Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1900)
- Date
- 1900-02-09
- Page
- Seite 68 (sequence 10)
- Language
- German
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68 bezahlen die Inden genau so gut ihre Steuern zu der städtischen Schule lvie die Christen. Und die Schule ist Allen offen. In der Ausschreibung der Stelle war nichts von Konfession gesagt. Das hätte Befremden erregt, denn um Sprachenunterricht zu ertherlen, braucht man doch nicht eine bestimmte Konfession zu haben. Mehr noch als der Passus in der Ausschreibung Befremden erregt hätte, muß doch aber seine praktische Anwendung auf den — Inden verblüffen. An der Bromberger städtischen Töchterschule ist kein Jude Lehrer. Die Juden haben darum nicht Klage geführt. Jetzt ist die Sache anders. Dem Magistrat ist ein Protest zugegangeu. Wir werden nunmehr eventuell nach und nach auch die Anschauungen der dein Bromberger Magistrat Vorgesetzten Behörden kennen lernen. Das kann interessant werden. * * * Die „Bossische Zeitung" ist eine alte und ehrwürdige Taine. Nichtsdestoweniger ist sie schnell fertig mit dem Wort, was eigentlich nur der Jugend zusteht. Wenn sie zu dem Passus der Korrespondenz in Nummer 5: „Einer der Herren Stodtröthe, der sich offen zu dieser antisemitischen Gesinnung bekennt, war derselbe Herr, der bei der letzten Neichstagswahl K a n b i b n t der freisinnigen Bolkspart ei war!" hinzufügt: „Wenn der ganze Bericht so zuverlässig ist lvie in seinem letzten Satze, so ist er voll A bis Z erfunden. Denn bei der letzten Reichstagswahl stellte die freisinnige Volkspartei keine eigellen Kandidaten auf, sondern sie stiuullte für den Freikonservativen v. Tiedelnann", so ist dies ja an sich richtig. Aber die Behauptung der Korrespondenz solvie der ganze Inhalt des Artikels bleibt darum doch wahr von A bis Z. Denn in der That war der betreffende Stadtrath, um den es sich handelt, zuerst Kandidat der freisinnigeil Bolkspartei für die Landlagswahl daselbst. Man sah erst später alls naheliegenden Gründen von seiner Aufstellung ab; vielleicht hat er auch selbst llicht gelvollt. Also llicht zu hitzig, verehrte Tante! Brief aus Oesterreich. _rQ Januar 1900. ir sind ins neue Jahrhundert eingegangen. Sv wollen es der Papst und der Kaiser. In Oesterreich aber sehen nur am Beginne des neuen Jahrhunderts wieder ein neues Ministerium am Ruder. Seitdem ich Ihnen zum letzten Male schrieb, das ist seit dem November des vorigen Jahres, ist dies das dritte Ministerium, welches bestimmt ist, denr seinen Rachen immer und immer wieder aufreißenden tschechischen Len mit den zwei Schwänzen das Maul zu stopfen. Eine schwierige, sehr schwierige Sache. Man hat mit besagtem Len in Oesterreich die allerschlimmsten Erfahrungen gemacht. Zuerst hätschelte man ihn, machte ihn dadurch immer begehrlicher, und jetzt leidet „sein Bauch fortwährend Mangel", um mit niisereni Sprnchdichter zu reden. Es sind sehr verzogene Kinder geworden, die Herren Tschechen, die Jungtschechen, lvie sie sich nennen. Ihre Volksthümtichkeit ist freilich sehr verblaßt. Blntmärchen sollten sie wieder aufsrischen. Mit anderen Worten: der arme jüdische Prügelknabe mußte wieder herhalte». Und sv konnte ein Mensch, wie der sattsam bekannte Bara emporkonuneu. Die gescheidten Leute, wie der Professor Masaryk, müssen freilich einem Baxa gegenüber schweigen und weichen, denn, wer denr Pöbel die