Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1900)
- Date
- 1900-01-26
- Page
- Seite 47 (sequence 13)
- Language
- German
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47 Doch wäre es voreilig, aus dieser Gestaltung des Charakters und der Rede des einzig vorkonnnenden Inden einen Schluß auf Grillparzers Empfindungen über oder gegen die Juden zu ziehen. Auch ist eine derartige Schlußfolgerung durchaus nicht Absicht dieser Skizze. Sie sollte nur zeigen, wie Grillparzer den durch eine Sage überkommenen Stoff vertiefte und trotz mancher Mängel, die nicht geleugnet werden sollten, zu einem wahrhaft dichterischen Werk gestaltete. Damit aber auch Denen, die namentlich an diesem Ort nicht blos nach der dichterischen Bedeutsamkeit des Stoffes fragen, sondern auch ein schönes Wort über die Judelt wünschen, gellüge geschehe, sei zum Schluffe Folgendes bemerkt: Der König liebt die Juden nicht. Tritt er, bevor er all eine Vertreterin aus ihrer Mitte gefesselt ist, für sie ein, so geschieht dies theils ans Ritterlichkeit, theils wenn man so will, aus historischer Gerechtigkeit. Diese seine Betrachtung legt er selbst in den folgellden Worten dar: „Zudem ist etwas Großes. Garceran. In diesem Stamm von nnstät flüchtigen Hirten. Wir Alldern sind von hellt', sie aber reichen Bis all der Schöpfllllg Wiege, wo die Gottheit Noch menschengleich in Paradiesen ging. Wo Cherubim 31t Gast bei Patriarchen, Und Richter war und Recht der ein'ge Gott .... So Christ als Muselmann führt feineu Stammbaum Hinauf zu diesem Volk als ältstem, erstem, So daß sie uns bezweifeln, wir nicht sie!" Lose Blätter NUS dem Tagebuche eines russisch-jüdischen Studenten. Voll N. B r a i ll i n. EUILLETON #9. Januar 189.. eilte erhob ich mich am frühen Morgen, mit dem festeir Borsatz, fleißig zu lernen. Es lvar sehr kalt in meülem Zimmer, seit zwei Tagen war nicht geheizt worden. Ich hatte näuüich feine Kohlen. Ich schlug die Geschichte der Philosophie auf und suchte niich darin j zu vertiefen. Alle Mühe lvar vergebens. Die Metaphysik der! antiken Systenle nwllte mir nicht in den Kopf. Die Kälte schüttelte alle meine Glieder. Mein ganzer Denkapparat war! wie eingefroren und wollte nicht von der Stelle. Ich wollte i Wasser heiß machen, um mir ein Glas Thee 31t bereiten; davoll i erhoffte ich eine günstige Wirkung auf meine philosophische , Fassnngskraft. Als ich schon am Werk war, bemerkte ich, daß Zucker fehlte. Ich saß da in trübe Gedanken versunken, als es an meine Thüre pochte. „Herein!" „Guten Morgen! Du, hast Du nicht ein paar Pfenniges" fragte einer unserer Kollegen, der lvie ein der Gefahr Ent-! rinnender in das Zimmer stürzte. „Gott behüte! Hast Du Thee getrunken?" „Nein." „Weshalb?" „Weil ich nämlich kein Stäubchen Thee habe, Thenerster! Aber, warum ist es denn bei Dir so kalt? Brr! Hast Du heute nicht geheizt?" Er rieb sich wüthend die Hände und tänzelte umher, um sich zu erwärmen. „Ich habe keine Kohlen," antwortete ich. „Ich habe zwar Kohlen, aber kein Petroleum. Gesterll Abend mußte ich einen Brief nach Hanse schreiben. Weißt Du, was ich that? Ich streckte mich vor der Kaminöffnung meiner ganzen Länge nach hin und schrieb so ans dem Bauche liegend, beim Ofenlicht." Wir sauneil hin und her, wie die Mittel sür ben heutigen Tag zu beschaffen. Endlich beschlossen wir, etlvas von meinen Sachen ins Versatzamt zu tragen. Aber was? Ich durchs stöberte meinen ganzen Koffer, suchte in allen Winkeln herum, und fand nichts, was allch nur einen Groschen werth gewesen wäre. Da erinnerte ich mich an meine seidene Decke. Es lvar dies die fein gestickte und schön geblümte seidene Decke, ivelche meine Mutter voll ihren Eltern als Hochzeitsgeschenk mitbekommen hatte. Diesen „kostbaren Gegenstand", wie sie ihn liannte, legte sie mir tu die Reisetasche, als ich die Heimath verließ, indem sie iniv unzählige Male einschärfte, diesem theuere Andenken ja wie meinen Augapfel zu behüten, damit ihm, Gott behüte, ilichts Schlimmes ztlstoße. So lauge ich mich nur so über Wasser halten konnte, war mir niemals der sündhafte Gedanke gekommen, dieses Familiein kteinod ins Versatzamt zu tragen. Doch nun hatten mir seit der letzten Woche Hunger und Kälte so arg zugesetzt, daß selbst dieses väterliche Erbe allen Werth in lneinen Augen verlor. Ich lväre im Stande geioesen, alle Familienkleinodien mit sanunt dem ganzell väterlichen Erbe für ein Stück trockenen Brodes und ein Glas Thee hinzngeben. Wir verpackten die Decke sorgfältig und eilten aitf bixc- Versatzamt. Der Saal lvar gedrängt voll von Männern, Weibern und Kindern, von denetl ein Jeder sein Bündel in der Hand oder unter dein Arm trug. Auf den abgehärmten Gesichtern malte sich Müdigkeit und Ungeduld. Aller Augen waren auf den Tarator gerichtet, der auf seinem Posten stand und die lange Reihe der Harrenden au sich herankommeu ließ. Meine Kollegen waren häufige Kunden dieses Hauses, dessen Ehef unter ihnen schlechtweg „Onkel" genannt wurde. Auch hellte traf ich dort einen ganzen Kreis von Bekamtten, die sich die Zeit vertrieben, indem sie allerlei humoristische Altekdoten und heimathliche Scherze zum Besten gaben. Ich war verwirrt und hatte richtiges Herzklopfen. Seit mehr als vierundzivanzig Stunden hatte ich keinen Bissen gegessen, und nun sollte mein Loos für den heutigen Tag entschieden iverden. Als ich au die Reihe kam, breitete der Taxator meine Decke aus, wandte sie auf allen Seiten um und ging endlich mit ihr ans Fenster, um sie bei Lichte zu besehen; darin betastete er sie aufmerksam, zerknüllte das Oberzeug in der Hand, glättete es lvieder nlld faltete sie zusammen. Schon sein Nasenrümpfen und das Verziehen der Lippen prophezeihte mir nichts Glltes. Schließlich warf er mir mein väterliches Erbe beinahe vor die Füße. „Dieser Fetzen ist keinen Groschen werth." Der stolze Thurm unserer Hoffnungen lag in Trümmern, und ans biefen grinste uns das graue Gesicht des Hungers entgegen. Wir wunderten von Pfandleihe zu Pfandleihe und wurden überall abgewiesen. Eine Art von verzweifelter Wnth erfaßte mich, nlld ich beschloß, die unglückliche Seidendecke loszuschlagen, um welchen Preis immer. Wir begaben uns in die Trödlergasse, wo dicht bei einander die Trödterbuden standen. Auch