Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1900)
- Date
- 1900-02-02
- Page
- Seite 59 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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59 Lose Blatter ans dem Tagebuche eines russisch-jüdischen Studenten. Von N. Brainin. Lvn.i.L'roii 12. Februar 189 . . . eit einigen Wochen hungere ich nicht mehr. Von Seiten einer Redaktion wurde ich beauftragt, ein russisches Buch ills Deiltsche zu übersetzen. Seitdem ich diese Arbeit überllomlllell habe, besuche ich die Vorlesungen an der Universität überhaupt nicht mehr, auch daheim nehme ich kein wissenschaftliches Buch zur Hand, denn ich habe mich verpflichtet, die Uebersetznng binnen sechs Wochen fertig zu stellen. Das giebt eitle Menge Arbeit tlnd ein kläglich armseliges Honorar. Uni bei solcher Beschäftigung das Alleruothweudigste zum Leben zu verdienen, muß ich vorn frühesten Morgen bis Mitternacht itn Zimmer eingeschlossen bei der Arbeit sein, ohlle mir längere Pausen zu göntlen. Freilich leide ich keinen Hunger mehr, mul) wird mein Ofen täglich geheizt, aber mein Seelenfriederl ist hin, ich bin den ganzen Tag aufgeregt und überworfen mit mir allein und der ganzen Welt. Stets muß ich daran denken, daß ich auf die Hochschule kam, - ulld ach, was für Mühen llnd Kämpfe hat mich das gekostet! - um etwas Rechtes zu lernen und meinen Geist zu bilden, und nun habe ich nur die Wahl, enttveder Hirnger und Kälte zll erdulden, lvelche mir das Studium unmöglich machen, oder aber, werru das Glück tnir lächelt, eine tuechauische Arbeit ztl verrichten, indem ich irgend einen dummen Roman, irgend ein blödsinniges Machwerk von der eitlen Sprache in die aridere übertrage; anstatt zu lerrren und nur zu lernen, lvonach ich rnich so gesehnt habe, was der einzige Zweck meilles Herkornnrens war, bin ich gezlvungen, Hauptwörter und Zeitrvörter zrr so und so viel für den Pfellliig oder den halben feilzllbieteu. Und bantit diese verwünschten Pferurige hinreicheu, gegen ben Hunger zu schützerr, lllllß ich irr der Stunde so viel als möglich an Haupt- und Zeitwörtern fabrizireu, so daß mir keine freie Minrlte übrig bleibt, einerl eigenen Gedanken zu fassen. Wenrl das so weiter geht, lverde ich ganz stumpfsinnig und einer fruchtbaren Geistesarbeit unfählg. Ulld doch, wie viele Kollegen beneiden mich ob des glücklichen Zufalls, der mir diese Beschäftigrulg in die Hand spielte. Wie viele lvären glücklich, in einer Druckerei oder Redaktion zum Korrigiren verwendet werden zu können. Ach, die Korrekturarbeit! Auch das habe ich durchgenracht, auch durch diese Leidensschule bin ich gegangen. Giebt es eine geistesstörendere Arbeit als diese? Solch ein Unglückslnensch von eineul Korrektor sillkt zu einer Maschine herab, deren einzige Verrichtung darin besteht, die Streiche des Druckfehlerteufels wieder gut zu machen; für ihn muß das Druckwerk, all dessen Zustalldekommen er luitarbeitet, lediglich aus lrnabsehbaren Reihen voll Drucklettern bestehen, die genau zu zählen und in Ordllnng zu galten ihm obliegt, und er darf sich ben Luxus nicht gönnen, dem Inhalt die Aufmerksanlkeit zuzuwellden. Es muß ihnl gleichgiltig sein, ob das, was er korrigirt, hohe Weisheit ist, oder sinnloses Zeug oder gar ein sittlicher Schund, der seinen Ekel erregt. 