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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-02-02 · Heft 5 (2.2.1900) · p. Seite 60

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 5 (2.2.1900)
Date
1900-02-02
Page
Seite 60 (sequence 14)
Language
German
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60 überlassen, einem vom Baume losgelösten Blatte vergleichbar, welches der Wind hinfegl, wohin er will. Kein Staat, keine Behörde, keine Institution kümmert sich uni ihn. Während daher die ersteren, ohne Zeit und Kräfte zu vergeuden, sich dem Stndinm widmen dürfen, muß so mancher jüdische Student im Kampfe ums Dasein, wenn er nicht elendiglich nutergehen soll, in sich den Spürsinn und die feine Witterung für Tagesereignisse herausbilden, was ihn nach und nach, von einem ernsten Gelehrten oder Forscher, der er hätte werden können, znm oberflächlichen Zeitungsschreiber degradirt. Dein flüchtigen Beobachter mag es wohl scheinen, daß die Thätigkeit eines Zeitungskorrespondenten nichts Uebles an sich hat. In Wirklichkeit jedoch ist dem nicht so. Wer sich dieser Thätigkeit auf die Dauer ergiebt, dessen Fähigkeiten und Geisteskräfte werden nach und nach zersplittert, ansgerieben und verzehrt, ehe er selber es merkt. Wie glücklich preise ich jene Schriftsteller, die in der glücklichen Lage sind, ihre Gedanken zu Papier zu bringe», ohne die Zeilen zählen zu müssen, ivie ich es heute thue. Zum Schein thuu wir Alle dasselbe. Ich schreibe, und jene schreiben. Aber jene sind bestrebt, in knapper Fassung einen reichen Inhalt dem Leser darzubieten, jene legen in ihren Schriften die Quintessenz ihrer Ueberzengungen und Gedanken nieder, während ich allerhand nichtiges und werthloses Zeug zusammenschreibe, um nur so viel Zeilen als möglich herauszubringen, um die Anzahl der Pfennige meines vormaligen Honorars zu vergrößern. Wie beneide ich jene glücklichen Schriftsteller, die keine Roth zwingt, ihre Geistesfrüchte vor der vollendete» Reife auf den litterarischen Markt zu bringen, die nur dann zur Feder greifen, wenn sie beit innern Drang dazu fühlen, nicht aber, wenn die Schuhe den Rachen aufsperren oder die Wirthin mit dem Hinanswerfen droht. So mag wohl eine Harems-Sklavin eine freie Frau beneiden, die nach Herzenswahl lieben darf. 27. April 189 . . Gestern Abend war ich in einer Versammlung jüdischer Studenten aus Rußland. Da ging es lebhaft zu. Alle sprachen» schrieen, debattirten, zankten sich, fielen einander ins Wort, machten einen Heidenlärm, erhitzten sich immer mehr uild stritten wie die Marktweiber. Um was handelte es sich dabei? Ich weiß es nicht, aber ich glaube, daß die Anderen selber es auch nicht wissen. Mir scheint, der Lärm war um des Lärmes willen allein. Sobald einer den Mund öffnete, vergaß er, ihn zu schließen. Die Worte stürzten nur so von den Lippen, mit stürmischem Geräusch, ohne Unterbrechung und Aushör. Aber der ganze Wortschwall erklärte nichts, erläuterte nichts, sondern trug nur noch zur Verwirrung der ohnehin unklaren Begriffe bei. Alle Redner sprachen auf einmal, es gab einen heillosen Wirrwarr, ein erschreckendes Chaos in den Diskussionen und Unterhaltungen. Man vermißte jede Spur von Geschmack und geselligen Umgangsformen. Die besten Kollegen, welche fleißig lernen wollen, die wirklich Befähigten, die denr Leben mit Ernst und Besonnenheit gegenüber stehen, haltett sich fern von allen diesen Versammlungen und Konventikeln und nehmen keinen Antheil an den leeren Debatten. Andere dagegeil thun sich in verschiedenartigen Vereinen zusammen und verbringen die Tage mit allerhand Klatsch, mit Zänkereien über kleinliche und schmutzige Angelegeuheiten, woraus