Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1900)
- Date
- 1900-02-09
- Page
- Seite 62 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228372--56160-3292445- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
62 die Kleinigkeit von 730 000 Francs anderswo verschwunden." Sehr geschickt ausgerechnet — es stinnnt aber doch nicht, denn die Ausgaben betragen nicht, wie in dem Artikel behauptet wird, 1 168 60:3 Francs, sondern wie in dein Bericht Seite 162 dentlich zu lesen ist, 1 184 825 Francs. Daß davon für die Schüler: irn Orient 880 754 Francs ausgegeben sind, ist richtig und lvird in bem Bericht für jede einzelne Stelle genau spezifizirt; daß die übrigen 600 000 Francs für andere Zwecke verwendet lvorden, lvird nicht nur „zugegeben", sondern diese anderelr Zlvecke werde:: irr dem Bericht ebenfalls sehr genau bezeichnet. Wir könlren uns nun denken, mit welchem Heiß- Hunger sich unsere geehrter: Gegner auf diesen Bericht stürzen werden, aber wir wollen ihnen die Arbeit erleichtern. Die einzelnen Posten sind: Berpflegrmgswerke, Subventionen, Pensionen, Druckrrnd Postsachell, allgemeine Kosten, Miethen, Bibliothek und immerwährende Beiträge, die zurr: Kapital kommen. Es bleibt dann noch ein Ueberschrrß der Einnahme voll ca. 16 000 Francs. Am Ende ist gar mit diesem Kapital die Drepfus-Kampagrre bestritten worden, für die ja nach autisenritischelr Allgaben das Syndikat 65 Milliorren allein irr jüdischen Kreisen aufgebracht hat! Die Bilarrz bezieht sich ar:ch nicht, wie das Antisemitenblatt behauptet, auf Einnahme und Ausgabe Pro 1898, sondern auf das Berurogen der Alliance zu Ende des Jahres 1898. Das ist aber ein großer Unterschied. Diese Zahlen haben nun zu denell der Einnahme und Allsgabe gar keine Beziehung, mrd es ist eirl völliger Nonsens, 1 168 606 Francs, das ist der angebliche Betrag der Ausgaben, von den 1 896 191 Francs, das ist der Betrag des Bernlögens, abzuziehen, um so die Differenz von 760 <>00 Francs <genauer: 727 588 Francs) herauszurechnen,. Das Antisellritellblatt beendet seine Rechnullg mit folgendem Effektschlnß: „Wieerklärt sichaberderUnterschied vori 600000 Frcs. irr der Einnahrne mld Ausgabe (1,168, 008 minus 585,686)?" Ulld tum konllrrt die große Alltwort nub die iliederschllletterrrde Enthüllung: „Das ftnb „die Subskriptionen", von denen „dieStatuten" ilu 9lrtikel 19 spreche::." Der Ullterschied zlvischen Einnahrne llnd Allsgabe erklärt sich aber noch viel einfacher daraus, daß, wie wir schon am Eingang dieses Artikels nachgewiesen haben, um* drei Posten aus bon Einnahmen geschickt herausgegriffen sind, lväheelld die alldererl Posten einfach unterschlagen wurden. Unter diesen fitib vor allen zu nennen: die Legate, Die Eillkürlfte der Baroriln Hirsch-Stiftung, des Kapitals urld der Reservekaffe, die immerwährenden Beiträge llnd Subventionen, vor alletll die der ...lowish Colonisution Association“. Diese Titel IF urld V'—XII des Berichtes ergebeil aber die nach jeilem Zeitungsbericht fehlender: 666600 Francs. Damit fällt das antisemitische Rechenkunststück lvie ein Kartellhaus in Nichts zllsammell, ulld der Schluß des Artikels, daß die Alliance lroch „lllit llllgezählten anderen Sunrmei: die öffentliche Meillung zll ihrem Zlvecke zll beeinflussen weiß," gehört in die Reihe jener rlnqualifizirbaren Beharlptullgen, mit denen uns die Arrtisellliten von Zeit zu Zeit überrascher: urld die man leider in der Presse nicht bei ihrem wahren Namen llennen darf. Daiilit erledigt sich aber ailch die Frage des Antisemitenblattes: „Ulld dieser: Staat im Staate sollen wir unter rrns dulden?" Die Alliance besteht seit mehr als vierzig Jahren. Sie verfolgt keine anderen Zlvecke als der protestantische Gustav Adolf-Verein uitb als die entsprechenden katholischen Hilssvereine, die ihre Wirksamkeit ja auch auf die Glaubensgenosserl in allen Ländern der Welt