Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1900)
- Date
- 1900-02-02
- Page
- Seite 50 (sequence 4)
- Language
- German
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50 Thatfache bewußt ist und die Erscheinungen der Zeit von eineni höheren Standpunkt aus beobachtet, kann leicht erkennen, wie die religiöse Idee im 19. Jahrhundert ebenso tiefe wie gefährliche Erschütterungen erlebt, aber auch Überstunden hat. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts konnte man es alle Tage in Büchern lesen und von Kathedern hören: Die Zeit der Religion sei vorüber, der Religion in jeder Gestalt und im weitesten Sinne des Wortes. Aber als in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts das soziale Gebäude der Gesellschaft unter uns erbebte, und die Einen mit großer Unruhe, die Anderen mit tiefer Trauer, Einige aber mit hämischer Freude die zersetzenden Erfolge der atheistischen und materialistischen Weltanschauung sahen, da erkannte man, welche Bedeutung die Religion doch nun einmal für das Leben der Menschen wie für das der Gesellschaft habe, und es begannen die Versuche, in den Seelen der Menschen den verlöschten Glauben an den lebendigen Gott wieder zu erwecken. Die Religion war freilich auch damals nieder todt noch sterbend, als die Verkünder des Materialismus dies behaupteten. Als Beweis dafür könnte schon genügen, daß sich so Viele Mühe gaben, sie zu tödteu Einen großen Theil der Schuld au diesem Verfall des religiösen Lebens trug freilich auch die Kirche, oder sagen wir lieber: die Theologie. Die Streitfrage, ob die metaphysischen Dinge in den Bereich der Religion oder der Philosophie gehören, ist heute so ziemlich gelöst, und man erkennt es in beider! Lagern an, daß, rvenn von der Gottesidee als solcher die Rede ist, und von dem Anfang aller Dinge, die gemeinsaruen Wurzeln beider, der Religion wie der Philosophie, sich berühren, Schwellendes zwanzigsten Jahrhunderts sind wir zu der Ueberzeugnng gelangt, daß dies ein Jrrthnm sei. Es wird eine der größten aber auch schwierigsten Aufgaben des neuen Jahrhunderts sein, die Konsequenzen dieser Weltanschauung zu ziehen, die Religion in Uebereinstimmung mit der Kultur und mit den Fortschritten des Menschengeistes zu bringen. Das Judenthuin wird sich an dieser Aufgabe inn so eher und um so lieber betheiligen können, als die Rückkehr zu Gott und das Bedürfniß der Religion ja im letzten Grunde zu den Anschauungen führen muß, die es seit drei Jahrtausenden unaufhörlich der Menschheit verkündet hat. So wird für das zwanzigste Jahrhundert das tiefe und bedeutungsvolle Wort des größten deutschen Dichters im vollsten Sinne Geltung erlangen nnd behaupten: „Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben, und das llnerforschliche ruhig zu verehren." Berlin, 31. Januar. fie Verhandlungen des Repräsentantenkolleginms über die höheren Töchterschulen im Westen haben weit über den Kreis, der sich sonst für diese Dinge interessirt Beachtung gefunden. Ueberall, wo man die einschlägigen Fragen objektiv betrachtet, hat der vornehme und lvürdige Ton der Debatte Anerkennung, der Inhalt derselben Zustimmung ge¬ und daß alle sonst berechtigten Unterscheidungen verschwinden müssen. Wir wissen es heute, daß es kein reines, von traditionellen Elementen vollkommen freies Denken giebt, ebenso wie es keine ohne Denkthätigkeit ganz passiv aufgenommene Ueberliefernng giebt. Man ist über diesen Punkt im Klaren, und man ist bemüht, die Mittelstraße zu finden, die allein zum Ziele führen kann. Das Leben ohne Gott hat sich als ein trostloses und auf die Dauer für die Gesellschaft