Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1900)
- Date
- 1900-02-02
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Ur. 5. Lerlin, 2. Februar 1900. 'Ueikage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. ££5 Berlin- 26. Januar. Am 23. d. M. fand hier die außerordentliche Generalversannnlung der „Jüdischen Lesehalle und Bibliothek" statt. Der Verein hat durch das Hinscheiden des Herrn Kommerzienrath Julius Jsaac einen schweren Verlust erlitten. Die Verdienste dieses Mannes um die Begründung der Lesehalle sind ja allgemein bekannt. Die Bibliothek besteht jetzt aus 2705 Bänden, ferner befindeil sich in der Anstalt 55 verschiedene Zeitungen aus allen Theilen der Welt. Die Besuchszeit der Lesehalle ist auf die Stunden non IV2—■41/2 Uhr Nachmittags festgesetzt, mit Ausnahme des Sonnabend, Sonntag und der Feiertage, in welchen die Lesehalle von 11—2 Uhr geöffnet ist. Der Besuch ist int Ganzen so geblieben wie im vorigen Jahr, d. h. das Lesezimmer ist durchschnittlich von 150 Personen täglich freguentirt worden. Die Bibliothek wird auch außerhalb der Lesehalle von 252 Personen fleißig benutzt. Von diesen ständigenAbonnenten sind denl Berufe nach 68Kaufleute, 58Gh!nnasiasten, 54 Stndellten, II Lehrlinge. 11 Schriftsteller und Redakteure, 4 Rabbiner, 4 Rentiers. 2 Juristen, 5 Lehrer, je ein Arzt, Professor, Bankbealllter, Balllneister, Kantor. Maler und Photograph. Von den in der Bibliothek vorhandenen Büchern fiub beständig 400 Bände ausgeliehen. Der Hauptkatalog ist jetzt beinahe fertig gestellt und sind in demselben in übersichtlicher Form sümmtliche Bücher shstelnatisch nach Inhalt und Alphabet durch den Sekretär Herrn Leo Winz geordnet. Abgesehen voll der ziernlich unverändert gebliebenen finanziellen Lage ist das Jllstitut, wie mall sieht, in beställdigenl Wachsthunl ulld für andere Städte vorbildlich gelvorden. Außerdem hat sich die Lesehalle auch nach anderer Richtung hin sehr nützlich ertoiesen, indenr sie dem Verein für jüdische Geschichte lind Litteratur au drei Abenden der Woche ihre Räume zur Verfügung stellt. Die Erhaltung und Blüthe des Instituts ist der thatkräftigeu ulld der zielbewußtell Leitrnlg des Vorstandes, vor allem den Herrell Dr. Max Gillsberg, Benas Levh, Oberlehrer Dr. Schäfer zu danken. Es bleibt um: lebhaft zu wünschen, daß die jüdische Lesehalle sich immer größerer Shmpathie in lveitesten Kreiseil erfreue, die durch fleißige Benutzung sowie durch Beitrittserklärungen und Zuwendung von Büchern und Zeitschriften ihren Ausdruck findell möge. y. Berlin, 28. Januar. Der hiesige Verein selbstständiger Handwerker j ü d i s ch e u Glaubens, seit fünf Jahren bestehelld, bereits die stattliche Zahl von 105 Mitgliedern zählend, hielt am 22. d. M. eine Generalversammlung in Dräsells Festsälen unter sehr großer Betheiligung von Mitgliedern ab. Eröffnet wurde dieselbe durch den 1. Vorsitzenden Herrll S. Joseph mit herzlicher Begrüßung imb den aufrichtigsten Wünschen für das neu begollnene Jahrhundert. Zur Tagesordnung übergehend, verlas der Schriftführer das Protokoll der letzten Sitzung, welchen! der Bericht des Vorsitzenden anschließlich der Thätigkeit des Vereins im verflosseilen Vereinsjahre folgte. Demselben entnehmen wir. daß der Vorstand liicht weniger als 22 Sitzungen gehabt hat. Dem Rendanten wurde Decharge ertheilt und dernselben von Seiten des Vorstandes für seine wirklich viel Zeit und Arbeit raubende Bemühung der Dank durch Erheben von den Plätzen gezollt. Der Bericht der Revisoren lautete, daß alles in musterhafter Ordnung. Zu dem Bericht, hinsichtlich der fünf im Verein in den verschiedenen Stadtbezirken amtirenden Aerzte, schlug der anwesende Herr Dr. med. S t e r n b e rg an Stelle des Behinderten Herrn Dr. Juda vor. Zu VI, Abänderuilg des Vereinsstatuts, wurde eine Kommission, bestehend aus drei Vorstandsmitgliedern, Herrn Dr. Sternberg und fünf Mitgliedern aus dem Verein, gewählt. Bei der nunmehr folgenden Vorstandswahl wurden theils durch Akklamation wie auch Zettelwahl neugewählt: Herr M. Herz als 1. Vorsitzeuder, I. Löwenstein als 2. und stellvertretender Vorsitzender, Heuer als 1. Rendant, A. Rabau als 2. und stellvertretender Rendant, Karger als 1. Schriftführer, H. Strauch als 2. Schriftführer und Baschwitz, Krouer und Davids als Beisitzer- Punkt VIII betraf Verschiedenes und interne Vereinsaugelegenheiten. Handwerk hat goldenen Boden. Möge der Verein auch ferner sich bewähren! 