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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-02-09 · Heft 6 (9.2.1900) · p. Seite 69

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 6 (9.2.1900)
Date
1900-02-09
Page
Seite 69 (sequence 11)
Language
German
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69 Juden haben mir Gutes von ihm zu erwarten. Bei vielen Gelegenheiten hat er gezeigt, wie sehr er den radikalen Judenhaß, tschechischen und deutsch-nationalen Antisemitismus verdammt, ivie sehr er Versöhnlichkeit und Milde liebt. Sei es uns ein gutes Vorzeichen, daß er das Justizportefenille nun inne hat; er wird auch uns Gerechtigkeit iverden lasse»; diese Hoffnung können wir an seinen Regierungsantritt knüpfen. Möge sie zur Wahrheit iverden. — Wenn nur auch im jüdischen Lager selbst mehr zirlbewnßte Thätigkeit herrschte! Daran mangelt es freilich noch immer. Das Wort „Jude" klingt aber unseren Eeneralgeivaltigen sehr schrill in den Ohren. Selbst den Abfall vom Judenthuin verzeiht man in unserer Mitte leichter, als das starke Betonen des jüdischen Standpunktes. Die Jahre der Sklaverei, unter deren Druck wir seufzten, sind eben an uns nicht spurlos vvrübergegangcn. Sie haben in uns das Selbstgefühl vernichtet. Daher können es die Schneiders und Deckerts wagen, in der häßlichsten Weise »ns zu beschmutzen, und so wird jede Gelegenheit benutzt, um einen Vorstoß gegen uns zu nnternehmcn. Ein ganz unbekannter Mensch, ein Dr. Lemisch, Mitglied der Vvlkspartei, die im verschämten und doch unverschämten Antisemitismus macht, hat sich da während der verflossenen Delegationssitzungen etwas Großes — Ivie er meint -- geleistet. Ohne daß es irgend Jemand geahnt Hütte, benutzte er eine Verhandlung dieser gewiß zähmen und nur durch die Tschechen etwas zur schärferen Tonart aufgerüttelten Körperschaft, um ivieder einmal die Juden „anzurempeln". Man möge, sagte dieser Volksvertreter, von den Inden eine Militärsteuer verlangen, da sie znm Militärdienste weniger tauglich seien. Woher Herr Lemisch diese Knude hat, ist uns freilich unbekannt. Soviel wir wissen, kommen die Jude», ivie alle anderen Bürger des Staates, ihrer Wehr- und Steuerpflicht in vollem gesetzlichen Maße nach, und der Jude wird gerade so ivie jeder Andere, wenn er tauglich ist, zum Militär „abgestellt." Vielleicht denkt Herr Lemisch an die verkrüppelten Gestalten Galiziens, die freilich der Hunger und das Elend ni'.taiiglieh gemacht haben, zu allen Lasten des Lebens auch die Militärlast zu tragen. — Dieses galizische Elend ans der Welt zu schaffen, ist allerdings eine Hand zu schivach, hoffen wir aber, das; auch hier eine neue, bessere Zeit Wandel bringe» ivird. Es wird der Heraklesarbeit bedürfen, »m diesen Augiasstall zu säubern, sie ivird aber verrichtet werden, dessen mögen Lemisch und Schneider und auch alle Schwachen in Israel sicher sein. Inzwischen mag sich Herr Lemisch bei der Bauernbevölkerung umschauen, ob sie gerade mit Begeisterung ihre Söhne zum Militär schickt. Die jüdischen Kinder aber, welche im Heere diene», iverden trotz Herrn Lemisch ihre Pflicht ganz erfüllen. Sie sind gewohnt, sich in allen Lebensstellungen als pflichttreue und pflichtbewußte Männer zu zeigen. Wir hätten dieses Herrn Lemisch weiter keine Erivähnnng gethan und ihn in seinem ihm gebührende» Dunkel gelassen, wenn wir nicht mit dieser Episode hätten zeigen ivvllen, wie jede Gelegenheit vvn Strebern aller Art benutzt wird, um antisemitisch, das ist leider volksthümlich zu schillern. Uns Inden aber sei all' dies eine Mahnung, an unserer Selbsterziehnng