gegenseitige Mißgunst und Scheelsucht erwächst. Die Versammlungen werden zumeist aus unbedeutenden und belanglosen Anlässen veranstaltet, die nicht werth sind, daß man einen Augenblick an sie wendet. l Alle in solchen Versammlungen gefaßten Beschlüsse bleiben in > der Luft hängen, ohne daß Jemand daran dächte, sie zu verwirklichen; die Debatten nehmen niemals ein Ende, seit der Gründung des Vereins bleiben alle daran geknüpften Pläne in der Theorie. So geht die Zeit, die das Leben selber ist, ungenützt verloren. Wenn man die Stunden zusammenrechne» würde, die jeder Einzelne von uns an solche zwecklose Versammlungen vergeudet, es würde eine erschreckende Rechnung heranskommen. Um wie viel besser ließe sich diese Menge verlorene Zeit zu geistigem und moralischem Nutzen anwendeu. Es ist betrübend, wie die Jugend so sorglos die kostbarsten Iah« verrinnen sieht. Ist es an dem Zeitverlust, den wir unter dem Druck der Verhältnisse und der Roth des Tages erdulden müssen, nicht genug? Viele meiner Kollegen sind förmlich mit einer krankhaften Sucht behaftet, in allerlei Versainmlllngen zu laufen, um alle möglichen Wortkünstler und Schwätzer zu hören, und Vereine und Gesellschaften von den verschiedensten Tendenzen;u besuchen. Mir will es jedoch scheinen, daß dieses Schwanken von einer Versammlung in die andere, von einem Vereinslokal in das nächste, nicht hervorgerufen wird von dem Drang nach Erkenntniß der Wahrheit, von der Begierde nach Wissen, nicht einmal von dem Trieb nach Geselligkeit, sondern lediglich die Aeußernng einer unbestiiurnten intellektuellen Wanderlust ist. der kein klares Ziel vorschwebt, einer moralischen Unruhe, die des festen, sicheren Pols entbehrt. Leichtsinn und Thateuarmuth schlagen auf diese Weise die Zeit todt. Kprerhsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! <Mch bitte in dem Sprechsaal der nächsten Rümmer der Zeitung des Judenthnms den störenden Druckfehler in der elfte» Zeile meines Eingesandt von oben berichtigen zu wollen: Es must nicht heißen „fertig" gestalten, sondern: farbig. Berlin, 19. Januar 1900. Th. Kappstein, Redakteur und Dozent. Hochgeehrter Herr Redakteur! je Nunnnern 1—4 der Zeitung des Jndenthnms sind mir, wie die Expedition mir bezeugen wird, erst heute zngegangeu und erfahre ich zu meinem Erstaunen, daß die von mir herausgebenen Nummern der „Gut Woch'" dem Herrn Vorsitzenden des „Vereins der Freimüthigen" Veranlassung zu einer Berichtigung gegeben. Auch ich gehöre zu dem Verein der Freimüthigen, d. h. ich war so frei und hatte den Muth, das was ein geistreicher Autor begönne!!, wieder fortzusetzen, ohne auch nur mit einer Silbe zu betonen, daß meine Nummer eine Fortsetzung sein sollte. Wohl habe ich in durchaus loyaler Weise indirekt durch den Buchdrnckereibesitzer Herrn I. S. Prenß bei dem Vorstand der Freimüthigen angefragt, ob ich die originelle Titel sch rift benutzen dürfe, was allerdings abgelehnt wurde, allein ich habe es ausdrücklich abgelehnt, dieses Gesuch auf den Wortlaut des Titels auszudehnen und damit eine Verwechselung ausgeschlossen, das Blatt: „Reue Gut Woch'" genleint. Der Wunsch und der Name „Gut Woch" ist so alt, wie das Judeuthnm und wird schon im Talmud ((Bitttu 61 a) angedeutet. Ich habe nun nicht allein eine „Gut Woch" gewünscht, sondern jedem Leser eine „Gute Woch" gegeben. Dasselbe will ja auch, wie die Berichtigung andeutet, der „Verein der Freitnüthigen" thun, und so werden wir, der Verein und ich. von Zeit zu Zeit unseren Glaubensgenossen eine „Gut Woch" darbieten. Aschersleben, 28. Januar I960. Lion Wolfs. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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