8. Berlin, 29. Januar. Alu 26. d. M. verschied hier nach kurzen! Krankenlager der Rentier Moritz Levh im 78. Lebensjahre. Der Verstorbene war seit dem Jahre 1888 Mitglied der Armenkommission und gehörte seit 1890 der Kounnission zur Unterstützung hilfsbedürf, tiger Durchreisender an; außerdem war er im Vorstand vieler Wohlthätigkeitsvereine, so des Vorschußvereins für hilfsbedürftige Mitglieder der jüd. Gemeinde, des „Berliner Vereins von! Rothen Kreuz" u. a. m. Alle diese Aemter leitete er mit seltener Umsicht und unermüdlichen! Eifer. Mit diesem Mann ist ein hochherziger Mäcen, ein großer Verehrer der Musik und Kunstliebhaber, ein Förderer aller gemeinnützigen und Humanitären Bestrebungen, ein stets hilfsbereiter Wohlthäter der Armen und Bedürftigen, ein wahrhaft edler Mensch dahingegangen. dessen Hinscheiden in!veiten Kreisen unserer Gemeinde allgemeine Theilnahme Hervorrufen wird. Er war der Schwiegervater des bekannten hiesigen Rechtsanwalts Dr. Felix Landau, der, gleich deni Verstorbenen, seine volle Thatkraft den Bestrebungen des Judenthums auf mannigfachen Gebieten widmet. Ehre dem Andenken des trefflichen Mannes! 8. Berlin, 30. Januar. Einen! Interview mit dem in letzter Zeit vielgenannten und höchster Protektion sich erfreuenden Verfasser der Hohenzollern-Dramen und Wiesbadener Hofdramaturgen Major- Laufs entnehmen wir einige Aeußernngen, die bei unseren Lesern besonderes Interesse finden dürften. Der Genannte erklärte: „Ich hasse Alle, die das Volk im falschen Wahne erziehen, der blöden Menge Unduldsamkeit lehren. In einem in vierfüßigen Jamben und in sechszehn Gesängen geschriebenen Epos „Die Geißler i n", dasich im März dem Druck übergebe, bekämpfe ich die Volksbethörer und deren Intoleranz. Das Epos spielt zur Zeit des Flagellanten-Wahnsinns im Mittelalter; aber ich lvende mich darin gegen die Ausschreitungen und die Ausbeuter des Volkswahns zu allen Zeiten. 1348, zur Zeit der furchtbarsten Pestepidemie in Deutschland, ziehen die Flagellanten in Worms ein. Alsbald verdächtigt man die reichen Juden des Ghetts, die bisher in Folge eines vom Kaiser Heinrich IV. erlassenen Freibriefes die Vorrechte der Patrizier genossen, als Urheber der Seuche. Vergebens verschwendet der berühmte Rabbi Beer ben Tolede seine feurige Beredsamkeit an das wahnbethörte Volk, die Befehle des gesetzesstreugen Oberbürgermeisters, der die Inden in Schutz nimmt, werden mißachtet. . Auf die Zwischenfrage, ob der Antisemitismus siegt, antwortet Major Lauff: „Wie jeder Volkswahn zu allen Zeiten — für kurze Zeit. Denn es lauert das rächende Verhängnis; — ich versinnbildliche es in meiner epischeu Dichtung als den personifizirten Tod. der eiuherschreitet." Auf den Einwurf, ob das Epos in philosemitischer Tendenz gehalten sei, erwiderte der Gefragte: „Ja. Es nahm diese Tendenz immer mehr an, während ich in den alten hebräischen Dokumenten, die ich mir aus Worms kommen ließ, stndirte. Aus ihnen lernte ich die Sabbath - Gebräuche der spanischen Juden des Mittelalters, welche ich in meiner Dichtung genau schildere, aus ihnen lernte ich echte Toleranz, wahre Menschlichkeit und Nächstenliebe. . x Danzig, 25. Januar. Der V e r e i u s ü r jüdische Geschichte und Litteratur, welcher vor einem Jahre hier begründet wurde, hielt am 19. d. M. seine erste ordentliche Generalversammlung ab. Wie überall, hat sich auch hier der Verein in erfreulichster Weise entwickelt. Er zählt 166 Mitglieder. Vorträge wurden gehalten von den Herren Rabbiner Dr. Blumenthal-Danzig (2), Dr. Vogelstein-Stettin. Dr. Hirschseld-Danzig und Dr. Kohut - Berlin. Eine Bibliothek und ein Lesezirkel wurden begründet und finden lebhafteste Theilnahme. — Unser Rabbiner, Dr. Blumenthal, siedelt Ende Juni d. I. nach Berlin über, wo er als Vertreter der liberalen Richtung zum Gemeinde- Rabbiner gewählt ist. Ueber seinen Nachfolger verlautet bis jetzt nur,