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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-02-09 · Heft 6 (9.2.1900) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 6 (9.2.1900)
Date
1900-02-09
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 für Bedürftige aflcv Art. Von Elfteren nenne ich dos Rothschild'sche Hospital (sogenannte Kippestube), das Georginen-, das Clementinen- und das Gemeinde- (sogenannte Königwarter'sche-) Hospital, dem beispielslveise voll Frau Baronin M. E. v. Rothschild ein großartiges Zeichen der Werthschähnng zugedacht wurde, an deren Spitze sehr tüchtige Männer stehen. Letzteres ist seit neuester Zeit mit einem Verein zur Ausbildung von Krankenpflegerinnen verbunden lind lverden die Schwestern, deren Zahl jetzt schon 28 (20 jüdische und drei christliche) beträgt/ von drei bis vier renommirten Aerzteu, welche hier funktionireu. ansgebildet. Jmnier mehr lvächst die Zahl der hier sich ansbildcnden Schwesteril, doch werden nur körperlich und geistig brauchbare Mädchen angellonlmeu. So ist auch voll der Jndenheit die schone Eillrichtluig der Ausbildung voll Krankenpflegerinnen in Angriff genonlmen lind in einigen Großgemeinden zur herrlicheil Ausführung gelangt. Das hiesige Institut hat schon eiilige besonders taleutirte Mädchen nach Hamburg, Köln n\ abgegeben. Anch das „Gnlnpert'sche Siechenhaus" gelließt den Segen dieser Einrichtung. Letzteres Hans ist ganz umsonst den Leideildeil auf immer geöffnet, wie auch das Rothschild'sche. Jll dell anderen Spitälern ist bei bewnndernslverther Pflege eine Vergütung für Einheimische und Fremde in der Regel von mu* 8 bis 5 Mark zn zahlen. o. Mttlicheu, 4. Februar. Das; es anch tu unserer Stadt- G e in e i u d e - V e r lv altllng nicht an antisemitischen Elementen fehlt, zeigt die folgende Geschichte, die jüngst hier passirt ist. Zwei Israeliten, hochachtbare Männer, lvurden zu Armenpflegschaftsräthen geivählt. Darauf legten ihre Bezirkskollegen ihre Aemter nieder. Sie wollten init keinem Inden zusammen arbeiten, oder eitlen solchen als Obmann haben. Vielleicht giebt die für München sehr unrühmliche Affäre den Anlas;, einmal einen kräftigen Anlauf zu der höchst dringenden Reform des an Schäden, namentlich auch am Persönlichen Gebohren krankeilden Münchener Armenweseus zu nehmen. Oesterreich-Angarn. O Wien, -">. Februar. Seit dem so schon orraugirteu und kunstvoll inseenirten „Nitualmord" in Polna ist es den angestrengten Bemühungen der vereinigten Antisemiten noch immer nicht gelungen, einen zweiten so schön zu Ende zu führen; stets stellt sich der sein ansgesponnenen Blntlüge die krasse Thatsache entgegen, daß das angebliche Opfer sich irgendlvo findet — in einem der jüngsten Fälle sogar -- im Arrest! Anch in Rachod wurde vor einigen Tagen dem Kreisgericht Joseph Cejp ans Rohdusin bei Neustadt an der Mettau eingeliefert. Er kam mit der Staatsbahn von Rachod gefesselt an und lvnrde von zwei Gendarmeil eskortirt. Cejp hat bekanntlich unter Eid Herrn E. Kohn in Rachod beschuldigt, dieser habe sein Dienstmädchen Marie Cervenka ermordet. Anch nach der Auffindung der Leiche des Dienstmädchens in der Mettau hatte er ans seiner Aussage beharrt. Rach dnrchgeführter Untersuchung lvnrde er nun lvegeu falschen Eides, sowie gleichzeitig lvegeu anderer Delikte dem Kreisgericht eingeliefert. — In Reutra ist vor einigen Tagen der Stadtarzt Dr. Moritz Löwinger im 78. Lebensjahre verschiedeu. Der Verstorbelie lvar durch Zahrzehllte im Kultus- und Schulvorstand thätig und hat sich durch sein wahres humanes Wirken die Liebe und Werthschätznng aller Bewohner des Kreises erworben; von der Verehrung, die dem Verstorbenen gezollt lvnrde, beweist auch die großartige Betheilignng aller Kreise an der Leichenfeier des verdienten Arztes. — Auch die Leichenfeier für den angesehenen, in Budapest verstorbenen Großindustriellen Jakob v. Fürst gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung der Shmpathien, die der Dahingeschiedene hinterlassen. Am offenen Grabe sprach u. A. Geheimrath Dr. Alexander Wekerle. der das hllmanitäre Wirken des Verstorbenen rühmte. — Wie ein Lemberger Blatt berichtet, floh ein 14jährigesIudeiunädchelt Mi chaele Araten plötzlich ails dem Elternhause in Krakau in ein dortiges Kloster. Als die bestürzten Eltern die Tochter holen wollten, war sie verschwunden. Die Eltern wandten sich an die Minister Körber und Pientak nach Wien. Wie es heißt, luitvbe das Mädchen von einer unbekannten Frau und einem Dienstmädchen in das Kloster der Felicianerinnen gebracht. Durch polizeiliche Vermittelung erwirkteil die Eltern, daß ihnell eine Zusammenkunft mit ihrem Kinde im Kloster in Gegeiuvart eines Geistlichen lind des