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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-02-09 · Heft 6 (9.2.1900) · p. Seite 63

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 6 (9.2.1900)
Date
1900-02-09
Page
Seite 63 (sequence 5)
Language
German
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f>3 Also entweder - oder. Anders vermag Herr Biedermann v. Sonnenberg der radikalen Bewegung in seiner Umgebung nicht mehr Herr zu werden. Es ist Sache der antisemitischen Partei, wie hoch sie seine Bedeutung und Verdienste einzuschätzen gedenkt. Die Berliner Antisemite»» scheinen aber vorläufig noch nicht gewillt, sich ihm ergeben zu Füße»» zu legen. Sie erklären durch ihren Moniteur. „Gewiß giebt es mit der konservativen Partei und mit dem Bund der Landwirthe mancherlei Berührungspunkte; andererseits darf aber nicht übersehen werden, daß in einer Reihe von Fragen wesentliche Treu u u ugsp u u kte vorhanden sind, und daß die deutsch-soziale Reformpartei in dieser Beziehung ihren eigenen Weg gehen und ihre vollständige Selbstständigkeit wahren muß. wenn anders sie ihre Existenzberechtigung nicht einbüßen null." * Wenn man wissen will, wie das Borgehen gewisser jüdischer Eltern, die ihre Kinder in Privat sch ulen schicken, wo man diese gar nicht haben will, auf gegnerischer Seite beurtheilt wird, so lese inall die folgende antisemitische Herzensergießullg: „Die Erklärullg einzelner Schnlvorsteherirmen. daß sie das jüdische Element nur bis zll einem gewissen Prozentsatz in ihren christlicher» Schulen wollen auff ommeu lassen, hat in diesen Schulen zu einem außerordentlichen Andrallg der Juden geführt. Gerade, was verhindert lverden sollte, ist eillgetreten. Das tapfere Fräulein Dörstling dürfte mit ihrer Bedingung zur Schutzwehr des christlichen Charakters ihrer sehr geschätzten Schule den jüdischen Familien, welche sich derselben fügten, noch einen besonderen Gefallen erwiesen haben. Es giebt auch Juden, denen daran liegt, ihre Töchter denl Einfluß ihrer Leute 311 entziehen, und in der christlichen Erziehung derselben ben ersten und besten Weg 311111 Uebei*tritt zu gewinnen. Synagogenanhänglichen Verlvandten gegenüber mag es daun freilich heißen, wir konnten nicht anders. Und wenn diese hinterher Lärm erheben, machen sie sich eben lächerlich . . ." Der Mann, der das geschrieben, nennt „die Heuchelei, die hier getrieben wird, empörend". Und diesmal hat er leider Recht, wenn er auch die Sache nur vom antisemitischen Standpunkt aus auffaßt. yr Wie in der französischen Armee jüdische Soldaten jetzt behandelt werden, das lehrt die Affäre des Kavalleristen Berli ard. der nun an seinen Wunden gestorben ist, iudeß anl 2. der Prozeß des Wachtlueisters de Solanges gegen die „Anrore" stattgesilnden hat, in recht herber lind augenfälliger Welse. Die Jury hat den Redakteur schuldig gesprochen, beit Wachtmeister verteuuldet zu haben, dadurch, daß sie ihn als den Urheber des Todes eines jüdischell Soldaten bezeichnet habe. Indes; ist darnit die Sache noch nicht zu Ellde. Jeder, der die Zeugenaussage der Mutter des Todten liest, wird sich selbst sein Urtheil bilden. Diese Aussage lautet: „Mein Sohn ging ins Regiment voll Muth nnb Eifer. Er lehnte sogar ab. von den Empfehlungen Gebrauch zu machen, die ihm zur Verfügung standen. Allein nach kurzer Zeit schrieb er. die Empfehlungen könnten ihm nützen, da im Regiment ei 11 antisemitischer Geist herrsche, und die Inden ohne Weiteres Opfer von Quälereien werden. Am 2. Dezember v. I. gestand er uns in einem Briefe ausdrücklich, welchen moralischen Martern er ausgesetzt sei. Diesen Brief erhielten Nur am 3. Dezember. Cs heißt darin: „Ich fange an zu leiden. Man nennt mich „Drehfns" und „Judenjunge" (Youpin), aber ich werde Alles überwinden, habet feine Sorge! Aber Ihr könnt Allen sagen, daß. wenn darin die Pflicht gegenüber dem Vaterlande besteht, es eine Schande ist." Am Abend des Tages, an dem er »»ns seine erste Klage hat vernehmen taffen, schleppte man ihn sterbend ins Hospital, und wenige Stundet» nach den» Enlpfange seines Brieses erhielt ich folgende furchtbare Depesche: „Soldat Bernard in» Hospital. Lungenentzündung, Zustand besorgnißerregend." Den Tag darauf reiste ich ab und fand bei meiner Ankunft nreinen Sohn im Hospital. Der Stabsarzt empfing mich kalt. Er sagte mir. er habe gerade am Morgen meinen» Sohne einen Abseeß operirt. »lnd der Kranke habe den Eingriff wackerertragen. Ich bin bei meinem Sohne bis zu seine»»» Tode geblieben. An» Morgen seines Sterbetages »var er sehr schwach. Die Rächt »var furchtbar