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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-01-26 · Heft 4 (26.1.1900) · p. Seite 48

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 4 (26.1.1900)
Date
1900-01-26
Page
Seite 48 (sequence 14)
Language
German
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48 dort wollte Keiner für das fadenscheinige und ausgefranste Ding auch mn' zwanzig Pfennige geben. Es blieb uns nichts Anderes übrig, als unsere Bekannten anfznsnchen, bei beiten sich vielleicht etwas entleihen ließe. Einige Stunden später trafen wir uns, wie wir verabredet hatten, im Lesesaal der Universitätsbibliothek. Beide hatten wir lange Gesichter und leere Hände. Vergebens waren nur die zahllosen Treppen hinauf und hinunter gerannt, wir hatten nichts ausgerichtet. Eine Zeit lang blieben wir im Lesesaal, doch waren unsere Augen nicht ans die vor uns aufgeschlagenen Bücher gerichtet, sondern nmftevten die Reihen der anderen Besucher, in der Hoffnung, ein bekanntes Gesicht zu entdecken. Doch lvie zuur Possen war Keiner git bemerken. „Woher etwas zu essen nehmen?" Immer schmerzlicher und quälender bohrte sich diese Frage in mein Gehirn. Mein Kopf war schwer, und die Füße waren nur wie gelähmt. Die Phantasie spiegelte mir all die Leckerbissen vor, die ich in den Schaufellstern der Bäckerläden gesehen, in den Ohreil tönte mir das'Klirren von Messern und Gabelll in bim Restaurationen, an denen ich vorbeigekomnlen lvar, und ich fühlte noch den appetitlichen Bratengeruch. der aus ihilerr hervordrang. In biefent Augenblick zürnte ich der ganzen Welt, in jedem satten Menschen sah ich einen persönlichen Feilld. Alle Leser, die gesättigt und beruhigt dasaßerr und sich in ihre Bücher vertieften, kamen mir wie schlechte, verworfene Menschen vor, die Bücher erschienen mir wie ein Haufen thörichten imb dummen Zeugs. Plötzlich fuhr mir ein neuer Gedanke bind) den Kopf, der mir wie die Eingebung eines guten Engels erschien. Ich zupfte meinen Freund am Aermel und flüsterte ihm zu: „Ich Hab' eine rettende Idee! „Was für eine Idee? Hältst Du mich zum Narren?" „Haben Dir Engel vom Himmel Goldstücke in den Schooß gestreut?" erwiderte mein Kollege in einem Flüsterton, aus dem ich das Zähneknirschen des Hungers heraushörte. „Ich meiu's ganz ernst. Ich habe ganz vergessen, daß ich noch einen Gegenstand besitze, der sich leicht zu Geld machen läßt." „Was ist das für ein Gegenstand? Wieder solch ein dummer Fetzen, lvie Deine ehrwürdige Decke?" Er that, als Hütte er ein Recht, mir zu zürnen, weil ich keine werthvollen Sachen besaß, die uns in der Noth hätten nützen können. „Ich habe ein Lehrbuch der Geschichte der Philosophie," rief ich mit beinahe fröhlicher Stimme. „Ein ganz neues Exemplar, ohne einen Fleck. Erst vor Kurzem habe ich sechs Mark dafür bezahlt." Mein Freund sprang auf, noch bevor ich das letzte Wort gesprochen hatte. Wir raunten lvie die Tollen nach meiner Wohnung. In rasender Eile stürmten wir die Treppe hinauf, ich packte das schöngebnndene Buch, und liefen freudig hinunter, drei Stufen mit einem Satz nehmend. Bald waren lvir vor einer Autiquariatsbnchhandlung. Ohne viel zu handeln, nahm ich die achtzig Pfennige, die mir der Buchhändler bot. Achtzig Pfennige, welch ein Schatz! Wir hatten ein paar sorgenfreie Stunden erhascht und waren glücklich. So gewöhnt man sich hier allmälig, nie an den Augenblick zu denken: „Jede Stunde hat ihre eigenen Sorgen" — diese Maxime ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Die achtzig Pfennige reichten gerade aus, um Kohlen, Brod, Spiritus, einen Hering, Thee und Zucker zu kaufen. In