Von ihrer elterlichen Gewalt lvar sie so durchdrungen, daß sie bereit unbegrenzte Macht über die intinlstell Angelegenheiten ihrer längst verheiratheten mtb selbständigen Söhne zu erstrecken verlangte. Bamberger führt ergötzliche Beispiele dafür an. In ihrem Lebenskreise war die „alte Bischoffsheimerin", lvie sie genannt wurde, für ihre Klugheit ulld Ullbeugsamkeit bekannt. In dieser Schule vorbereitet, brachten es die beiden von der Natur außerordentlich begabten Söhne sehr rasch zu guten Anfängen. Der Aeltere gründete sein erstes Bankgeschäft in Amsterdam und der Jüngere in Antwerpen. Nachdem Belgien ein selbständlges Königreich gelvordeu, siedelte dieser nach Brüssel über und gelangte dort zu ansehnlicher Stellung. Auch lvidmete er sich eifrig den öffentlichen Angelegenheiten und erlvarb sich bald Ansehen llnd Freunde unter den hervorragendell! Persönlichkeiten des neu aufstrebenden Staates, sowohl unter j den Liberalen wie unter den Katholiken. Als es galt, die erste j Landesbank zu gründen, lvar es Bischoffsheim, der die Grundj läge dazu allsarbeitete. Männer, lvie Nothomb, der belgische j Gesandte in Berlin, der Ministerpräsident Malou, das Hallpt! der katholischell Partei, Frere-Orban, ebenfalls Ministerpräsident; und Führer der Liberalen, waren ihm ergebene Freunde, die! nichts ohne seinen Rath unternahmen. Irr beu letzten dreißig Jahren seines Lebens nahm er eine solche Stellung in Belgien ein, daß, lvie Bamberger erzählt, fein Hans von früh bis spät belagert lvar von Allell, die seilles Rathes oder seiner Hilfe bedurftell. Mit einenl überaus hellen mtb erfindungsreichen Kopfe verband er ein illlendlich liebevolles Gemüth; das große Vermögen, daß er allmälig erworben, kmn feiner schrankenlosen Wohlthätigkeit zu Gute. Sowohl Leopold I. wie seill Sohll ehrten ihn mit besonderem Vertrauen. Die Stadt entsalldte ihn sowohl in ihren Eemeillderath wie in beit Senat, dem er bis an senl Lebensende angehörte. Sein im Jahre 1883 erfolgter Tod wurde in gailz Belgien aufs Lebhafteste beklagt. Die Stadt Brüssel gab dem Boulevard de bObservatoire, wo sein Wohnhaus stalld, bett Namen „Boulevard Bischoffsheim" Ulld wählte, um sein Andenken zu ehren, seinen, bis dahin dern öffentlichen Leben ganz fernstehenden Sohn zu seinem Nachfolger im Senate. Seille freigebigen Werke waren mit Vorzug immer deill Ullterrichtslvesell zugewandt worden, und die Lehrerwelt schützte ihn als ihren größten Gönner. Hier haben wir einen jener Lebensläufe in aufsteigender Linie, wie sie deutsche, französische ulld englische Juden im abgelaufenen Jahrhundert oft durchgemacht haben. Ich rathe allen Denen, die sich für solche kulturgeschichtliche Erscheinungell interessiren, die Schilderung der Laufbahn der beiden Bischoffsheim in beu Memoiren von Bamberger aufnlerksaln durchznlesen. Als Bamberger durch die Reaktion gezwungen ward' seine juristische mit der kaufmännischen Laufbahn zu vertallschen, wurde ihni die Peinlichkeit eines solchen Uebergangs sowohl dllrch die verwandtschaftlichen wie durch die intellektuellen Sympathien mit feinen beiden Oh imen wesentlich gemildert. Das Bankhaus Bischoffshein: hatte damals seinen Hauptsitz an vier verschiedenell Plätzen; das Stammhaus lvar in Alnsterdanl, doch war der Stift r desselben 1848 von dort lveggegangen und hatte nur einen