unmögliches erwiesen. Wo Gott nicht ist, verliert das Leben Sinn und Kraft. Es ist einem Menschen vergleichbar, dem Haupt und Herz zugleich gelähmt wurden. Das Leben hat für Jeden seine Trübungen und Schmerzen, aber es ist nicht nur erträglich, es ist sogar gesegnet für Den. der im Wechsel aller Dinge, in der Gewalt des Bösen, der Ungerechtigkeit, der zahlreichen Leiden, sich mit den! Innersten seiner Seele zu dem Ewigen flüchtet, zu dem Gotte alles Trostes, und zu jeder Stunde geduldig im Leben und freudig im Sterben ihn seinen Gott nennen kann. So ist die Religion wieder eine Macht geworden in unserer Zeit; sie hat ihren Thron wieder erobert, vor allem durch die Erkenntniß, daß Pflicht und Gott, Moral und Religion unzertrennbar seien, und daß die Verneinung Gottes die Verleugnung jeder sittlichen Verpflichtung nothwendig nach sich ziehen müsse. Auch die Versuche, eine religionslose Ethik zu schaffen, haben zu keinen! irgendwie erwähnenswerthen Ziele geführt. Die Sittlichkeit eines Volkes hängt von seiner Gottes- *dee ab, denn das Gewissen ist unwandelbar in seinen Grundzügen nnd nur veränderlich im Grade seiner Erleuchtung. Schon im achtzehnten Jahrhundert glaubte man, daß sich in der fortschreitenden Menschheit die Moral von dem Glauben allmälig ablösen nnd zuletzt nitr ans sich selbst beruhen werde. Ander funden. Nur die Antisemiten haben, wie dies nicht anders zu erwarten war. darin „einen neuen jüdischen Vorstoß gegen christliche Schulen" „unglaubliche jüdische Anmaßung" „Haß gegen das Christenthrun" und wer weiß, was sonst noch g-e funden. Es lohnt sich aber wirklich nicht, auf diese Tiraden einzugehen. Als das hauptsächlich erwünschte Resultat der ganzen Debatte erscheint aber überall der Gedanke, daß jüdische Eltern ihre Kinder nicht mehr in solche Schulen schicken dürfen. Dazu beinerkt die „Volkszeitung": „Freilich befinden sich die jüdischen Eltern, die in Berlin ihre Mädchen in höhere Schulen schicken wollen, insofern in einer Nothlage, als der Staat und die Stadt bei Weitem nicht den Ansprüchen genügen. die der thatsächliche Bedarf au höheren Schulen an sie stellt. In einer ähnlichen Nothlage wären z. B., wenn es an anderen Schulen gebricht, evangelische Eltern, welche ihre Kinder nicht in konfessionell-katholische oder in jüdische Privatschnlen schicken können, weil diese dort nicht ausgenommen werden; oder katholische Eltern, deren Kinder in evangelische oder jüdische Privatschnlen nicht zugelassen werden. Das Heilmittel gegen solche Mißstände liegt aber nicht darin, daß man evangelische, katholische oder jüdische Privat Unternehmer, welche ihren Schulen eine bestimmte religiöse Richtung ansprägen, wider ihren Willen zwingt, andersgläubige Schüler oder Schülerinnen aufzunehmen; das Heilmittel liegt vielmehr darin, daß die für die Pflege eines ausreichendeil Schulwesens verantwortlichen Gewalten, der Staat und die Komnnlne, angehalten werden, so viele paritätische Schulen zu bauen, als nothig sind. Wird dieser Pflicht genügt, so fallen die konfessionellen Sonderbestrebuugen der privaten Schulen voll selbst lveg. Entziehen sich aber Staat lind Stadt andauernd der Aufgabe, ausreicherld für die Herallbildung der Ingelld zu sorgell, so bleibt denen, die sich einem Gelvissenszwailge llicht bellgell wollen, llichts übrig, als sich zusaulmenzuthun und ihrerseits private Schulen 511 unterhalten, in denen nach der Kollfessivll llicht gefragt lvird. Es wird Protestanten. Katholikeli nnd Jltden genllg in Berlin gebell, die eine paritätische höhere Mädchenschule grüllden utib zu unterhalten bereit fein werden, so gut wie es ein-