Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1900)
- Date
- 1900-02-02
- Page
- Seite 51 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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51 seitig-christlich-konfessionelle Schlltllilternehmer giebt, die ohne Unterstützullg aus öffentlichen Mitteln fonfeffiouelXe Schnlanstalten zu gründen und mit pekuniärem Erfolge zu unterhalten verstehen." Der Bruderzwist im antisemitischen Lager, der Herrn Liebermann von Sonnenberg entthront mld Herrn Oswald Zimmermann zinn Parteihailpt gemacht hat, interessirt uns nur insofern, als nur zu wissen nöthig haben, welche Tonart fortall aus den Kreisen der deutsch-sozialen Reformpartei uns gegenüber angeschlagen lverden lvird. Der konservativ-antisemitische „Pirnaer Anzeiger" berichtet Näheres darüber: „Seit mehreren Zähren schon standen Herr Oswald Znnmermanlr itnb Lieberluanll v. Sounenberg als stille Rivalell unl ben beherrschenden Einfluß in der Partei ein all der gegeilüber, imb toemi es auch auf ben Parteitagen nou Erfurt, Halte uild Kassel stets gelang, die äußere Eilliglmg allfrecht zu erhalten, so zeigteil doch schon die Vorgänge auf dem letzten Parteitage in Hambllrg, daß Herr Liebermaun o. Souuenberg nicht nlehr auf eine unbedingte Gefolgschaft aller feiner Parteiangehörigen rechnen konnte. Alls diesem Grullde lvurde die Erneuerung des Gesammtvorstandes der Partei m Hanlburg nur theillveise vollzogen und die ErgälizlUlg bezw. endgiltige Eiltscheidllng einer Berliner Versanuntttlig überlassen. Diese fand null vor wenigen Tagen statt, und Herr Lieberrnanii v. Sonnenberg lvüllschte als fei ne Kandidaten die drei Reichstagsabgeordneten Raab, Müller uub Gaebel ill den Vorstand gelvählt, lvornit gleichzeitig eine schärfere Vertretling der sozialpolitischell Richtullg in der Partei verbnndell gelveseil wäre. Rach eitler längereil Debatte, in der es zieliilich heiß hergegangell sein soll, lllltertng Herr v. Lieberlllanll mit seitler Liste, und daraushill gab er die Erklärung ab, ben Parteivorsitz nicht länger sührell zu könnell." Dem „Pirnaer Anz.", der dem Abgeordneten Lotze nahe steht, ist auch erzählt worden, man habe Herrn Liebermann v. Sonnenberg feilte Thütigkeit für den Bulld der Landwirthe zilm Avrwurf gemacht. Das Blatt glaubt mm zwar, daß der Parteikarren, nachdem Herr Lotze die Leitung des Antisemitismus übernommen habe, noch eine Weile im alten Gleise verbleiben werde. allein mail dürfe sich doch nicht darüber täuschen, daß der gegenwärtige Parteizustalld auf die Dauer nicht aufrecht zu erhalten sei. Uns kanll es recht sein. £ Am ineisten bedauern die Agrarier den Abgang Liebermanns v. Sonnenberg, der die große Mission hatte, die antisemitische Partei mit Sack und Pack ins agrarische Lager hiuüberzuführen. Sie entschädigen sich dafür durch wüstes Schimpfen auf die Inden. Sowohl die „Korrespondenz des Bundes der Landwirthe" lvie die „Deutsche Tageszeitung" leisten darin Erkleckliches. Der letzteren ist allerdings dabei kürzlich ein kleines Malheur passirt. Unter der Spitzmarke „Palästina in Deutschland" brachte sie einen Bericht ans Memel, wonach ein Schuhmachermeister Götz ill einer öffentlichen Anzeige erklärte, daß er am „Sabbath" feiere, dagegen am „ersten Tage der Woche" lSonntag) arbeiten laste. Der Bericht ging von der Annahme aus, daß Götz Jude sei uub seine Religionsvorschriften gegen das Gesetz zur Geltung bringen wolle. Die brave „Tägliche Rundschau" hatte diesen Bericht in der gleichen Annahnie übertlonnnen. Durch eine Zuschrift vor: anderer Seite wird das letztere Blatt mm darauf aufmerksam gemacht, daß es sich augenscheinlich um einen Anhänger der sehr rührigen christlichen Sekte der Adventistell handelt, die besonderen