Stellvertreter zurückgelasseu. Er selbst stand an der Spitze eilles neu etablirten Hauses in Paris, in Antwerpen lvar das zroeite Geschäft und in Brüssel eine Filiale. Endlich hatten die beiben Brüder Bischoffsheim gemeinschaftlich mit einem Schwager Goldschmidt in London ein großes Bankhalls errichtet. Alle diese fünf Häuser lvaren zu genleinsanler Arbeit verbnrlden. Bamberger trat feine Lehrzeit in London all. Tie Firma hieß damals Bischoffsheim, Goldschmidt & Avigdor. Letzterer gehörte einer damals in Nizza ansässigen Familie an ulld war der Schwiegersohn eines der angesehensten englischen Finanznlällner, der in der City und in der jüdischen Gemeinde eine große Stellung eillliahln, Sir Jsaae Lyon Goldsmidts, beffeu Sohn als Jurist und Mitglied des Unterhauses später eine Rolle spielte. Dieser Avigdor lvar aber mehr Kavalier als Fillanzlnann. Er lvar ein Freund Louis Napoleons, und der Glanzpunkt seines Lebens lvar, daß er einmal in seinem Heimathlande, damals zilln Kölligreich Sardinien gehörend, eill Duell mit dem jungen Cavour gehabt hatte. Der führende Chef des Hauses lvar Dr. Goldschmidt. Er war, lvie Bamberger, von Hause aus Jurist, hatte in Heidelberg seille Studien absolvirt und lvar aus freien Stücken in das Bankfach übergetretell, zugleich lvar er ein grülldlich humallistisch gebildeter Mann mit lebelldigem Sillll für Politik und Wissenschaft. So hatte Baillberger einen Prinzipal, der das Bittere, was für den ill der Schule des Lebells gereiften Mann die Bekteidullg einer LehrLlugsstelle in einem Bankgeschäft haben mußte, sehr wohl mitfühlte und sein Möglichstes that, ihn danlit auszusöhllell. Mit der Zeit lebte sich Baniberger, lvenn and) widerstrebelld, ill seinen neuell Berllf eill, ulld llach lvelligen Jahren schon überuahnl er unter der Firma L. A. Baniberger & Co. eine kleine Filiale des Hauses in Rotterdanl. lieber das dortige soziale Leben schreibt er: „Sehr widerwärtig lvar mir die vollständige soziale Trennung zlvischeu Christen und Inden. Etwas Aehnliches kannte ich zlvar von Deutschland her; doch hatte es in die Kreise lneiner Stndiengenossen danlals gar nicht hineingereicht, und die in England und Belgien verlebten Jahre hatten mich die soziale Bedeiltung konfessioneller Ullterschiede ganz vergessen lassen. Im Gegensatz zu ähnlichen Erscheinungen allf dentschenl Boden lvar eigentlich von Rassenhaß keine Rede, auch ilicht von Neid, da es in Holland unzählig viele reiche Christel! ulld sehr viele arme Judell gab, besonders in Amsterdam, wo sie auch viele grobe Handlverke trieben, namentlich als Lastträger bei denl Aus- und Einladen der Schiffe schlvere Arbeit thaten. Ebensolvellig konnte mau die Scheidung der Bulgarität des Auftretens znschreiben; denn die deutsch-polnischen Elemente der Jilden ftauben zwar auf einer sehr iliedrigen Stufe, aber die Abkömmlinge der portugiesischen Einwanderung, welcher Spinoza angehört hatte, hielten sich sehr vornehm und sllchteu ihrem adeligen Nalnen Ehre zu niachen. Die SpaltlNlg war unl so auffallender, als nach dem Gesetz schon darnals ill Hollalld nicht nur völlige Rechtsgleichheit denl Buchstaben nach galt, foubevu auch praktische Anwendung faud. Ein Illde, Godefroi, wurde sogar Justizminister, und in der Armee gab es jüdische Offiziere.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.