Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1900)
- Date
- 1900-02-16
- Page
- Seite 80 (sequence 10)
- Language
- German
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so segnen; des Grundsatzes von der Siuueswahrnehmung triebt der Talmud sogar eine, man kann sagen, je länger je lieber gehegte astrouonlische Tradition mtf zu Gunsten einer auf sinnlicher Wahrnehmung beruhenden Anschauung, die erst auf spekulativen: Wege in ihrem richtigen Zusammenhang erkannt worden ist. Im Anschluß all einen Hinweis auf jene kosmischen Grundgedanken der Pythagoräer, die, nachdem sie längst verfallen waren, von Kopernikns wieder ausgenommen und lveiter ausgeballt worden, sagt nämlich der Talunldlehrer Raba: „Die Weiseil Israels sind der Meinuilg, die Sonne wandte in der N'acht über der Hinnuelssphäre, während die Weisen anderer Völker der Ansicht sind, daß sie in der Nacht unter der Erde luanble ich halte die letztere Ansicht für die richtige gegenüber der nllseren, denn zum Belveise finden wir, daß die Gewässer an beu Quellen in der Nacht wärrner fiub als am Tage, was wohl von der Einwirkung der Sonne in der Nacht ullter der Erde herzuleiten ist." Ein älterer Zeitgenosse Giordano Brunos war der berühulte jüdische Gelehrte Asaria de',' Rosfi aus Mantua. Sein Hauptwerk „Meor Enajim" lAugenleuchte) zeugt von seinen: erleuchteten Geiste und seiner kritischen Schärfe in der Auffassung der geschichtlichen Begebellheiten. Er prüft und sichtet vorurtheilsfrei und gelangt in feiner Forschung zu Ergebnissen, vor denen die Fallatiker seinerzeit zurückschaudertell. Und doch war er ein Mann von lauterer Sittlichkeit und tiefer Religiosität. Seine berühmte Schrift, die ihm viel Verfolgung zugezogen, war in christlichen Kreisel! verbreitet und dürste wohl auch auf Giordano Bruno kritisch anregend gewirkt haben. In Giordano Brunos tiefsinnigen, philosophischen Gedanken finden sich lnanche Arlklänge an den Talmud und die Kabbala, wenn gleich in anderer Jdeenverknüpfllng, zun: Ausbau seines kosluologischen Systenls. So beispielsweise die Vielheit der Welten und die Beseeltheit der Welt, lvelche Ideen wieder ihrerseits in der alten griechischen Philosophie ihren Ursprung haben. In jener Zeit des geistigen Sturmes und Dranges, wo die Geister so heftig auf einander platzten, daß die Funken in vollen Garben sprühten, wo das Studium der Bibel, des Tallnud, der Kabbala unb der jüdischen Religionsphilosophie von Humanisten und Doininikanern eifrig betrieben wurde, schwirrte die Luft von talmudischen und kabbalistischen Aussprüchen. Der Sohar, das Hauptwerk der kabbalistischeu Geheimlehre, stellt die Liebe als metaphysisches Grundprinzip der Welt auf, und der geistvolle jüdisch-italienische Philosoph Leo del Medigo, der riicht lange vor Giordano Bruno gelebt, schrieb ein anziehendes Werk „Dialoghi d’ amure“ lGespräche von der Liebe), in welchem er die Liebe als den Urgrund der Schöpfung feiert: „Mit Liebe hat Gott die Welt hervorgebracht, regiert und verbindet danlit auch die Geisteswelt und einigt sich mit der Körperwelt vermittelst der Liebe. Die Seele des Menschen muß aber ihrem Schöpfer Liebe entgegenbringen, dann erreicht sie ihr Ziel. Dieses besteht in Tugend und Weisheit. Durch die Innigkeit des Menschen zu Gott wird die ganze Natur veredelt und zur Vereinigullg mit Gott gebracht." Die tiefste