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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-02-09 · Heft 6 (9.2.1900) · p. Seite 67

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 6 (9.2.1900)
Date
1900-02-09
Page
Seite 67 (sequence 9)
Language
German
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67 in der „Vossischen Zeitung" sollte nur auf die Oeffeiitlichkeit?einemEiiidrnck machen. Es sei bereits auf die Zeit hingewiesen worden, wo es in Berlin viele Proteste gegeben hätte. Bei der Einweihung des Friedhofes in der Schöuhauser-Allee sei die Polizei auf Betreiben der Orthodoxie eingeschritten; als im Jahre 1823 zum ersten Male deutsche Gebete in den Synagogen ertönten, seien die Gotteshäuser ans Protest der Orthodoxen geschlossen worden. Jene Orthodoxen ständen aber weit über Denjenigen, die sich heute so nennen. Jene hätten wenigstens das, was sie vertreten, auch gehalten. Was hielten beim die orthodoxen Mitglieder der Versammlung noch? Sie predigten öffentlich Wasser und tränken heimlich Wein! Wenn ein Kampf nach außen sei, dann seien die Orthodoxen nicht zu erblicken, dann hätten sie Opportunitätsbedenken. Wo seien die Orthodoxen gewesen, als es sich um die Dörstling'sche Schule gehandelt hätte, als 1881 Treitschke gegen die Juden ausgetreten sei? Orthodoxe Gegenerklärungen seien zur Zeit nicht erschienen. (Widerspruch.) Damals hätte Bamberger mit dem wärmsten Herzen das Jndenthum vertheidigt, wie er es stets gethan, wenn es sich um die Bekämpfung äußerer Feinde gehandelt habe. Er hätte nur das Gefühl der Beschämung für dieses Borgeheu und in diesem Sinne bitte er, folgende Resolution anzunehmen: ,,Die Versammlung nimmt mit Bedauern davon Kenntniß, daß Mitglieder der Repräsentanteuversammlung gegen die Genehmigung der Bau,bergerscheu Stiftung vorstellig geworden sind und insbesondere, daß sich der stellvertretende Vorsitzende au dem Protest betheiligt hat. und geht zur Tagesordnung über." Der stellvertretende Vorsitzende hätte wissen müssen, daß ein Mehrheitsbeschluß nicht nmzustoßen sei. Geheimrath B l u m e n t h a l, ebenfalls in höchster Erregung, bezeichnet das Vorgehen der Liberalen gegen die Orthodoxen als unerhört. Durch die Erklärung in der „Vossischen Zeitung" hätten allerdings die Orthodoxen nach außen Eindruck machen wollen, sie hätten es sich nicht gefallen lassen wollen. Den Vorwurf, daß die Orthodoxen denuuziatorisch Vorgehen, könnten sie sich nicht gefallen lassen. Dagegen protestire er auf das Allerlebhafteste. Der Vorsitzende macht darauf aufmerksam, daß, wenn auch bei anderen Debatten die Mitglieder verschiedener Meinung gewesen seien, sie doch nicht geneigt gewesen seien, so gegen einander vorzugehen, mte es heute zu seineui Bedauern geschehen sei. Er glaube, daß mau seinen prinzipiellen Standpunkt vertreten könne, seinen Groll und seinen Unwillen doch in Worte kleiden könne, durch ivelche das Gefühl der Erregung und der Verletzung erspart werde. Er bitte die Versammlung, dies beherzigen zu wollen. Geheimrath S e n a t o r legt dar, daß Bamberger bereits dadurch geehrt worden, daß er in der Ehrenreihe begraben sei, und nur aus Dankbarkeit dafür hätten seine Erben der Gemeinde eine Schenkung gemacht. Die Erklärung in der „Vossischen Zeitung" hätte er nicht gebilligt. Die Spende sei eine vollständige Verkennung der Aufgaben der jüdischen Gemeinde. Syndikus Dr. Minden hält Geheimrath Senator vor, daß er den Organismus der jüdischen Gemeinde wenig verstehe, da die Gemeinde auch Aufgaben hatte, die mit dem Kultus direkt nicht in Verbindung ständen. Professor Geiger hätte die Schenkung in Bezug auf die übrigen Schulen in der Gemeinde gerechtfertigt, und kein anderer Redner hätte versucht, ihn hierin zu widerlegen. In der Debatte sei angeführt worden, daß einige dissentirende Mitglieder eine Audienz beim Minister gehabt hätten. Es sei gleichgiltig, ob dieselben eine Audienz nachgesucht hätten oder befohlen worden feien. Wenn der Angelegenheit solche Bedeutung beigelegt werden sollte, so wäre es in der Ordnung gewesen, daß ^bie Herren sich vertraulich mit der Majorität in Verbindung gesetzt hätten. Wenn zur Zeit in der Versammlung darum gebeten worden wäre, die Stiftungsurkunde anders zu formuliren, da der Ausdruck