18. April 189 . . . In letzter Zeit darbte ich entsetzlich. Wie froh war ich daher, als mir, dank den Bemühmlgell meiner Freunde, die Stelle des Korresponderlten einer rllssischen Zeitung angeboten wurde. Ich griff ohne Zögern zu. Doch nur zu bald ward ich inlle, wie schwer ich mich getäuscht. Null droht auch der dünne Faden, der mich noch mit einem erllsten wissenschaftlichen Streben verbindet, zu zerreißen. Mein ständiges Verweilen ist nicht nlehr in der Bibliothek, sondern in der Zeitungshalle, wo ich gallze Fluthen von faden Leitartikeln über luich ergehen lasse und mich in den trüben Strom des augenblicklichen Treibens versenke. Mein Beruf zlvingt mich, gleichsam in einem Misthailfen herumzuwühleu, allerlei schimnlerndellUllflat herauszugreifen ulu Leckerbissen llach dem verderbten und verliederten Geschulack einer Redaktion und ihres verehrlichen Publikums zu bereiten. Allmälig fange ich an, einen aufrichtigell Widerwillen gegell meül Thun zll empfinden. Die Natur dieses Handlverks bringt es mit sich, daß mau die Thatsachen, je nach dem Geschmack seiner augenblicklichen Brodgeber, schlvarz oder lveiß färben, nach der einen oder der anderen Seite übertreiben muß. Will der Zeitungskorrespondent nicht Hullger leiben, so muß er seine Berichte nach dem Rezept der Redaktionsküche zubereitell. Allstatt die ewigen Wahrheiten der reillen Wissellschaft, die Wandlung der Dellkarbeit erlesener Geister in nlich aufzllnehmen, bin ich als Neuigkeitskränler verpflichtet, ben ill der Luft herumschwirreuden politischen ulld sozialen Klatsch aufzufangen, jedes leise Geräusch jenseits des gesellschaftlichen Vorhanges zu belauschen und nach den Vorgällgen hinter den Kulissen zu schielen. Und lvie widerlvärtig ist erst der Handel lmd das Feilschen mit den Herren Redakteuren. Du schickst ihnen hundert Zeilen, sie aber drucken davon, so viel es ihllen paßt. Sobald deine Einsendungell in ihren Händen süld, verfahrell sie mit ihllen wie mit herrenlosem Gut, kürzell, älldern. verunstalten, ganz wie es ihllen paßt- Und weiln es alls Zahlen komlllt, schreibst du einen Brief llach dem alldern, eine Ermahnung nach der alldern, sie aber hüllen sich in Schlveigeu, und welln es dir gelingt, ihr Herz zll erweichen, so schicken sie dir nicht eiunlal, lvenn du es brauchst und wie viel dir gebührt, sondern so viel es ihnen beliebt. Wenn ihnen der Eillfalt kommt, lverfen sie dich weg, lvie ein werthloses Gerath. Um eülen Nachfolger sind sie llicht besorgt, denn für eillen giebt es zehn meiner Landsleute lmd Glaubensgellossen, die mit sehnsüchtigen Augen auf eine solche Stelle ausschaueu. Wie viele talentvolle und arbeitsfreudige Jünglinge habe ich iu diesem wüsten Meere der Journalistik untergehen sehen! Ursprünglich verließen sie Haus mib Heimath und gingen hinaus in die weite Welt, von schwellenden Hoffnungen getragell, um das „Licht" zu suchen, welches sie nüt vollen Händen schöpfen und ihren im Dunkeln weilenden Brüdern heimbringen wollten. Später hat die harte und unerbittliche Halld des Elends sie zu „Entenfabrikanten" umgekuetet. Wie gänzlich allders steht es um unsere christlichen Kollegen, die alls Rußland herkommell. Keiner ist unter ihnen, der nicht eine feste materielle Stütze hätte. Wer llicht von Hause aus bemittelt ist, bezieht Stipendien von der Regierung, voll wissenschaftlichen Stiftungell oder dergl. Der jüdische Student dagegen geht nach dern Ausland, lveil ihnl daheilu der Zugang zll dem „Born der Wissenschaft" verwehrt ist. Wenn feine Eltern nicht für ihn sorgen könnell, bleibt er sich selber