Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1900)
- Date
- 1900-02-02
- Page
- Seite 58 (sequence 12)
- Language
- German
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58 besondere wenn sich die oben genannten Institute und Stiftungen zu gemeinsamem Thun, sich also zur angemessenen Honorirung verbinden, ist sicher zu erwarten. Einzelne Litteraturvereine sind ja wohl hier und da rnit der Einrichtung jüdischer Bibliotheken vorgegangen, leider beschränken sie sich rndesi nur auf die Förderung jüdischer Geschichtskeuntniß, aus die Verbreitung wissenschaftlicher Werke, während die Pflege jüdischer Volksbildung noch brach liegt. Auch die Bne Berith- Logen, die irr rreuester Zeit überall errtstanden sirrd, sollten ihre Thätigkeit auf die Schaffung jüdischer Volksbibliotheken ausdehnen und ihre reichen Mittel in beu Dienst dieser heiligen Sache stellen — die Verwaltung der jüdischen Volksbibliotheken könnte am süglichsteu dem Rabbiner, Prediger, Lehrer oder Kantor unterstellt werden, der sie rrach den bewährterr Grundsätzen der allgenreinen Volksbibliotheken zu leiten hätte. Das sind unsere Wünsche für den Zweck, den Inhalt und die Verbreitung der jüdischer! Volksbibliotheken. Wir fügen noch den inrrigen Wunsch hinzu, dasi diese Anregung, nicht wie leider so viele andere mit dieser Erörterung enden, sondern dasi sie überall antheilsvolle Förderrmg finden möge! Die Macht des Gebetes. Bon Waisenhausdirektor L. Katz-Rybnik. #o oft ich die biblische Erzählung vorr derrr Karnpfe des Engels mit urrsererrr Erzvater Jakob lese, steht vor meinem geistigen Auge ein Bild: rvie Jakob, schuldbewußt, in heißem Verlangen beu Engel umschließt, ein banger Seufzer sich seiner Brust entwindet und seinen Lippen das Wort entströmt: „O, Herr, ich lasse Dich nicht, Du habest mich beim gesegnet!" In diesem krrrzen, seeleuvollen Gebete hat Jakob Erhörung gesucht rrnd gefunden. Und diese Erhörung ist es, die wir als Wirkung eines inbrünstigen Gebetes in der „Beruhigung" enrpfinden.! Wie das Kind in seiner Augst zuerst zu seinen Eltern eilt,! von ihnen die Befreiung von der Last erfleht und enrpfindet tPs. 50, 15: „Und rufe mich an am Tage der Noth, ich werde dich befreien" ), so hat wohl gar Mancher unter uns Erwachsenen, welcher Glanbensrichtung er auch angehören mag, ähnliche Stunden im Leben, Stunden der Freude und Strrnden des Kuminers, in denen er nach einem unsichtbaren Höchsten strebt, ihn umschlingen möchte, um seiner Freude Zoll ausströmen, sein kummerbeladenes Herz sich ausgießen zu lassen. Aber wie wenige Kinder der Erde besitzen diese Heldenkrast, sich dein Höchsten zu nähern! Sie haben ja inr Rausche des Genusses, im Jagen nach dem Glücke den Einig-Einzigen verloren. Sie getrauen sich nicht zu ihm. Sie glauben auch jetzt nicht so recht an die Wunderkrast, an die Macht des Gebetes, den Puls der Religion, obwohl sie in beu Tagen der Kindheit das Wort vernommen: „Er erhört Alle, die ihn anrufen, die ihn anrufen in Aufrichtigkeit." O, mein Bruder, meine Schwester! Versuche es getrost, tritt hin an die Stätte der Andacht, beginne nulthig. Ihm Dein Inneres zu offenbaren. Und je weiter Du vordrirrgst, je aufrichtiger Du Deinen Abfall, Deine Schuld bekennst, je reichlicher Deine Thränen fließen, desto leichter wirdDrr's. Du sindest Ihn, der noch lebt, Du