meiner Wohnung angelangt, machte ich mich an das Einheizen, und mein Freund bereitete das Abendessen. Wir waren vergnügt, wie es die Theilnehmer au den Prnnkmählern des König Salomo nicht bester sein konnten. Freilich war das Brod unausgebacken, der Hering alt, der Thee bestand ans übergekochten alten Blättern, und der Spiritus war mit Wasser vermengt. Aber wer wird sich au solche Kleinigkeiten kehren? Unser Magen ist gar nicht mehr wählerisch. In den Volksküchen hat er reichlich Gelegenheit gehabt, sich an allerlei unverdauliches Zeug zu gewöhnen. Eine heitere Stimmung überkam uns. Wir scherzten belustigt über die Erlebnisse des verflossenen Tages und erzählten uns, was wir von unseren reichen Stndiengenossen ansstanden, wenn nur einmal genöthigt waren, sie um ein kleines Darlehen zu ersuchen. Da antwortete der Eine, er Hütte nur russische Banknoten vorräthig, und nebenbei zählte er bescheiden all die Wohlthaten auf, die er seinen bedürftigen Landsleuten zu bezeugen nie müde wurde; ein Anderer erklärte, er hätte es sich zum Prinzip gemacht, Keinem etwas zu leihen und von Keinem etwas zu entleihen, doch gegen die zweite Hälfte dieses Grundsatzes verstoße er zmoeilen; ein Dritter versicherte, daß er von Herzen gern seinem Nächsten beistehen würde, doch müsse er heute unbedingt ins Theater zur Ibseupremibre. Wankenden Schrittes, erschöpft von den überstandenen Strapazen entfernte sich mein Freund, und ich langte wieder nach einem Buche. Aber nun bekam ich Kopsweh, und der nach langem Fasten überladene Magen verursachte mir Uebelkeiten. Mit dem Aufgebot aller Geisteskräfte bemühte ich mich, das Gelesene klar zu erfassen. Aber in meinem Kopfe gab es nur einen Knäuel von verwischten und zerhackten Gedanken. Mein ganzes bischen Nervenkraft hatte ich den Tag über auf ein Stück Brod mit Hering vergeudet. Noch einmal nahm ich miä) ganz zusammen, um mit aller Gewalt in Kants Gedankenban einzudriugen; aber schon nach einer Viertelstunde suhlte ich mich geistig und körperlich so ermattet, daß ich nicht im Stande lvar, meine Gedanken zwei Sekunden laug ans einen Punkt zu kouzentriren. Mein Denkvermögen arbeitete träge und schwerfällig, ohne Lust und Eifer. Ich legte die „Kritik der Urtheilskraft" bei Seite und nahm Wuudts „Logik" vor, aber auch da erging es mir nicht besser. Ich gab es uoä) immer nicht auf, durch eine große Willensanstrengung meine Mattigkeit überwinden zu können und etwas Ernstes zu lernen, damit '.nein heutiger Kampf ums Dasein, die demüthigende Jagd nach ein paar Pfennigen wenigstens nicht ganz vergeblich gelveseu sei. Ich nahm daher ein drittes Buch, von leichterem Inhalt, und fing an, aufmerksam darin zu lesen. Ich wollte unter keiner Bedingung zu Bette gehen, ohne etwas gelernt zu haben. Nachdem ich einige Zeilen gelesen hatte, übermanute mich ein Halbschlnmmer. Alles trübte und verwirrte sich in meinem Kopfe, meine nebelhaften Phantasiegebilde vermengten sich mit dem, was ich las, und bald war ich außer Stande, zwischen meinen chaotischen Gedanken und dem klaren Jdeengang des Verfassers die Grenzlinie zu ziehen. Nein! Wahre Wissenschaft erwirbt mau nicht durch ein derartiges sprunghaftes, nnstätes und zufälliges Studium. Die auf diese Weise angehäuften Wissenschaften und Bildungsbruchstücke werden nie zn einem vollgegliederteu Ganzen, zu einem einheitlichen Organismus zusammenwachsen, sondern eine Masse von zusammenhanglosen Gliedern, ein Haufe von zerstückelten und zerhackten Fragmenten bleiben. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die RedaktionrMar Bauchwitz in Berlin.

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