Polizeikonnnissars gestattet lvnrde. Vor der Zusammenkunft verständigte jedoch die Oberin die Polizeidirektion, das Mädchen habe das Kloster bereits verlassen und sich, unbekannt wohin begeben. Daraus wandten sich die bestürzten Eltern drahtlich an das Ministerium nach Wien. In dem Prozesse gegen Professor Masaryk wegen der von ihm veröffentlichten Broschüre in der Polnaer Angelegenheit ist heute seinem Vertheidiger Tr. Körner die Entscheidung des Oberlandesgerichts zugekommen, lvonach dem Einsprüche keine Folge gegeben lvird. Es wird also zn einer gerichtlichen Verhandlung tu dieser Sache kommen. — Der große Kohlen-Streik giebt lvieder einmal Gelegenheit zn antisemitischer Hetze. So hat der hiesige Gemeinderath eine Petition um Verstaatlichung des „völlig im Besitz der jüdischen Hochfinanz befindlichen" Bergbaues an das Ackecbaulninisteriinn gerichtet, behufs Expropriation derKohlengrnbenbesitzer und Sequestration des Kohlenbergbaubetriebes. Mehr nicht! — Unser B e t H a m i d r a s ch , vor 40 Jahren zn Jellineks Zeiten mit großem Eifer errichtet und von Männern wie I. H. Weiß, M. Friedmann n. A. geleitet, befindet sich in arger Bedrängnis;. Im Lause des Jahres ist ein großer Theil der früheren Mitglieder verstorben, und neue sind nur in geringer Zahl hiuzngekommen. Infolge dessen zeigt das Budget seit den letzten Jahren ein sich jährlich steigerndes Defizit, das durch Entnahme ans dem Grundkapital gedeckt lverden mußte. Run ergeht an alle Freunde des Bet Hamidrasch die Bitte, sowohl selbst durch Beitritt als Mitglieder, durch Spenden und Stiftungeil materielle Beihilfe zn leisten, wie anch Mitglieder in ihrem Kreise zn werben, um das Institut, das sich über die ganze Welt in jüdischen Kreisen einen Ruf gemacht hat, für die Gegenwart und für die Zukunft sicher zn stellen. Hoffentlich hat der Ausruf den gewünschten Erfolg. Von Nah und Fern. — Pastor de le Roi hat eine Statistik der Inden taufen im „Nathanael" und dann auch als Broschüre veröffentlicht. Rach de le Roi wurden getauft im ganzen Jahrhundert evangelisch (katholische Tarifen waren sehr wenige) in Berlin 0000. in den alten preußischen Provinzen 11 320, Schleswig-Holstein 319, Hannover 411, Hessen- Rassau 1078, Bayern 330, Sachsen 770, Württemberg 110, Baden 230, Großherzogthnm Hessen 208, Mecklenburg 109, Oldenburg 56, kleine Herzog- und Fürstenthümer 400, freie Städte 1700, Elsaß-Lothringen 246. — Eill Anssatz in der „Revue des Revues“, der sich mit den Nachkommen der französischen Nefngies und Emigranten in Deutschland befaßt, zählt unter diesen auch die Familien D e s so i r und L'A r r o ll g e ans. Wer lacht da? — Der Kaiser hat dem Ehepaar Willy von Rothschild in Fra nkfurt a. M. die goldene Ehejnbllälnnsmedmlle verliehen. — Rechtsanwalt Dr. Rege n sb n rg er in Kar lsrnh e, ein hervorragender Vertreter der dentschell Rechtsanwaltschaft, langjähriger Fiskalanwalt, zuletzt bekannt ans dem Fnrstlich-Fnrstenbergff'chell Stenerprozeß. erlag einem Schlaganfall. Der Verstorbene lvar 65 Jahr alt. — Einen Beweis toleranter Gesinnung gab der Abgeordnete Markus Pflüger in Lö rrach gelegentlich seiner goldenen Hochzeit, welche im Januar stattfand. Er stiftete neben 10000 Mk. für das Lörrachere Krankenhaus, 3000 Mk. für seine, die protestantische Kirchengemeinde. welche etwas über die Hälfte (;:/5) der Lörracher Einwohner umfaßt, aber auch 1500 Mk. für die katholische Gelneinde und 500 Mkfür die israelitische. — Rabbiner Dr. R. A. Nobel von der Talmud Thora in Köln ist als Rabbiner an die orthodoxe Separatgemeinde in Königsberg i. Pr. berufen worden. — Bei den französischen Seliatslvahlen ist noch ein Jude Eduard Millaud im Rhünedepartement mit großer Majorität gewählt worden. Dagegen sind alle offiziellen Antisemiten, die als solche austreten, dnrchgesallen. — Zwei Schüler der Kadettenschule zn Fontainebleau haben ihren jüdischen Vorgesetzten beleidigt. Der Kriegsminister hat eine Ilntersuchnng angeordnet. — Rach russischen Blättern beabsichtigt die Regierung, die Grenzen des Territoriums, innerhalb dessen Inden wohnen dürfen, zn erloeitern, um die Massenausiedelnng in einzelnen Städten dadurch zu verhindern. — Dem russischen Ackerbau Ministerium ist eine Denkschrift über die Ausbreitung und Förderung der jüdischen Ackerbankolonien zugegangen, die gegenwärtig Gegenstand weiterer Erhebllngen ist. — In Wilna ist kürzlich Dr. S. Minor, der lange Jahre Rabbiner in Moskau war und nach der Vertreibung der Juden auch die Stadt verlassen mußte, gestorben. Er lvar ein Freund des Grafen Leo Tolstoi. Druck und Verlag von Rlldolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion:,Max Bauchwitz in Berlin.

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