Judenfresserei rvehrt, hat immer den Kürzeren gezogen. „Polna" ist der Schlachtrrrf der tschechischen Judenfresser geworden, und die lassen sich nicht bändigen, auch wenn ein kaiserliches Wart ihre „Rohheit" verurtheilt. Wie tief übrigens die Tschechen gesunken sind, ergiebt sich daraus, daß ein getaufter Jude, der mit seinem Tschechenthum eine sehr einträgliche Advokaturkanzlei sich errungen, jetzt ihr Wortführer geworden ist. Ihn: hat ein Wort des Kaisers sehr richtig gesagt, wer das arme, bethörte Volk verhetzt; es sind „die Advvkatenargumente" welche den Frieden stören und damit jeden Volkswohlstand verhindern. Was liegt aber auch Leuten vom Schlage Stranskhs am Wohle des Bolkes, iveim er nur sein Geschäft macht. — Wir glauben also, das; es dem neuen Ministerium harte Arbeit kosten werde, die Deutschen und Tschechen zu verständigen, d. h. einige deutsche und tschechische Advokaten unter einen Hut zu bringen, denn das Volk ist des ewigen Kampfes schon lange müde. In dem neuen Ministerium sitzt auch der Minister Dr. R. v. Hertel, der Unterricht und Kultus während der kurzen Negierungszeit Clarys verivaltete. Wir sind diesem Manne der Wissenschaft, gewiß dem bedeutendsten Vertreter der klassischen Philologie im jetzigen Oesterreich, zu großem Danke verpflichtet. Hat er doch nicht weniger als 4 spstemisirte israelitische R e l i g > o u st eh rerstell e n - zwei in Wien, zwei in Brünn — geschaffen, und damit endlich die jüdische Religivuslehre ganz gleich gestellt mit der katholische» au unseren Mittelschulen. Wofür Ivir in Wort und Schrift, auch in dieser Zeitschrift, seit Jahren gekämpft, es ist nun erfolgt. Die jüdischen Religionslehrer sind jetzt nicht mehr renumerirte Lehrkräfte, sind vielmehr in Bezug auf Rang und Einkommen allen übrigen Mittelschullehrern vollkommen gleichgestellt. Es ist auch Hoffnung vorhanden, daß, wenn alle gesetzlichen Bedingungen erfüllt werden, noch andere Lehrstellen für diesen bis nun recht stiefmütterlich behandelten Gegenstand systemisirt werden. Wir freuen uns dieser Errungenschaft im Interesse der Sache. Erleuchtete Männer, welche an der Spitze Oesterreichs stehen, haben gezeigt, daß sie nicht fortgerissen werden können von den Schlagivorten einer lärmenden Ochlokratie. Gerade, daß in der Zeit der ärgsten antisemitischen Hetze, während der Sozialdemokrat Berner uns als „Autzbenter" bezeichnet, der tschechische Fanatismus furchtbare antisemitische Orgien feiert, der deutsche „Freisinn" sich verschämt mit dem Mäntelchen des deutsch-nationalen nnverschämte» Rasse» - Antisemitismus drapirt, ein Minister von der wissenschastlichen Bedeutung eines Hertel, erklärt, der jüdische Religivnslehrer sei ebenfalls würdig, zu den Lehrern einer Anstalt gezählt zu iverden, er verdiene es auch, daß man für seine Zukunft sorge, man müsse ihm auch sein Dasein erleichtern, und sein, wahrlich nicht leichtes Amt erträglich machen, gerade dies bereitet »ns Freude und giebt die Gewähr, daß der Fortschritt nicht anfgehatten werden könne, wenn sich auch alle Rcaktionsmänner in das Rad der Zeit werfen und es zu hemmen versuchen. So wollen wir denn hoffnnngsfreiidig in die Zukunft schauen, mag sie auch noch so nmwölkt zn sei» scheinen. - Im neuen Ministerium sitzt auch der bisherige Statthalter von Mähren, Baron Spens-Boden. Er ist Justizminister geworden. Auch er ist ein Mann strenger Gerechtigkeit, und wir