erstrecken m:b deren Aufgabe es ist. Denjenigen, welche in ihrer Eigenschaft als Christen leiden, eine wirksaure Hilfe angedeiheir zu lassen. Sie ist viel weniger ein geheimer Weltbund als die zwar nicht orgarrisirte, aber thatsächlich existirende antisemitische Propaganda, die heute Herrn Schrreider arrs Wien rrach Berlin beruft, morgen Herrn Werrgg ar:s München rrach — Polna schickt und gelegentlich auch mit der: französischen „Brüdern", die ja die größten Derrtschenhasser sind, in Verbindung tritt. Die Alliance verfolgt vor allern große Kulturarrfgaben seit ihren: Bestehen mit Eifer und Geschick, und sie wird sich irr ihren: Liebeswerk durch die häßlichsten Angriffe der Gegner nicht beirren lassen. Ebensowenig werden Diejeniger:, welche der Alliance als Freunde sich errviesen Haber:, dadurch abgeschreckt werdet:. Wer den Bericht über die Schule:: im Orient, über die Ackerbau- und Handwerkseirrrichtungen genau liest, der wird der Alliance in ihrer:: großer: Unternehmen, das Licht der Kultur rurch den: Orient zu tragen, freudig zustimrrren und dieses nach Kräften unterstützen. Gerade die Angriffe der Gegner werden vielleicht diesen Erfolg Herbeiführer:. Es dürste sich darn: wieder einmal' die alte Geschichte von Bilearr: in sehr schöner und recht rnoderner Weise wiederholen. Me Woche. Berlin, 7. Januar. (^\rPeber ben inneren Zwist im al:tisemitischell Lager wird jetzt etwas mehr Licht verbreitet durch eine Erklärung des Herrn Liebermaru: v. Sonnenberg selbst, in der er die Gründe auseinandersetzt, die ihn verarrlaßt haben, den Vorsitz in der antisenütischen Partei niederzuleger:: „Ich habe den Vorsitz niedergelegt, weil die Wiederwahl der Herren Werner und Bindewald zu Schriftführern und des Herrn Dr. Vielhaben zmn Kassirer mich vor die sichere Aussicht stellte, daß in den parteitaktischen Fragen bezüglich unseres Verhältnisses, i u evfter Sinie znm Bunde der Land Wirt he, in zweiter Linie zur konservativen Partei, stets die Ansicht des freiwilligen Geschäftsführers unserer Partei, des Herrn Dr. Giese, über meine Auffassung siegen würde. — Ich wäre also nicht im Stande gewesen, das Mandat zur Ausführung zu bringen, das ich nach nieiner Auffassung auf den: Hamburger Parteitage erhalten, luiutlicb: unter voller Wahrung der Selbstständigkeit unserer Partei die Wiederherstellung eines friedlichen Verhältnisses zwischen uns und den verwandten Parteien und Richtungen anzubahnen. Der verdienstvolle und in unserer Partei mit ausschlaggebenden: Einflüsse ausgerüstete Leiter unserer freiwilligen Geschäftsstelle Herr Dr. W. Giese ist der Meinung, daß ich einen solchen Auftrag von: Parteitage nicht erhalten hatte. Er und sein Freund und Mitarbeiter Herr O. H. Böckler (Berlin) glauben vielmehr, daß ein friedliches Zusannnengehen mit den genannten Gruppen für uns unmöglich sei. Sie handeln dieser Auffassung entsprechend, ohne daß ich es zu hindern vermag. Unter solchen Umständen kann es nur kein vernünftiger Mensch verargen, wenn ich die Verantwortlichkeit für eine Parteitaktik ablehne, die ich für verderblich halte. Jetzt Vogelstranßpolitik zu treiben, wäre thöricht. Auf dem nächsten Parteitage muß die Frage entschieden werden, vb Diejenigen bei uns die Mehrheit haben, die als Hauptaufgabe unserer Partei die B ekä n:p f n n g d es Ju d e r: t h n m s und der mit ihn: verbündeten politischen Parteien ansehen, oder Diejenigen, die meinen, jenen Kamps nicht nur ohne Bundesgenossen, sondern sogar unter gleichzeitiger erbitterter Bekämpfung verwandter Parteien und Richtungen erfolgreich durchführen zu können. Die Krisis, worin sich unsere Partei gegenwärtig befindet, besteht also in keinein Zwiespalt über die Grnudanschauungen, sondern :n:r in verschiedenartiger Auffassung der Mittel und Wege, die znm Ziele führen. Darum hoffe ich, daß sie nicht zur Auflösung, sondern zur Genesung führen wird."