Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1900)
- Date
- 1900-02-02
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Nr. 5 Krrlin» 2. Februar 1900. ettung des Zudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Uabbiner Ludwig Philippson-Äonn. Verlags-Expedition: Lerlin, Äerusalemerstr. 48/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Alle. Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße48/49 zn richten. Verlag von Nudolf Mofse, Berlin. JL 3ul)ltlt. Leitartikelr Religiöse Wandlungen. — Die Woche. — Bericht über die Versammlung israelitischer Lehrer der Provinz Pommern. — Briefe au§ England. Von Red. Dr. Ehotzner. — Russisches. H. Von Dr. S. Carpin. — Was können wir zur Verbreitung guter Lektüre in der Gemeinde thnn? Von Herrmann Becker. — Die Macht des Gebetes. Fan L. Katz-Rybnik. — Feuilleton: Lose Blätter ans dem Tagebuche eine» nlssisch-jüdischen Studenten. III. Bon R. Brainin. — Lprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Danzig, Bromberg, Aus der Provinz Posen, Kolberg, Breslau, Hamburg, Bremen, Elberfeld, Stuttgart, Wien, Paris, London. — Bon Not) und Hern. — Miseellen. Religiöse Wandlungen. Berlin, *V>1. Januar. st es wirklich wahr oder ist es nllr eine Fiktion, das; die Welt religiöser geworden ist? Die Betrachtungen anläßlich der Wende des Jahrhunderts haben ans diesen Punkt eigentlich sehr wenig Gewicht gelegt, und doch ist er in einer Rückschau über das abgelanfene Jahrhundert von großer Bedeutrrng; denn lvir glauben in der That, daß in beu letzten ^ahrzehllten eine religiöse Wandlung in dem Menschen vor 'ich gegangen ist. Freilich möchten lvir nicht das, lvas pietistische Heuchelei, orthodoxer Fanatismus und reakiionäre Gesillnnng in dem letzten Viertel des zu Ende gegangenen Jahrhunderts geleistet haben, als eine solche religiöse Wandlung ansehen, aber wir glaubell gleichwohl, daß sich in beu Gemüthern vieler Gebildeten etlvas lvie eine Auflehnung ^gegen ben seichten Atheismus und gegell den grobell Materialismus, der in der zweiten Hülste unseres Jahrhunderts sich oie Herrschaft angemaßt, vollzogen hat. Die Weltanschauung des Atheismus hat in der Mitte der echziger Jahre, nach dem Erscheinen der bahnbrechenden Werke von Darwin, ihre größter: Trimnphe gefeiert. Ein extremer Materialismus uiachte sich breit, von Moleschott, Bogt, Büchner u. A. verbreitet, der nur die äußerlich wahrnehm- -arell materiellen Güter als erstrebenswert) betrachtete. Allch oie Vertreter der alles Andere verdrängenden Natnrwissen" nhaften erklärten, es müsse jedes Gegebene sich auf die allgem einen Physikalischen Erscheinungen und rrlolekularen Beilegungen zurückführen lassen. Der Gottesbegriff wurde für cinen Eillfall der Menschen erklärt und mit Entschiedenheit wurde behauptet, Gott sei nicht eine Thatsache des Weltalls, der Mensch sei endlich, und es gebe kein allderes Wesen über dem Menschen; ja, Viele wagten sogar die Behauptung, es gebe kein höheres Gesetz als die Laune irgelld einer Leidenjchaft oder einer Berechnung. So folgerte wenigstens der praktische Atheismus. Der Mensch kann alles, was er will, und es lvird sein Gesetz sein. Dieser Atheismus fanute nichts Höheres als die Sinnenwelt unb sein Lebensprinzip war die vollendete Selbstsllcht. Die Prediger des Materialisinns reisten damals dllrch alle Lande und schilderten beu lautlos aufhorchenden halbgebildeten Massen die Abstammung des Menschen vom Affen in sehr anschaulicher und derber Weise. Religion schien gleichbedeutend mit Mnckerthum und Reaktion. Die.Philosophie wagte kaum noch einen Einspruch gegen diese allgemein populäre Theorie, da sie ja zu Gunsten der Naturwissenschaften förmlichdepoffedirt lvar. Mitleidig sah man auf ihre Vertreter herab, und die Anschauung, daß esmit der Philosophie überhaupt zu Ende sei, beherrschte die Gemüthec unserer Jugend. Viele Schäden des bürgerlichen und sozialen Lebens waren ein Ausfluß dieser Weltanschauung, die ein Pfaffenthnm erzeugt hatte, das nicht lveniger fanatisch war als das kirchliche. Erst als gegellüber den großen geschichtlichen Thalsachen der Materialismus der. neuern Zeit seine voltstärldige Unzulänglichkeit erwiesen hatte, kam eine Umkehr. Alan kam: diese Umkehr zi: einer religiösen Weltanschauung voll den: bekannteil Ignor'nlmim^ Dnbois-Reymond's datiren, dem sich der englische Philosoph des Agnosticismus Herbert Spencer mit seinen: 0n1movvnt)l6 anschloß. Giebt es etlvas Unbekallntes, Unerkennbares, giebt es eine Grenze für all unser Wissen nub Forschen, sind die letzte!: Frager: alles Seirrs, Gefcheherrs nub Wollens in ein ewiges Dunkel gehüllt, darrn ist die Rückkehr zun: Glauben ja von selbst gegebeir. Es war dem neunzehllten Jahrhundert beschieden, auch diese Rückkehr 311 erleben. Galt die Beschäftigung mit ber Metaphysik um die Mitte des Jahrhunderts nur noch als unnützer Zeitvertreib, so sehe:: lvir irr dem letzter! Viertel desselben Jahrhunderts die bedeutendsten Geister sich mit dieser unb bm daraus resultirenden Fragen der Ethik in angelegentlicher Weise beschäftigerr. Das Forsche!: nach der:! Natur- oder nach dem Endzweck kam rvieder ans die Tagesordnung. Wir gelangten dabei zu der Erkenntlliß, daß lvir in unserer Metaphysik trotz aller Fortschritte der Wissenschaften nicht viel weiter gelallgt sirrd und rrtcht viel Sichereres wissen, als die alten griechischen Philosophen bereits vor Jahrtausenden gervllßt haben. Das metaphysische Bedürfnis;, wie es Karrt nannte, das der Menscher: Seele nun einmal inneroohnt, ist rvieder in feine Rechte getreten. Auf die Philosophie von der Verrreirrrrrrg des Leberrs ist eine Weltanschauurrg gefolgt, die das Daseirr freudig bejaht urrd die Lebensgestaltung vorn sozialen Standpunkt arrs mit dem religiösen Bedürfnis; der Merrschennatur in Eirrtlarrg zu bringe:! sich bemüht. Ein aufmerksamer Geist, der sich dieser