gehst mit der Ruhe des Gemüthes von dannen, gestärkt mit neuem, frischem Lebensmuth, Du hast Erhörung gefunden im Gebet: Du kemrst jetzt bei Macht des Gebetes. Aber nun lasse Ihn auch nicht mehr wie Jakob. Preise ihn immerdar für die Wunder seiner Werke, für die Genüsse, die er Dir Tag für Tag giebt, auf daß sie weise, mit Mäßigkeit und Mäßigung genossen werden. Bitte ihn, Dir Leib und Seele gesund zu erhalten, und danke ihm für die Erleuchtung, daß Du nun mit Bewußtsein lebest und strebest und — laß Ihn ninuner! Wenn der wahre Menschenkenner hin und wieder die Stätte der Väter anfsucht und zufällig bemerkt, rvie so mancher dem Glauben des Vaters untreu Gewordene gesenkten Hauptes, knieend vor dem Grabe seines Erzeugers im andächtigen Gebete verharrt und sich nicht entschließen kann, den Heimweg anzrrtreten, wie er immer wieder noch einen Blick dem Grabe feiner Habe zuwendet: dann kommt ihm der Gedarrke, wie „nrächtig" das „Gebet für den Todten" dessen Inneres durchwühlt und vielleicht doch einen Einfluß aus sein ferneres Thun hiuterlassen haben mag. Wenn ich mit meiner Zöglingsschaar bei den verschiedensten Anlässen für ihre Heimgegangenen und die edlen Wohlthäter der Anstalt bete, kurz und innig, dann entgeht mir nicht, wie so nranches sonst laue Kind seine Zähren verstohlen zrr tilgen bemüht ist. An dein Ruck seines Kopfes, an dem Zucken des ganzen Körpers erkenne ich den Entschluß, gut und brav werden zir wollen, und ich preise in meinem Herzen die „Macht des Gebetes". Und wenn ich einen Sohn unseres Glaubens, der die heiligen Hallen seit Jahren nicht betreten, nach dem Tode der Eltern das „Kaddisch" sagen höre und das Borclui ess adonai hammeworecli vor der geöffneten Thorarolle, dann drückt mir das Vibriren seiner Stimme seine Erkenntniß aus: die „Macht des Gebetes". Soll aber das Gebet diese Macht üben, nicht nur auf das Gernüth der der alten Richtung treu Gebliebenen, viel mehr noch auf das der „Leichten"; sollen diese dem Glauben der Väter wiedergewonnen mrd erhalten werden: dann muß unbedingt die Form und der Inhalt unserer Gebete dem Denken unserer Zeitkirrder entsprechen. Wie Wenige verstehen die heilige Sprache in dem Maße, daß sie beim Beten der hebräischen Worte sogleich den Sinn erfassen. Wie Viele müssen sich erst mühsam die Wortbilder zurechtlegen! Und wenn sie das vollbringen, was ist rhnen das Gelesene? Haben sie einen Begriff davon, können sie „andächtig" sein? Ein Gebet aber ohne Andacht ist wie ein Körper ohrre Seele. Biele unserer „Gemüthsmenschen", die vielleicht gern das Gotteshaus aufsuchen möchten, meiden es geradezu aus Scharn, dem Gottesdienste nicht folgen zu können und gehen so allmülig auch dem Glauben verloren. Das sollten alle die Persönlichkeiten und Körperschaften wohl beachtet!, die berufen sind, unsere Stammesgenossen zu sammeln. Rieht mit ialseher „Pietät" veraltete und unseren! Denken nicht zusagende Gebete weiter hernnterleiern lassen; nicht mehr glauben, daß der liebe Gott jedes Gebet, auch das nicht verstandene, wenn es nur in der hebräischen Sprache gesagt wird, anerkennt und es auf das Konto, das „Verdienst" unserer Väter schreibt; sondern sichten und sichten, um auch die Mattgläubigen von der Macht eines „verstandenen", innigen Gebetes zu überzeugen. Das Einreißeu des Alten ist ein Aufbauen.