Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1900)
- Date
- 1900-02-09
- Page
- Seite 71 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228372--56169-3292454- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
71 kranke Nerven, schweren Athem, Stechen in beiden Seiten und im Allgemeinen fühle ich mich auch unwohl." ,-Womit kann ich Ihnen also dienen?" „Bitte, führe mich zu dem größten und berühmtesten der hiesigen Professoren. Den Wagen werde ich bezahlen. Ich werde ja nicht verlangen, daß Du Dich «seinetwegen in Unkosten stürzest." „Gilt. Fahren wir zum Professor A." Jur Stillen «rußte ich über Putiels Freigebigkeit lachen. „Aber warum hat sich der reiche ans unserer Stadt juft bei Professor B. knrirt? " „Das ist ja ein Chirurg, der kann Ihnen nichts nützen." „Führe mich zu wem Du willst, aber es muß der größte Professor sein. Du wirst mir als Dolmetsch dienen, denn ich kann mich in ihrer verdrehten Sprache nicht geläufig ausdrücken." Nun ließ ich Karrt lirrks liegen und begleitete Putiel zürn Professor A. Unterwegs plagte er mich mit seinen naiven Fragen und Bemerkungen über die Straßenanlage, die Bauart der Häuser, der Brücken und Paläste, an denen wir vorbeisuhren. An Allein und Jedem hatte er etwas auszusetzen und machte mich dafür verantwortlich, daß man hier nach einem „so sonderbaren" Stil baute, dem er gar keinen Geschmack abgewinnen konnte. Im Vorzimmer des Professors gab man uns eine numerirte Marke und hieß uns warten. Unterdessen betrachtete Putiel mit Kenneraugen die Einrichtung, dann stand er auf, trat zu jedem Gegenstand hinzu, betastete ihn aufmerksam und sorgfältig, und schätzte ihn im Innern auf seinen Geldwerth ab, luie etwa ein beeideter Gerichtsvollzieher. Als ihm diese Untersuchung langlveilig wurde, wollte er in das Kabinet des Arztes eindringen, obwohl die Reihe noch lange nicht an < ihn: war. Doch die anderen Patienten, die frühere Nummern hatten, protestirteu, und er mußte weichen. Putiel, der zu den Honoratioren unserer Stadt gehört, lvar über dieses Gebühren entrüstet. „Dnmmköpfe sind sie, Deine Deutschen, haben keinen feinen Takt, keine Erziehung, verstehen nicht, einen besserer! Menschen zu respektiren," brrnnmte er eine halbe Strmde lang. Die Zahl der Harrenden war groß. Es vergingen zwei Stunden, und wir wurden immer noch nicht vorgelassen. Putiel vertrieb sich die Zeit, indem er die Patienten zählte, die Zahl mit zehn und daun mit dreißig multiplizirte, nur herauszubekommen, wie hoch sich die monatlichen Einnahmen des Professors beliefen. „Das nenne ich mir ein Einkommen!" murmelte er. „Das nenne ich ein Einkommen. Hm, hrn, etwas mehr, als was ich monatlich eiunehnre. Die Leute haben diese Welt! Hm, hm, solch einem Doktor, der ein paar Tausende roöchentlich verdient, möchte ich auch meine Tochter zunr Manne geben." Endlich wurde er gerufen. Der Arzt betupfte und behorchte seinen Brustkasten, während ich ihm über Putiels Leiden alles erzählte, was ich wußte. Die Konsultation dauerte nicht lang. „Gehen Sie nach Karlsbad auf sechs Wochen," verkündete der Professor, „der dortige Arzt wird Ihnen schon sagen, was für Brunnen Sie zu trinken haben..." „Sag' ihm," flüsterte mir Putiel zu, „sag ihm, daß meine Geschäfte mir nicht erlauben, sechs Wochen in einem Kurorte unthätig herumzusitzen; sag ihm, er möchte mir eine Medizin verschreiben, Salben, Tropfen . . „Reisen Sie nach Karlsbad", wiederholte der Arzt, „dort werden Sie gesund werden." Dann öffnete er die Thür. Wir waren draußen. „Was ist das für eilt dummer Professor, zu dem Du inich geführt hast. Phi! Der sieht ja garnicht aus wie ein Professor. Ein kleines mageres Männchen, ohne eine Spur von einem Bauch. Das soll der berühmteste Professor sein? Der Arzt bei uns im Städtchen hat ja ein stattlrcheres Aussehen und einen größeren Bauch als der. Ich dachte, Dein Professor wird mich längere Zeit aufhalten, mul) gehörig untersuchen, mich ausfragen, und da - eins, zwei, sackt das Goldstück ein und schickt mich nach Karlsbad. Aber, der scheint ja gar keinen Verstand zu haben. Wie kann ich jetzt, mitten in der Geschäftszeit, nach Karlsbad gehen? Wein soll ich meine Geschäfte anvertrauen? Meinen Angestellten, dem Diebsgesiudet? Ihm gieb nur das Geld, und das Andere, lvas die Hauptsache ist, weswegen ich hierher gekonunen bin, das geht ihn garnichts an." Er konnte sich noct) immer nicht beruhigen. „Geh nach Karlsbad! . . . Möchte er selber 311m Teufel gehen! . . . Und ich habe gedacht, das Du, mein Landsmann, ein Sohn anständiger und braver Leute — scheint mir sogar, daß Du mein Verwandter bist - Du also, dachte ich, wirst Dich meiner annehmen; am Ende hast Du gar teilt Mitgefühl mit mir. Wenn ich so geschickt sprechen könnte, wie Du, ich würde dem Professor ordentlich den Kopf gelvaschen haben. Und Du stehst da wie ein Götzenbild, während er die Thür aufmacht und uns einfach hinauswirft. . . . Nein, morgen mußt Du rnich zu einem anderen Professor führen, zu einem richtigen Professor, der's besser versteht. . . . Aber nur haben ja noch nicht zu Mittag gespeist. Gehen wir in ein Restaurant." Ich führte ihn in ein besseres jüdisches Restaurant. Wir suchten uns einen Platz aus mit» der Kellner brachte uns den Speisezettel. Ich las meinem Nachbar den Inhalt vor. „Der Teufel mag sie mitsammt ihren Speisen kennen. Ich verstehe inich auf ihren Kalender garnicht. Bestelle lvas Du willst, aber schicke diesen schwarzgekleideten Kobold weg. Was glotzt mich der so an mit seinen scharfen Aerrglein?" Ich wählte ein Mittagessen nach meinen geringfügigen Kenntnissen auf dein Gebiete der Kochkunst. Putiel war höchst unzufrieden. Die Vorbereitungen dauerten ihm zu lauge, das Essen schmeckte ihrn nicht: die Suppe lvar kalt, der Braten nicht gar und die Mehlspeise zu süß. Als es ans Zahlen kam und der Kellner die Rechnung brachte, lvarf Putiel euren Blick ans die unterste Zeile und wurde roth vor Zorn. Aber er sprach kein Wort, sondern zog sein Portemonnaie hervor, tastete unter der Tischdecke darin herum, damit ich nicht etwa einen Blick hineinwerfen könnte, und reichte schließlich dein Kellner eine Goldmünze hin. Als ihm der Kellner den Rest herausgab, zählte er das Silbergeld ein und das andere Mal, bevor er es einstrieh. Draußen wandte er sich an nüd) mit verhaltener Wrrth. „Alle Deutschen, Professoren, Kellner, Kutscher und Gastwirthe können mir gestohlen lverden. Nur Geld und wieder Geld wollen sie haben. Ich glaubte, Du würdest rnich vor diesen Wegelagerern beschützen, am Ende bringst Du mich nicht in ein Restaurant, sondern in eine Mördergrube. Hast Du die Rechnung gesehen, welche dieser Kerl mit dem gestutzten Röcklein mir vorlegte? Ich verstehe gar nicht, wie die Polizei so etwas zulasten kann!"