gewesen. Mein Sohn sagte mir: „Mutter, ich habe diese Nacht sehr gelitten, aber das ist Nichts dagegen, »vas ich i 11 der Kaserne ausgestanden habe." „Was denn", fragte ich? „Mein Wachtmeister hat mir den Tod geschlvoren." „So »renne mir den Namen des Hallunken." „Gleich. Mutter. Seit meinem Eintritt ins Regirnent hat der Wachtmeister de Solanges mir den Untergang geschworen. Er nannte mich fortrvähreud: Drehfns. Jndeujnnge, Schroein, Zuhälter. Einen Tag wurde ich beim Dienst durch einen Hufschlag auf die Brust verletzt. In» Lazarett) sagt mau. das habe Nichts ans sich. Ich litt indes; furchtbar. Am 29. November ging ich zur Untersuchung, der Arzt sagte aber, ich litte au Muskelschmerzerr. nne sie sich bei jn»»gen Kavalleristen oft fänden. Aber am 2. Dezernber. also drei Tage später, brach der Absees; vor» selbst auf und man trug mich auf einer Bahre fort. Man diagnostizirte eine Phlegmone und machte eine Operation. Das war schlimm, aber nicht so schlinun, als »vas ich durchgemacht hatte. Inzwischen hatte ich nänllich »virklich Dienst thun müssen. Der Wachtmeister de Solanges konnnandirte mich 311m Sprnngritt. Ich hatte Mühe, mich zu halten, und »nachte ih»» ans mein Leiden aufmerksam. „D»l lügst!" sagte er in brutale»»» Tone. Und er lies; »»»ich vor der ganze»» Kon»Pag»»ie e»rtkleiden. Als er meii» liebet bemerkt hatte, sagte er: „Du wirst daran krepiren, schn»ntziger J»»dei»jn»»ge, aber D»» »virst trotzdem aufsteigen." Und z»» de»»» Gefreiten sich wendend sagte er dann: „D»l sorgst dafür, daß er krepirt. oder ich besorge es ihn». We»»i» er sich beklagt, schlage ich ihr» todt." Abe»»ds kam der Oberst meinen Sohn besuchen, und ich rviederholte ih»i» die Klagen, die u»ein Sohn geäußert hatte. Er »»äherte sich de»»» Bette und sagte: „O, das ist unmöglich. Nicht tvahr. lieber Bernard, Deine M»»tter übertreibt ei»» Bischen." Me»»» armer Sohn erhob die Rechte, »vie znn» Srhionre und rief, mit festen» Blick auf den Oberst: „Vorder ga»»zet» Ko»»»pag»»ie. Herr Oberst, ich srlnoöre es." Sei»»e Stin»n»e »var kräftig. Als ich ih»» so rede»» hörte, glaubte ich, er sei gerettet. l!!!) Nach dem Oberste»» kam der Major. Auch ihm sprach ich voi» de»» Klage»» gege»» de Solanges. Der Major »var sehr väterlich. Er trat ai» das Bett »nei»»es Sohnes n»ib sagte ihm: „Die Sti»liri»»»ng ist gut? (!!!) Besser wohl als die Deiner M»»tter. N»»r Muth. Es wird fd)on besser gehen. Man »uivb Dir einen längeren Urla»»b geben." Ach! Es »var ein Urla»»b für die Elvigkeit. 11 nb diese Offiziere mußten das wisse»»! Der Stabsarzt hatte mir selbst fei ne Hoffnung mehr gelassen. W a r »» »u v e r h orte»» sie »»i ch t de Sola ug e s , ehe m e i»» Sohn i»» diese»» Z u stand g e k 0 »»»»»» e »» w av; »v a r »»»n ließe»» sie ihn »»i ch t h 0 l e »» . »» »n i h »» m i t »»» eine »»» S 0 h »» e 311 kauf v 0 »1 t i i* e 11? Man hätte sofort einen Soldaten arretirt, ans dein die Beschuldigung lastete. eil»e»n Kanierade»» zwanzig Sons gestohlen z»l haben. Diesen Wachtnieister. der »»»ein Kiild »»»»»gebracht hatte, eitirte n»ai» nicht sofort. Man hat »i»ir meinen Sohn getödtet. Da. »»»eine Herrei» fz»»r Jury gewendet), da ist feine Photographie. Sieht er aus »vie ein fvanfev Mensch? Als ich meinem Sohne eine»» U»»»schlag »»»achte, ben»erkte ich in der Höhe der Brustwarzen einen Flecken, dick »nie eine Geschrvnlst n»»d hart. Ich fragte ihn, »vas er da habe. Eine»» Hufschlag. gab er zur Antrvort. Ich fragte »veiter, »vie er daz»l gekornmen sei. In der Reitbah»». sagte er. Der Liente»»a»»t Brmnoud d'Ars habe ih»» ansheber» lassen und ihn ins Lazareth geschickt, das; mau ihn rnassirte. Aber »»»an habe nichts gethan. denn sei»» Die»»stb»»ch habe keiner» Krankheilsvermerk getragen. Ich sprach auch zu der Kraukenlvärterin vor» dem Hnsschlage, aber sie erlviderte. es sei nichts, es sei schon vorüber. Nach den» Tode »»»eines Sohnes erhob ich sofort Beschwerde beim Obersten. Ich erinrierte ihr» an die Unterhaltung, die »vir gehabt hatten, an die förmlichen Anschuldigungen gegen Solanges und den -Hufschlag. In seiner Antwort schrieb mir Herr Oberst de Lestapis, er werde eine Untersuchn»»g anstelle»,. Er jagte »nir »»icht (»vie später), mein Schmerz habe mich 11 ufiu 11 denken lasse»», »»och daß die-Scene sich »»icht abgespielt habe. Darnals hatte er gegen meine Erzählung protestiren fönnen. Aber seine Ablengnnngen sind erst Vierzeh»» Tage später gekommen. Man hasste, ich »verde schweigen, und inen» »v erde »u i ch a l s v e r r ü ck t hin st e l l e n k ö n rr e n. Aber, »venn mein

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