vielleicht nicht glücklich gewählt sei, so glaube er, würde sich für einen derartigen Antrag die Mehrheit gefunden haben. Professor Geiger hebt hervor, daß seine Ausführungen nicht widerlegt worden seien. Als der Redner im weiteren Verlauf auf die Audienz beim Minister zu sprechen kommt, in welcher sich der Minister so unterrichtet über die Stiftung gezeigt haben soll, ertönte ein Zuruf von der Tribüne. Ans Anordnung des hierdurch sehr erregten Vorsitzenden ninßte die Tribüne ifofort geräumt werden; auch der Presse, die leider noch immer im Besitze dieses so wenig erfreulichen Platzes ist. wurde auf Anfrage das fernere Verbleiben nicht gestattet. Die Sitzung wurde ans 10 Minuten suspendirt. Nach Wiederherstellung der Oeffentlichkeit führt noch Geheimrath S e n a t o r kurz aus, daß man nur solche Geschenke annehmen dürfe, welche die Religion erhöhen, und nicht solche, welche diese stigmatisiren. Der Schluß der Debatte wird daraus angenommen. Persönlich bemerkt Justizrath Apolaut, daß er bei jeder Kollision seiner Pflichten stets die an erste Stelle setzen werde, welche er für die Pflichten der Gesammtheit halte, und daß er sich in seiner Ueberzengung durch die Stellung als stellvertretender Vorsitzender nicht beeinflussen lassen werde. Wenn man jedoch der Meinung sei, daß beides nicht zu vereinbaren sei, so verzichte er gern auf das Amt und lege es hiermit nieder. Nach einigen weiteren persönlichen Bemerkungen bittet Landgerichtsrath Löwe, nunmehr den zweiten Absatz der Resolution zu streichen. Die Resolution wurde darauf mit einer knappen Majorität angenommen und die übrigen Punkte von der Tagesordnung abgesetzt. Auch die geheime Sitzung wurde wohl wegen der lebhaften Erregung, in der sich sämmtliche Mitglieder befanden, vertagt. Gin neuer Fall. ~ Posen, 28. Januar. ^^glücklicherweise ist der Fall nicht typisch für unsere Berhültnisse. Glücklicherweise ist das, was über die Brome? berger Anstellungsverhältnisse in die Oefsentlichkeit durchsickert, etwas, was von Juden und Christen gleichmäßig liieht verstanden wird. Der Sachverhalt, der schon in der vorigen Nummer kurz berichtet wurde, ist der: In Bromberg ist an der städtischen höheren Töchterschule eine Lehrstelle vakant. Die Stelle wird ausgeschrieben, und es meldet sich um' --- ein Jude. Run kommt das obligate Zivischenspiel. Man hört geheimnißvvlt tuscheln, ob eilt Jude geeignet wäre, inan hört es bejahen, und man hört es verneinen, man hört beziveifeln. ob der Jude zitr Probelektion beordert werden würde; hätten wir englische Zustände, man hätte wahrscheinlich dieser Frage wegen gewettet. Aber die Pessimisten und die — nein, Judenfeinde wollen sie ja nicht sein — behalten Unrecht. Der Jude kommt zur Probelektion, und wieder nach einem Zwischenspiel wird er von der Schüldeputation einstimmig gewählt. Es sind nicht unterirdische, nicht geheimnißvolle Kräfte, die jetzt einsetzen. Bis jetzt hat vielleicht noch kein Jude etwas von der Sache gewußt, sicher hat sich noch kein Jude für die Anstellung des Lehrers iuteressirt. Thatsächlich ist es ja für das Jndenthum als solches im höchsten Grade gleichgiltig, ob ein Evangelischer oder ein Katholik an der städtischen Schule im Deutschen oder im Französischen unterrichtet, denn er unterrichtet doch nicht seiner Konfession, sondern seiner Bildung und seiner Qualität wegen. Wie kommt also die Religionsfrage hierher? - Der Jude ist einstimmig nicht als Jude, sondern als wissenschaftlicher Lehrer von der städtischen Schüldeputation gewühlt. Was also? — Der Magistrat muß den Lehrer berufen. Sonst erregt eine derartige Affäre absolut kein Interesse. In diesem Falle auch nicht, wenigstens bei den Juden nicht, das weiß ich genau. Im Magistrat sitzt kein Antisemit, das weiß ich auch ganz genau und unendlich oft ist es mir bestätigt worden. Der Magistrat lehnt aber die Berufung des einzigen und einstimmig gewählten Bewerbers ab, weil dieser Jude ist. Jetzt erscheint die Sache in anderen: Lichte. Jetzt wird sie unverständlich. Der Magistrat kann thun, was er null; er kann Kandidaten annehmen und auch ablehnen. Aber wir meinen, er darf in solchem Falle sich von konfessionellen Rücksichten nicht beeinflussen lassen. In Bromberg

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