Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1900)
- Date
- 1900-02-02
- Page
- Seite 53 (sequence 7)
- Language
- German
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Interesse des Verbandes — gegen drei Stimmen abgelehnt worden, so daß nur geprüfte Lehrer in beu Vorstand gewählt werden können. Anch an der Besprechung des Antrages, dem Lehrer Sitz und Stimme im Schulvorstande der Gemeinde zu gewahrem habe Referent theilgenommen und sei für den Vermittln!,gsvorschlag eingetreten. Redner erwähnt ferner, daß der Antrag betreffs die Begründung einer periodisch erscheinenden Zeitschrift als Centralorgan der jüdischen Lehrerschaft inzwischen durch Herrn Lehrer Steinhardt- Magdeburg der Ausführung näher geführt werde; daß endlich,!vas er mit Rücksicht auf das heute auf der Tagesordnung stehende Verbandsthema nicht unerwähnt lassen dürfe, die Vorbildung der Lehrer auf den bestehenden Lehrerseminaren (mit Ausnahme der Lehrerbildungsanstalt zu Berlin) recht abfällig kritisirt worden sei. Nachdem Redner noch die übrigen Punkte, die auf dem Delegirtentage in Berlin zur Verhandlung gekonunen, flüchtig berührt, schließt derselbe seinen Bericht mit der Versicherung, daß er den Verhandlungen des Verbandstages seine Anerkennung nicht versagen könne, und daß diese sicherlich der jüdischen Lehrerschaft im Deutschen Reiche zum Segen gereichen würden. — Der Vorsitzende dankt dem Herrn Referenten für die würdige Vertretung zum Delegirtentage, die Versammlung giebt diesen! Danke durch Erheben von den Sitzen Ausdruck. Es entspinnt sich nun eine rege Debatte über Anschluß oder Nichtauschlnß an die nengegründete Pensiouskasse. Die Versammlung nimmt nach Entgegennahlne des Berichtes mit Genngthnung Kenntniß von der Stellungnahme des Referenten zu den einzelnen Gegenständen der Tagesordnung auf den! Verbaudstage in Berlin, schließt sich derselben durchaus an und beschließt in Betreff der Pensionskasse folgende Resolution: „Rach Entgegennahme des umfassenden Berichtes seitens des Herrn Dr. Goldschmidt- Kolberg über Gründung einer Pensionskasse für jüdische Lehrer im Deutschen Reiche, wird infolge des zu hoch bemessenen Beitrages die momentane Unmöglichkeit desBeitritts dazu ausgesprochen, dementgegen allen Vereinsmitgliedern nahe gelegt, sich möglichst den bestehenden Provinzialhilfskassen anznschließen." Hieran reiht sich der wichtigste Theil der Tagesordnung, die Lehrprobe, welche Kollege Lev i-Belgard übernommen hatte. Das Thema lautete: Das 5. Gebot. Nachdem Referent in einleitenden Worten auf das eigentliche Thema übergegaugen und das 5. Gebot sodann in erschöpfender Weise erläutert hat, lvird der Inhalt seiner Erklärung abgefragt. Das zusammenfassende Wiedererzählen fällt infolge der fortgeschrittenen Zeit weg, ebenso unterbleibt ausnahmsweise die Besprechung über die gehaltene Lektion. — Es beginnt nun der 8. Punkt der Tagesordnung, nämlich das Referat des Kollegen Saul-Schivelbeill über das Thema: Welche Anforderungen müssen an die jüdischen Lehrer und Lehrerbildungsanstalten gestellt und von beiden erfüllt werden?" In wahrhaft zündenden Worten, die von der Liebe zu unserer erhabenen Religion und zum Lehrerstande erfüllt sind, versteht es der Referent, die Versanunlnng von der Berechtigung der Forderung einer erhöhten und erweiterten Einführung der Semiuarzöglinge sowohl in die hebräischen als auch in die profanen Wissenschaften zu überzeugen. Nach anregender, lebhafter Diskussion, an welcher sich fast alle Mitglieder betheiligen, werden am Schluß der Debatte einstimmig folgende Thesen angenommen: 1. Die Vorbildung, welche die jüdischen Lehrer in den jüdischen Lehrerseminaren erhalten, steht derjenigen der christlichen in keiner Beziehung nach. 2. Das Streben der jüdischen Lehrer nach höherer Vorbildung der Senlinarzögliuge ist berechtigt; namentlich ist die Kenntniß einer fremden, lebenden Sprache, wenn auch vorläufig durch Einrichtung als fakultativer Gegenstand erforderlich. 