Grundstilunlung des dichterischen Philosophen Giordano Bruno ist die Liebe zum All Einen. Von heißer Sehnsucht nach demselben erfüllt, möchte er es liebend umfassen. Er fühlt sich von der eisigen Zeit kalt berührt und haucht seinenSchlnerz darüber in erhabenen, mächtigergreifenden Worten aus: „Von heißer Sehnsucht sterbend, muß ich leben, Wie zwischen Höll' und Hinimel nnrß ich schweben, Wünsche und Zweifel. beide zu Hanf. — Doch wnßt' ich die Liebe anzuktagen; Wie könnt' ich ohne sie denn selig sein'. Nie will ich ihrem Dienste mich versagen, Schafft sie ulir auch die thräneuvollste Pein." Es sind 300 Jahre verflossen, seitdein Giordano Bruno für seine Ueberzeugung den Flamnlentod erlitt, und sein Gedächtniß wird an' diesen: Tage in vielen Kreisel: gefeiert. Das Judenthum hat zwar mit seiner mystisch-pantheistischen Weltanschauung nichts gemein, aber wenn es das Andenken gilt an einen Mann, der wegen seiner Lehre auf dein Scheiterhaufen enden lnußte, dann steigen in unserer Erinnerung tausend lodernde Flammen auf, die grausame Hände entfacht, um ungezählte Mengen Unschuldiger aus verblendeten: Wahr: zu vernichten. Die Flannnen sind wohl erloschen, doch nicht erloschen ist der Glaubenshaß unter den Menschen. Aber ein erhebendes Wort der Erniunterung zum tapferen Ausharren auf den: dornenvollen Pfade zum hehren Menschenziele friedlicher Verbrüderung hat der gefeierte Märtyrer füralle Diejenigen hinterlassen, die noch iuuner in: harten Kampfe für Denk- und Gewissensfreiheit zu leidel: und zu dulden haben, ein Wort, das wie eine leuchtende Fackel die Seele mit hellem Muthe spornt: „Auch Der, auch Jener, der so tapfer lief, daß mar: bekennen nnrß, er hätte es verdient, das Ziel zu erreichen; er hat das Seine gethan, ob er schon nicht den Sieg gewann; der aber fehlt, der inmitten des Laufes verzweifelt und Halt macht, und llicht vielmehr, mit aller Kraft seines Athems und seiner Triebe, und wäre es als Letzter, hastet, an das Ziel zu kommen." Ludwig Aarnbergers Erinnerungen. Jn. ^>ine der interessantesten Partien in den: Buche von er) Bamberger sind die Mittheiluugen über die Familie seiner Mutter, zunächst seiner Großlnutter und seiner beiden Oheime, der in der Finanzwelt und auch sonst ruhmlichst bekannten Bankiers Bischoffsheim. Das Bild der Großlnutter steht vor uns, wenn lvir der Schilderung Bambergers ausmerksan: folgen. Sie war eine kleine magere Frau, mit seltener Verstandesschärfe und Energie begabt nnb sehr streng. Ihren Mann hatte sie an der Kriegspest verloren, welche in: Jahre 1813 durch die große Armee mtf den: Rückzug aus Rußland nach den: blockirten Mainz gebracht worder: war. Sie blieb nnn mit fünf Kindern in beschränkten Verhältnissen zurück, aber sie erzog diese mit der patriarchalischen Strenge, lvelche in den älteren Generationen noch aus alter Ueberlieferung sich fortgepflanzt hatte. Bamberger sagt darüber: „Mit mancheranderettStammeseigenthümlichkeit des Judenthums hat sich in dem modernen Leben^auch diese, lvenngleich manchmal excessive, doch in: ganzen heilsame Autorität der Eltern verloren. Manche Stichworte der großlnütterlichen Weisheit waren noch auf mein elterliches Haus übergegangen, lvie z. B.: „Ein Kind ist kein Ich", wenn wir irgend eine Meinullg oder einen Wullsch mit ich anfingen. Oder auch wenn wir sagten „ich will",^„Ein Kind hat keinen Willen,"