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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-02-09 · Heft 6 (9.2.1900) · p. Seite 64

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 6 (9.2.1900)
Date
1900-02-09
Page
Seite 64 (sequence 6)
Language
German
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64 Herz auch gebrochen ist. mein Verstand ist klar und mein Gedächtnis; genalt. Und ich komme immer wieder darauf zurück. Mein Kind geht am 29. zur Untersuchung. Man sagt, es habe einen Muskel sch merz. Am 1. muß er den Sprungritt mitmachen, am 2. bricht der Absceß durch und eine infektiöse Pneumonie beginnt." Niemand wird diese Aussage einer unglücklichen Mutter ohne tiefste Bewegung lesen. Es ist weit gekommen in Frankreich. Allgemein wird das 31. Dragonerregiment in Epernay „als ein Pestheerd des Antisemitismus" angesehen. Nur die Behörden wissen Nichts davon und haben alle Beweisanträge abgelehnt. Die Jury freilich scheint doch den Eindruck im Volke selbst gefürchtet zu habell, denn sie billigte dem Angeklagten mildernde Unlstände und denl Kläger nur einen Franken Schadenersatz und die Insertion des Urtheils in zehn Blätterrl zu. Aber zu Ende ist die Sache mit diesern Urtheil hoffentlich noch nicht. Es ist wirklich erstaunlich, welch gelehrige Schüler die Bulgaren in der Schule des Antisemitismus sind. Liest man den Bericht im letzten Monatsbulletin der Alliance israelite universelle, so erscheint er fast wie eine Persiflage auf den Antisemitismus. Und doch ist leider Alles buchstäblich wahr. Da erzählt ein Lehrer in der Schule zu Tatar-Bazardzik seinen lautlos aufhorchenden christlichen Kindern, daß die Juden Christus getödtet hätten und zur Erinnerung daran zur Herstellung ihrer Osterbrode Christenblut brauchten, worauf die wackere bulgarische Jugend ihre jüdischen Mitschüler braun und blau prügelt. Da kommen zu einem armen Juden in Belovo zwei Individuen und übergeben ihm den Befehl, binllen 30 Tagen seinen Wohnort zu verlasset!. Dasselbe Schauspiel wiederholen sie bei mehreren anderen Juden. Der Bürgermeister des Ortes, der um Schutz gebeten wird, erklärt, daß er sich selbst gegen jene Individuen kann: schützen könne. In Rustschuk erhält ein Jude den Befehl, an einem bestimmten Orte eine bestimmte Summe Geldes bei Androhung der Todesstrafe niederzulegen. Am selben Tage hat dort eine antisemitische Volksversammlung stattgefunden, um zu berathen, wie man die jüdische Konkurrenz loswerden könne.In Lom-Palanka hat ein Lehrer eine Broschüre über die Affäre von Polna geschrieben, nachdem ihm die dortigen Juden ein Schweigegeld von 1200 Francs, das er direkt itub persönlich vom Vorsteher vor Zeugen verlangt, verweigert hatten. Der Polizeipräfekt von Ferdinandolvo ließ in seinem Bureau einen Aufruf gegen die Juden aufertigen. Und solcher niedlicher Geschichten enthält der obeil erwähnte Bericht rroch viel mehr. In Bulgarien nennt nlail das lvahrscheinlich „praktischen Antisemitismus". Aus der Berliner Gemeinde. S. Berlin, 5. Februar. n der heutigen vollzählig besuchten Repräsentantenversammlnng. die stürmischer denn je war und bei Berathnng mehrerer Punkte zn lebhaft erregten Debatten führte, wie sie — wir können wohl sagen — Gott sei Dank zu den seltensten gehören, berichtete der Vorsitzende vor Eintritt in die sehr reichhaltige Tagesordnung, von der nur ein Theil erledigt wurde, daß der Gemeindevorstand Mittheilnng über seine Konstituirnng gemacht hätte. Justizrath Meyer ist zum ersten Vorsitzenden des Gemeindevorstandes wiederum gewählt worden; die Besetzung der beiden Stellvertreterstellen hat ebenfalls feine Veränderung erfahren, und wurde Herr Jacoby znm ersten und Dr. E. Lach mann zum zweiten Stellvertreter ernannt. Ueber die Geschästsvertheilung für die einzelnen Dezernate sind ebenfalls die Bestimmungen getroffen worden. Zum geschäftlichen Theil ist ein Gesuch der „Jüdischen Lesehalle" um Subventionirnng eingegangen, das nach kurzer Debatte einer der bestehenden Kommissionen zur Vorberathung übergeben wird. Professor Lew in bittet bei diesen! Gegenstand um eine gleichmäßige Behandlung aller Petitionen, die regelmäßig einer Petitionskonnnission zur Vorberathung überwiesen werden sollen. Punkt 10 der Tagesordnung, die Wahl eines Vorsteher-Stellvertreters, wird alsdann auf Antrag eines