eifrig fvrtzuarbeiten und durch diese unsere Gegner zu überführen. Ilnsere Feinde sind schwer zu besiegen, aber eines könnte sie vielleicht doch überwinden, Ivenn wir zeigen, wir seien besser als der Ruf, den sie über uns verbreiten. Iwri. Ludwig Bainbergers Erinnerungen. i. ir besitzen leider nur sehr wenige Memoirenwerke von hervorragender: Juden, die all dem öffentlichen Leben in Deutschland sich im uenuzehuteu Jahrhundert betheiligt haben. Und doch wären solche Lebensläufe in aufsteigender Linie ebenso lehrreich luie interessant. Schon Goethe bezeichnet im Vorwort zu Wahrheit und Dichtung die Abfassung einer Autobiographie als das Eingeständnis^ daß Zeit und Kraft für „mächtig wirksame Ereignisse" vorbei seien. Da darf man vielleicht hoffen, daß mir nunmehr öfters solche Lebensberichte und Erinnerungen erhalten werden, die uns den Aufschwung des jüdischer: Lebens ans dem Ghetto zur Freiheit und aus der Judengasse zum öffentlichen geistigen oder politischen Leben des deutsche): Volkes anschaulicher schildern, als dies iit objektiven Geschichtswerken geschehen kann. Scho:: in diesem Sinne begrüßen wir das Erscheinen von BambergersMemoiren mitGenngthnnng.ft Freilich, so sagt man, hat sich Ludwig Bamberger Zeitlebens niemals um das Judenthum gekümmert. Aber das ist nicht ganz richtig. Und die aufmerksame Lektüre feiner Erinnerungen giebt uns vielleicht den Schlüssel zur Erklärung dieser psychologischen Thatsache. Außerdem handelt es sich aber hier nicht um die religiöse Seite des Jndenthums, der sich Bamberger genau so entfremdet hatte, wie mit geringen Ausnahmen die ineisten jüdischen Politiker nn^ Schriftsteller in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, sondern vielmehr um den, wenn ich sagen darf: gesellschaftlicher: oder familiären Zusammenhang mit seinen Glaubensgenossen. Und da finden wir in seinem Buche eine reiche Ausbeute interessanter Mittheilnngen, pikanter Anekdoten ititb werthvoller Charakterschilderungen jüdischer Politiker, Schriftsteller und Künstler, die zu seinen Zeitgenossen gehörten. Allerdings das, was nur am Liebsten gefunden Hütten, ben Theil seiner Bildungsgeschichte, der mit dem jüdischen Leben in dem alten Mainz znsammenhängt, lverden Viele irr diesem Buche schmerzlich vermissen. Jndeß Bamberger selbst erklärt ausdrücklich, daß der Gedanke, eine subjektive Schilderung seines Lebens zu geben, ihm fern gelegen habe, und daß er nur, soweit die eigenen Schicksale ben Gang der Zeiten voll einem bestimmten Punkt ans widerspiegeln, von ihnen erzählen wolle. Man urirb also in seinen Memoiren auch feine Auseinandersetzung mit dem Jndenthnm erwarten dürfen, die doch in einer subjektiverr Lebensbeschreibung des Mannes nicht hätte fehlen dürsen. Xlnb trotzdem bietet das Buch auch für unseren Jnteressenkreis manches Interessante und Lehrreiche. Schon bei der Erzählung der Schulgeschichten filldet Bamberger Veranlassung, in einer hübschen Geschichte das friedfertige Zusammenleben der verschiedenen religiösen Bekenntnisse zu illustriren, indem er uns erzählt: „Wie oft habe ich im Gymnasium meinen katholischen Mitschülern geholfen, nach Sünden für ihrer: Beichtzettel zu ftlchen. Denn je mehr man Sünden darauf hatte, desto stolzer war man. Noch klingt es mir in den Ohren: „Du Bamberger, weißt Du mir nit noch a Sund?" Auch auf der Universität herrschte danlals der gleiche konfessionelle Friede. „Voll der Harmlosigkeit dieser Zustände in h Erinnerungen uoit Ludwig Bamberger. Herausgegebeu oon Paul Nathan. Berlin 1900. Georg Reimer.

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