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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-02-09 · Heft 6 (9.2.1900) · p. Seite 70

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 6 (9.2.1900)
Date
1900-02-09
Page
Seite 70 (sequence 12)
Language
German
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70 unserer verhetzten Zeit sich eine Vorstellung zu machen, ist schwer. In den Korps waren Juden Senioren, und als die „forschesten" Schläger geehrt. Das — damals wie heute — — kindliche Treiben war noch frei von allem Gift." (S. 9.) Erst als er in das öffentliche Leben eintrat, lernte er die Hindernisse kennen, die in jener Zeit den Juden überall auf Schritt und Tritt hemurend entgegentreten. „Von der Beamtenkarriere konnte — wenn auch die Lust dazu nicht gefehlt hätte — feilte Rede feilt, da nach der sogar bis auf den heutigen Tag in Hessen festgehaltenen Observanz Juden im Staatsdienste nicht angestellt wurden." (S. 23.) Da kam die Revolution von 1848 und zog den jungen Accessisten sofort in ihre Kreise. Bamberger wurde bald einer der Führer der demokratischen Bewegung in Rheinhessen. Damals traten natürlich alle religiösen Fragen in den Hintergrund. Nicht einmal der Emanzipationskampf der Juden interessirt den jungen Vorkämpfer für die Freiheit des Vaterlandes sonderlich, mindestens macht er davon keine Erwähnung; ja er unterläßt es gelegentlich auch nicht, einen Witz auf Gabriel Rießer zu eitiren, der sein politischer Gegner war. Nach dem Mißlingen des Aufstandes in der Baierischen Pfalz, an dem Bamberger lebhaften Antheil genommen hatte, mußte er natürlich flüchten. Man hatte ihn zum Tode und außerdem noch zu etwa zehn Jahren Zuchthaus verurtheilt. Er zog es aber vor, in die Fremde zu gehen. Während seines Flüchtlingslebens in der Schweiz, in England, Belgien und Holland, lernte er viele Menschen kennen, die er in seinen Erinnerungen sehr amüsant und treffend zu schildern versteht. Darunter auch viele Inden. Einige von diesen Charakterbildern mögen hier folgen. In Bern lernte Bamberger den berühmten Physiologen Valentin kennen, der Professor an der Universität war. „Er umr ein gütiger, leutseliger Mann, seine Frau eine geistig sehr angeregte lebhafte Dame. Valentin war eine der Leuchten der neuen physiologischen Schule, und da er als Jude dantals in seiner Heimath Preußen (er war Schlesier) keine Professur bekommen konnte, war er einem Rufe nach der Schweiz gefolgt. Er hatte sich eine äußerst pietätvolle Anhänglichkeit ans Judenthnni bewahrt. Sie gab einmal Anlaß zu einem koniischen Quid pro quo. Auf gegenseitigen Wunsch hatten wir Löwe-Kalbe, der ja Mediziner war, zu Valentin gebracht, und einen geselligen Abend mit ihm da verlebt. Valentin hatte sich vorzugsweise mit Löwe unterhalten. Anderen Tags fragte ich ihn, worüber er so eifrig mit seinem Gast gesprochen, lieber jüdische Dinge, war die Antwort. Valentin hatte Lölve für einen Juden gehalten, und dieser hatte ihn nicht enttäuscht. Löwes äußere Erscheinung konnte allerdings dazu verführen; seine Physiognomie, seine Gestalt, endlich sein Name legten die Vermuthnng nahe. Als ich Löwe nachträglich damit neckte und sein verdächtiges Aeußere, namentlich auch seine etwas lispelnde Aussprache und seinen etwas vorragenden Unterleib zu Valentins Entschuldigung anführte, stellte Lölve zur Widerlegung eine eigene Theorie über die Bauchformationen auf. Er meinte, der semitische Bauch unterscheide sich vom arischen dadurch, daß dieser rund, jener spitz abgedacht sei, der seinige aber der ersteren Formation zuneige. Ich überliefere die Theorie den Rasseschnüfflern zur weiteren Untersuchung." (S. 210 ff.) An solchen Geschichten und Erinnerungen ist das Buch vort Batttberger reich, und ich tvill in einem zweiten Artikel noch einige ausziehen, von denen ich annehmen darf, daß sie unseren Leserkreis gerade jetzt besonders interessiren werden. G. J\. UILLETON Lose Blätter aus dem Tagebuche eines russisch-jüdischen Studenten. Von R. B ra in i n. IV. 9. Juni 189. eute Morgens schloß ich mich eilt, mit dein festen Vorsatz, keinen von meinen Kollegen einzulassen, und wenn sie bis zum Abend an die Thüre pochen sollten. Ich schlug meinen Kant auf, und sing an. aufmerksam zu stndiren. Kaum war eine Stunde vorüber, als ich ein Klopfen an die Thür vernahm. Ich that, als merkte ich nichts und strtdirte weiter. Doch das Klopfen wurde immer stärker,, und schließlich klang es wie Hammerschläge. Ich ahnte, daß der Eindringling ein Fremder sein müßte und öffnete. Vor mir stand eine dicke kttrzbeinige Gestalt, mit kleinen grauen Aeuglein in dem rundlichen, fetten Kopf. Das war Herr Pntiel, ein angesehener Bürger aus meiner Heimathstadt. „Weiß der Teufel," keuchte er, schwer athmend und sich den Schweiß von der Stirne wischend, „loeiß der Teufel, wo Du Dir eine Wohnung ausgesucht hast! Du sitzest ja schon ganz nahe beim Himmel. Sicherlich mehrere hundert Stiegen habe ich erklettern müssen, bis ich bei Dir angelangt bin. Welcher vernünftige Mensch wohnt im zehnten Stockwerk. Aber Dil warst ja schon daheim verrückt und bist es auch hier geblieben. . . Wäre es nicht gescheiterem der Nähe des Bahnhofs, oder unweit von meinem Hotel zu wohnen? Der Kutscher schleppte mich eine volle Stunde lang durch unzählige Straßen, bis er mich hier absetzte. Und diese Wohnung? Sieh^ mal, was für ein Loch. Das ist ja die reine Hühnerstiege ..." Ich stand da, ganz verwirrt und grämte utich ob der unliebsamen Störung, während mein Gast noch immer nicht im Sprechen innehielt und die Wörter hastig und haufenweise von seinen Lippen sielen. „Wann sind Sie angekommen?" fragte ich, um seinem stürmischen Redestrom einen Damm zu setzen. „Heute Morgen bin ich angetangt. Deine Eltern haben mir Deine Adresse gegeben, damit Du mir als Wegweiser und Rathgeber in dieser Wildniß zur Seite stehst, denn ich bin das erste Mal im Ausland. Ich bin hierher gekommen, aber sag' selber, Hab' ich es nöthig gehabt, hierher zu kommen?" „Das müssen Sie wohl besser wissen." „Aber Dlt bist doch ein verständiger Mensch. Ich frage Dich, giebt es bei uns daheim keine Aerzte? Welcher Teufet hat mich beredet, hierher zu kommen? Hier wird man mich ja ausplündern, mich um mein ganzes sauer erworbenes Vermögen bringen. Erst seit einigen Stunden bin ich hier und habe schon gesehen, daß die Kutscher, Dienstleute, und der Teufel weiß, wie sie sonst Alle heißen, sich über den Fremden wie eine Räuberbande stürzen. . . Ueberdies kenne ich mich in den hiesigen verrückten Geldsorteit nicht aus. So was nennt sich auch Geld! Ha.. Ha.. Ha!" „Was fehlt Ihnen?" „Was mir fehlt? Frag lieber, was mir nicht sehlt. Ich leide au Kopfschmerzen, Herzweh, habe •: > >; .>

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