Mitgliedes zunächst zur Verhandlung gestellt. Von der Kommission sind die Herren Emil Pi n c ns und Professor- Land a n vorgeschlagen nwrden, welche in der Vorberathung die gleiche Anzahl Stimmen ans sich vereinigt haben. In der heutigen Versammlung stellt Herr Willibald L o e w e n t h a l noch Herrn MaxMecklenbnrg zur Wahl. Die Abstimmung niittelst Stimmzettel ergiebt die Wahl des Herrn Mecklen bn rg, welcher 13 unter 15 gütigen Stimmen erhielt, während Professor Landau nur zwei Stimmen erhielt. Alsdann tritt die Versammlung in die zweite Berathnng der Satzungen der Waisenkommission ein, welche nach Aenderung einer Bestimmung, dahin, daß nämlich die Waisenkonnnission, wenn nicht ein besonders dringender Fall vorliege, mir gehalten sein sott, alle zwei Monate eine Sitzung anzuberaumen, statt jeden Monat, luie es in der ersten Lesung festgesetzt wurde, nunmehr definitiv znm Beschluß erhoben wurde. Der dritte Punkt der Tagesordnung betrifft zwei Anträge des Professor Lewi n. Der erste ist bereits ans einer früheren Sitzung bekannt (S. Nr. 52 v. I.) und verlangt, den Gemeindevorstand zu ersuchen, im kommenden Jahre in jeder der stehenden Synagogen zlveihnndert Plätze und je hundert Plätze in den übrigen Betlvkalen an den hohen Feiertagen nicht zu vermiethen. sondern den Gemeindemitgliedern uuentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Der Antrag wurde z. Z. dem Ausschuß III zur nochmaligen Dnrchverathnng überwiesen. Als Referent ist für die heutige Berathnng wiederum Herr Leonhard Sachs bestellt. Er erinnert, daß die Mehrzahl der Mitglieder schon bei der ersten Berathnng der Ansicht gewesen sei, daß der Antrag in der Form, die er gestellt, unausführbar sei. Da jedoch in dem Anträge ein gesunder Kern stecke und man von dem Wunsche durchdrungen gewesen sei, den sicherlich bestehenden Nothstaud zu bessern, sei der Antrag danials noch einmal in den Ausschuß znrückgegangen. Letzterer sei mit Ausschluß des Antragstellers wiederum zu dem Resultate gekommen, daß eine Freigabe der Synagogenplätze in der gedachten Weise nicht stattfinden könne. Dagegen sei dem Wunsche Ausdruck gegeben worden, sür die ärmeren Klassen soviel luie möglich Erleichterungen zu schaffen. Das Resultat der Vorberathung sei die Annahme zweier Anträge gewesen, die von Professor Blaschke und ihm gestellt seien, dahin gehend, daß die Tarife einer Prüfung unterzogen werden und eine Herabsetzung der Preise der Plätze in die Wege geleitet werden soll, und ferner, daß für den Gottesdienst an den hohen Feiertagen eine beträchtlich größere Zahl von Freikarten als bisher an geeignete Mitglieder der Gemeinde zur Vertheilnng gelangen soll. Er bringe in Erinnerung, daß an den hohen Feiertagen im vorigen Jahr insgesammt 1450 Freiplätze vergeben worden seien. Das. was der Antragsteller wolle, könne wohl nicht ganz dnrchgefnhrt werden; dieser sei theilweise auch mit den in der Kommission angenommenen Anträgen einverstanden gewesen. Nur wollte er die Vergünstigung des freien Eintritts auch ans diejenigen Feiertage ausgedehnt wissen, an denen Seelenfeier sei. Auch hier werde bereits von der Gemeinde sehr human vorgegangen. Es seien für diese Tage zwei Gottesdienste eingerichtet. Der erste sür Diejenigen, die keine Karten hätten und der zweite für diejenigen Mitglieder, die im Besitz von Plätzen seien. Werde bei dein zweiten Gottesdienste die Synagoge nicht gefüllt, so werde sofort Ordre gegeben, noch so Viele hineinzulassen, mie es der Raum znließe. Dem letzteren Wunsche des Antragstellers sei mail nicht in der Lage, Rechnung zu tragen. Nicht ausgeschlossen sei. daß man auf die Feiertage bedacht wäre, an denen Seelenfeier sei und die mit den christlichen Festen zusammenfielen. Hier werde zn erwägen sein, ob man nicht ebenfalls durch Veranstaltung mehrerer Gottesdienste, vielleicht zivei bis drei, den Bedürfnissen Rechnung tragen könne. Mit der Zeit werde sich das erreichen lassen, was der Antragsteller wünsche. Prof. Lewin hebt hervor, das; die Vergebung von insgesammt 1400 Freiplätzen sehr unwesentlich sei. Wenn sein Antrag nicht durchginge, so werde er sich trösten, das Gute gewollt zn haben. Sein jRedners) Ideal würde es sein, daß jedes Mitglied der Gemeinde freien Eintritt in die Synagoge hätte.

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