Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1900)
- Date
- 1900-02-02
- Page
- Seite 52 (sequence 6)
- Language
- German
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52 brauchen weiter entfernt, als von ihren christlichen Mitbürgern, wie z. B. in Frankreich. Und welche Hoffnung besteht, sie zu vereinigen? In Wahrheit ist trotz politischer »md sozialer Bedrückungen die Lage der Inden in Frankreich nicht schlecht, imb in erster Reihe sind sie Franzosen. Was sollte sie veranlassen, nach einem nnwirthlichen Landstrich Asiens zu wandern? Die Religion? Sie hätten zu wenig Beranlassnng, einen Kreuzzng zu unternehmen. Dem Nationalgefühl nach sind sie Franzosen, und so ist es auch in andern Ländern. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein aus so verschiedenen Elementen zusammengesetztes Volk in einem Lande und noch dazu in Asien vereinigt werden: kann. Ich mähe mir keine grosze Keuntniß von Palästina an. doch habe ich die Absicht, einmal dorthin zu reisen und dort drei Monate zu verweilen, mit zwei Novellen zu schreiben, und zwar eine historische ans der Zeit Christi und eine andere ans der Jetztzeit, über das Leben der dort noch bestehenden verschiedeneil religiösen Sekten. Ich sprach mit M. Tissot, ivelcher Palästina beschrieben hat und es sehr genau kennt. Er sagte mir, daß es ein verlassenes und unwirthliches Land sei und daß es längerer Zeit bedürfen würde, um es ivieder zu beleben. Dessen ungeachtet vermag ich voll und ganz das Gefühl zu würdigen, welches Sie treibt, eine Zufluchtsstätte Ihrem Volke zu errichten. Ich finde es begreiflich, daß die in der Bedrückung lebenden Inden den Versuch machen, ihre Lage zu verbessern und, wenn die Ausführung des Planes möglich wäre, so hätte ich nichts dagegen einzuwenden. Aber ist es denn wahrscheinlich, daß eine Nation von 8 oder 10 Millionen Köpfen in ein fremdes Land auswandern sollte, nur von den edelsten Beweggründen getrieben? Und ivas sollte die französischen Inden veranlassen, ebenfalls auszuwanderu und das Loos ihrer Brüder in einem fremden Lande zn theilen? Wenn es wirklich glücken sollte, ivas erwarten Sie von einer so sonderbaren Mischung? Welche Gesetze wollen Sie ihnen geben? Welche Sprache soll sie einen? Ich kann niir nicht denken, daß sie eiil Königreich errichten werden. Welches Genie soll das bisher umoirthliche Land in kurzer Zeit in ein civilisirtes umwandeln? Würde nicht überdies die Existenz einer jüdischen Nation jeden: einzigen gleich mir wie eine alte Legende erscheinen? Ein eigenthümlicher Zufall: eine jüdische Nation, ein jüdisches Land und das Wiederaufleben der Sprache der Heiligen Schrift! Alle diese Dinge werden Jedem, der von ihnen hört, als ein Wunder erscheinen." Als Zola von seinem Besucher erfuhr, daß der Wunsch der Zionisten nicht dahin gehe, alle Juden auf einmal nach Palästina zn schaffen, und daß sie erst mit der Gründung von Kolonien begonnen hätten, gab er seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß die Kolonisirung Palästinas das beste Mittel sei, um das Problem zu bekämpfen. Nachdem er dann noch einige weitere Aufklärungen erhalten, schloß er: „Was Sie mir jetzt mittheilen, ändert die Sache, mtb ich verstehe sie besser. Doch haben Ihre Wünsche wenig Aussicht auf Verwirklichung. Wer vermag auch zu sagen, daß diese Umgestaltung die Iudenfre.ge ein für alle Mal ans der Welt schaffen wird? Eine jüdische Niederlassung zn schaffen, eine Zufluchtsstätte allen gegenwärtig bedrückten Juden zu errichten, ist ohne Zweifel ein erhabenes Werk. Sicherlich werden noch viele Jahre bis zur Erreichung Ihres Zieles verstreichen; aber Sie sind jung, zu arbeiten und abznwarten. Ich achte die Erinnerungen und die Gefühle, welche Sie mit Palästina verknüpfen, allein politische Hindernisse stehen Ihnen dort im Wege, und meiner Ansicht nach würden Sie leichter eine geeignetere Stätte in Afrika oder Amerika finden, wo Sie eher Ihr Ziel erreichen würden." * Das alberne Gefasel der „alldeutschen" Antisemiten, daß die Juden an dem Kriege Englands gegen die Buren die Hauptschuld tragen, wird von einem, wie man ans seiner Darstellung sofort erkennt, durchaus objektiven nichtjüdischen Korrespondenten des „Berliner Tageblatts" aus Johannesburg in folgender Weise zurückgewiesen: „In manchen deutschen Blättern findet man die Idee, als ob der Krieg von den „Engländern und Juden" veranlaßt sei. Wenigstens nennen die antisemitischen Blätter in Deutschland die Beiden immer I mit einem Athemzug. Nach dem Fiasko, das die Antisemiten in Hamburg erlebt haben, mußten sie wohl etwas finden, um die Aufmerksamkeit ihrer wenigen Anhänger abzulenken. Nur Leuten, die die hiesigen Verhältnisse nicht kennen, kan:: man so etwas anfbinden. Es darf nicht verheimlicht werden, daß besonders unter den jungen deutschen Kauflenten hier ein gutes Theil Antisemitismus steckt. Aber der wird hier in Johannesburg gewöhnlich versteckt, da er denselben jede Anssicht verderben" kann, weiter zu kommen, wenn sie sich darüber in der Weise auslassen würden, wie es gewisse junge Herrchen in Berlin thnn. Die Schuld an dem Kriege hier haben die Großkapitalisten ohne Unterschied der Nation, ohne Unterschied der Religion. Deutsche, englische und französische Kapitalisten, katholische, protestantische und jüdische Magnaten haben die Verantwortung für den Krieg zn tragen. Die Mehrzahl der jüdischen Leute sind ans Seiten der Buren; unter den Holländern sowohl wie unter den deutschen Freiwilligen befinden sich nicht allein „Alldeutsche", sondern auch eine Reihe Inden, die ihr Leben für die Republik eiusetzen. Es ist lächerlich, wenn einige Anhänger der „Krenzzeitung" in ihren Korrespondenzen das Gegentheil behaupten wollen." £ Ein Offizier der Deutschen Schutztruppe in Kiautschau — I. I. Liebermann — aber feilt Jude wie „Jewish World" annimmt,— hat die kleine jüdische Gemeinde in China besticht, welche nach ihren eigenen Angaben vor zweitausend Jahren in Kaifengr, der Hauptstadt der Provinz Honan, am Aellow gegründet wurde. Sie führen dort den Namen: Tian-Kon- Tchians. Auf der Pfoste eines chinesischen Hauses fand er auch eine hebräische Inschrift. Der geistliche Führer der Gemeinde erklärte dem deutschen Offizier, daß die chinesischen Juden über Persien, Khorassan und Samarkand nach China gekommen feien „drei Jahre nach der Zerstörung des Tempels in Salem". Sehrlebhaft wäre zu wünschen, daß die Alliance israelite universelle Genaueres über die Lage der Juden in China berichtete. Bericht über die Versammlung israelitischer Lehrer der Provinz Pommern. m 25. Dezember v. I. fand die Versammlung israelitischer Lehrer der Provinz Pommern im Deutschen Hanse zu Belgard statt. Beginn der Sitzung um 2;V4 Uhr. Anwesend waren die Herren Rabbiner Dr. Josephsohn-Lauenbnrg und Dr. Go lösch »nid t-Kolberg. sowie die Knltusbeamten Kuschner-Dramburg. Freudenthal-Falkenburg, Levi-Kolberg, Levi- Belgard, Bauer- Köslin, Eh in an n-Tempelburg. W e inkra utz-Lauenburg, Saul- Schivelbein, Bellak-Bütow, nebst einer Abordnung des Vorstandes der Shnagogen-Gemeinde zn Belgard. In Abwesenheit des bisherigen Schriftführers wird der Unterzeichnete mit der Abfassung des Protokolles betraut. Der Vorsitzende. Herr Dr. I o s e p h s o h u, begrüßt die Versammlung mit herzlichen Worten; ebenso wünscht Herr Shnagogen-Vorsteher Loewenstein im Namen der Belgarder Gemeindeverwaltung der heute tagenden Versammlung ben besten Erfolg. Herr Rabbiner Dr. Gold sch mid t-Kolberg erhält das Wort zum Referat über die Delegirtenversammlung zu Berlin. Redner berichtet zunächst über diejenigen Punkte der Tagesordnung des Verbandstages, an deren Verhandlung er mitgewirkt. Einer der ersten und zugleich wichtigsten Gegenstände sei die Begründung der Pensionskasse gewesen. Referent berichtet ausführlich über die Grundzüge des Statuts, den Gang der Verhandlung, und begründet besonders, warum er sich bei der Abstimmung seines Votums enthalte»: habe. Des Weiteren berichtet Redner über die Berathung der Statutenänderung. Ein von ihm in Verbindung mit Professor Dr. B a d t eingebrachter Antrag, die Rabbiner von dem Recht der Wahl in den Verbandsvorstand nicht auszuschließeri habe zu einer sehr lebhaften Auseinandersetzung gesührt und sei schließlich — nach der Ueberzeugung des Herrn Redners nicht im