Werth aus die Heiligung des „Sabbaths" (Sonnabelld) als des von dein Herrn selbst eingesetztell Ruhetages legen. Die Anhänger dieser Sekte nennen daher mit besonderer Betonung den Sonntag den erstell Tag der Woche, der als solcher ilicht als Feiertag gelten könne. Indem nun das Blatt seine früheren Allgaben berichtigt, schreibt es: „Es handelt sich also hierllach nicht um eine jüdische Anmaßung, sondern eine christliche Schwarmgeistern, die allerdings in ihrer Abweichung voll Lalldesgesetz und Sitte nicht tuiuber bedauerlich ist." Mall beachte sehr wohl die feine Distinktion: Was bei einem Judell als „jüdische Anlnaßullg" gilt, genall dasselbe ist bei einem Christen „christliche Schwarmgeistern"! £ Der Herzog von Orleans hat kürzlich wieder feine Getreuen um sich gehabt, lUld ihnell gegenüber den festen Willen ausgesprochell, den Kampf gegell die Republik und gegen „die internatiollale jüdische Macht" fortzllsetzen. Mall sieht, der Mallll versteht feitte Zeit. Die Familientraditionen gelten ihm für nichts. Und es ist nicht ausgeschlossen, daß er sein Treiben noch recht lange fortsetzen wird köililell, wenn ihn die getanften Juden in ihren Blättern llnd die getauften Jüdinnen mit ihrell Portenlollllaies lvacker dabei unterstützen. * Gegenüber der unleugbaren Thatsache, daß in Bulgarien der Antiselnitismus sich immer mehr ausbreitet, hat die Regierung nunmehr, wie es scheint, ernste Maßregeln ergriffen. Ist doch eine antisemitische Volksversammlung in Bllrgas all sie mit dem Ersuchen herangetreten, den folgenden Forderurlgen Gesetzeskraft zu verleihen: 1. Fremden Judell ist das Betreten bulgarischen Bodens verbotell. 2. Ein Jude darf lveder Güter kaufen noch Hällser ballen. 3. In ben bulgarischen Städten dürfen Inden keine Geschäfte betreiben. 4. Die bulgarische Bank dürfe einem Inden kein Geld borgen. Ueberdies sollen alle Judell, voln 10. Lebensjahre angefaiigen. eine besondere Kopfsteller eiltrichten. Darauf hat nun der Minister des Jrlllern, Radoslawow durch folgendes Zirkular all die Präfektell die beste Antloort gegeben: „Es ist llns zur Kenntniß gekoninleli. daß seit einiger Zeit in der Presse eine antisenlitische Kampagne begonnell hat. lvelche nach den hier eillgegangenen Nachrichten tu verschiedenen Städten des Fürstenthnnls ein güilstiges Terrain gefituben hat. Ill einigen Orten lvurden alich Broschürell uub Aufrufe verbreitet, welche scharfe Angriffe und Drohungeil gegell die Inden enthielten. Nachdem dies sestgestellt ist, itnb nachdem ich die Aufmerksamkeit aller admillistrativen Behörden auf die schädlichen Konsequenzen dieser Hetze gelenkt habe, befehle ich Ihnen ausdrücklich, ernste Maßregeln zll ergreifen, und keine Propaganda gegen die religiöse Toleranz zu dulden. Ich nlache Sie persölllich verantwortlich für die Folgen, lvelche daraus entstehen könnten, rvenll Sie es unterlassen sollten, rechtzeitig Maßregelt! gegell diese Agitation zll ergreifen." £ Die jüdische Berlagsgesellschaft „Achiassaf" in Warschail, die gegenwärtig ein Werk von Emile Zola mit einer Biographie des Dichters herausgeben will, hat btefen durch einen ihrer Mitarbeiter über den Zionismus interviewen lassen. Dieses Interview wird mm in einer hebräischen Zeitschrift veröffentlicht. Zola sagte u. A.: „Meine Meinung kann sicher keinen besonderen Werth haben, da ich die Bewegung nlld ihre Ziele nicht studirt habe. Ich kann nur als ein mit den Verhältnissen nicht Vertrauter darüber sprechen, aber ich glaube, daß sie ein lvenig utopisch ist. Sie scheint mir von der Art eines Kreuzzuges zu sein. Die Juden iu Westeuropa haben sich mit ihren Nachbarn lnehr oder weniger assimilirt, sie haben sich voll ihrell Gtanbensgellossen in ailderen Ländern ill Anschanllllgen und Ge?