3. Die Kenntnisse, welche die jüdischen Lehrerseminare in der Religionslehre, in der jüdischen Geschichte, dem Hebräischen. Rabbinischen und in der Homiletik ihren Zöglingen vermitteln, sind erweiterungsbedürftig. Es wird nun zum Punkt 4 der Tagesordnung geschritten. Durch die Herren Revisoren Freudenthal-Falkenburg und Levy-Kolberg wird dem Herrn Vorsitzenden, als stellvertretendem Kassirer, nach richtigem Befunde der Kasse, Decharge ertheilt. Bei der nun folgenden Vorstaudswahl wird der bisherige Vorsitzende, Herr Dr. I o s e p hs o h n - Lauenburg, sowie der seitherige stellvertretende Vorsitzende, Lehrer- Sa u l-Schivelbein wiedergewählt; an Stelle des nach eineranderen Provinz verzogenen Schriftführers wird der Unterzeichnete zum Kassirer und Schriftführer des Vereins designirt sowie die Herren Levi-Belgard und Bauer-Köslin als Vorstandsmitglieder neugewählt. In freier Diskussion werden nunmehr manche interessante Vereinsangelegenheiten besprochen, und zuletzt dem Vorstände Zeit und Ort für die nächste Versammlung anheimgestellt. In derselben wird Kollege Levi-Kolberg über das bis dahin aufgestellte Verbandsthema referiren. und Unterzeichneter eine Probelektion über das Passahfest übernehmen. — Dem Herrn Dr. Josephs oh n wird durch Kollegen San l-Schivelbein der Dank der Versammlung für die unparteiische Leitung der Geschäfte ausgesprochen. — Nachdem die Mitglieder bis Abends 9 Uhr ununterbrochen in geistig anregender Debatte geschafft und gearbeitet, wurde nun im Hotel zum „Deutschen Hanse" zur Restanrirung der körperlichen Kräfte geschritten. Fröhlich wurden dort einige Stunden gemeinsam verbracht. Gern sei noch anerkannt, daß der löbliche Vorstand der Synagogengemeinde zu Belgard sein reges Interesse an den Verhandlungen des Vereins durch Ausharren bis zum letzten Augenblick unseres Zusammenseins bekundete. Bütow in Pommern. Der Schriftführer Siegfried Bellak Briese aus England. Von Rev. Dr. C h o tz n e r. f er bekannte englisch-jüdische Humorist Mr. Zangwill veröffentlichte jüngst in der Londoner „('onlempornrv Review“ einen längeren Artikel über beu modernen Zionismus, und da derselbe interessant nnd lesenswerth ist, so sollen hier einige kurze Auszüge daraus folgen. Der Zweck des Zionismus, meint der Verfasser, sei die Erleichterung oder gänzliche Beseitigung des — voll Heine erfundenen - Judenschmerzes. Dies könne aber llnr durch eine vollständige nationale und religiöse Regeneration unter den Juden am bestell und wirksamsten erreicht werden. Der von Herzl und Nordau zunl fraglichen Zwecke gegründete sogellarurte „jüdischkoloniale Trust" dürfte lvohl mit der Zeit manches Nützliche in der bezeichneten Richtullg zu Stande bringen, doch feien die ihm entgegenstehenden Schwierigkeiten zll groß, um einfach übersehen und igllorirt zu werden. So sei z. B. der Plan, aus den nach Palästina einzuwandernden Juden sofort Ackerbauer zu Ulachen, keineswegs leicht ausführbar. Teull, gerade wie es vergebliche Kraftallstrengullg wäre, wenn Jemand ein mit Flügeln behaftetes Geschöpf ins Joch eiiles Pfluges fvanueu wollte, ebenso ließe sich kaum erroartell, daß der Jude in der Gegenwart die llöthige Fähigkeit ulld Ausdaller besitzen sollte, um die Bodenkultur mit Erfolg zu betreiben, da doch beffeu Vorfahren während einer zweitauseildjährigen Periode ihre Existenz fast ausschließlich der Thätigkeit ihres Geistes, und nicht der ihres Körpers, zu verdanken hattell. Aber, fährt der Verfasser fort, selbst zugegeben, daß der Jude sich für den Ackerbau eigne, so dränge sich Einenl die Frage auf: „Warum müßte diese Thätigkeit gerade nach Palästina verlegt werden?" Da sind ja rnanche Länder, wie z. B. Amerika, Kanada uub Cypern, die nicht allein äußerst fruchtbar sind, sondern die zllgleich auch deln Inden nlehr Freiheit llnd Ruhe verschaffen würdeil, als er in Palästina möglicherweise fiilden könnte. Cypern hätte noch außerdem das romantische Interesse an sich, daß es nüullich scholl in alter Zeit von Juden bewohnt ulld iit neuerer Zeit von einem jüdischell Staatsnlinister unter die englische Flagge gebracht lvar. Zum Schluffe erwähnt lloch der Verfasser, daß, als er vor Kurzem in Anrerika war, der bekanilte Orientalist Dr. Paul Haupt ihm eine voll ihlll selbst veröffentlichte Broschüre zu lesen gegeben habe, worin der zlvischerl denl Euphrat und den: