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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-01-26 · Heft 4 (26.1.1900) · p. Seite 46

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 4 (26.1.1900)
Date
1900-01-26
Page
Seite 46 (sequence 12)
Language
German
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46 Darum aber, weil dein so ist, weil, so lauge sie lebte, ein mächtiger Zauber von ihr ausging, dieser Zauber aber nach des Dichters Worten nact) innen Wurzel geschlagen hat, muß der augenblickliche Schauder, den der äußerlich empfängliche, auch wohl sinnlich reizbare König voll der entstellten Leiche empfangen, und der bei den nexteften Erklärern des Dramas als die Wandlung im Wesen des Königs gedeutet wird, eilt nur scheinbarer oder jedenfalls vorübergehender sein. Die Erklärer, die tu diesem Schauder das eigentliche Ende des Stuckes, die vvllzogette Umkehr des Königs sehen, klantmern sich an die folgettden Verse des Helden: „Statt üpp'ger Bilder der Vergangenheit Trat Weib und Kind und Volk nur vor die Augen. Zugleich schien sich ihr Antlitz zu verzerren. Die Arme sich zu regen, mich zu fassen. Da warf ich ihr ihr Bild nach in die Gruft Und bin nun hier mib schand're wie Du siehst!" Indessen ist ein besonderes Betörten dieser Worte unstatthaft, die Meinung, daß in ihnen der eigentliche Angelpunkt des Stücks ruht, falsch; dentt der Dichter kouttte unmöglich glaubett, daß dieser tvidrige augettblickliche Eindruck nun eine bleibende Auffassung des Königs sei. Freilich, er zieht itt den Krieg, sucht dort den Tod und katnt ihtt finden. Kehrt er aber zurück, so ist die Liebe zu der Jüdin keilte Episode gewesen. Vielmehr, wer einmal so geliebt hat, bleibt innerlich getrennt von seinem Königsberufe. von seiner Gattin, und der Zauber, txutt eben der Zauber echter und großer Liebe, frei voll allem Rontantischett oder durchaus Zauberhaftem, muß ihn tveiter beherrschen. Daß dies aber der Gedanke des Dichters wirklich war, geht aus der Apostrophe Esthers an den König hervor: „Ich aber sage Dir. Du stolzer König, I Geh hin. geh hin in prunkendem Vergessen — Du hältst Dich frei von meiner Schwester Macht. Weil abgestumpft der Stachel ihres Eindrucks, Und Du von Dir wirfst, was Dich einst gelockt. Am Tag der Schlacht, wenn Deine schwanken Reihen Erschüttert von der Feinde Uebermacht. Und nur ein Herz, das rein und stark und schuldlos Gewachsen der Gefahr ltnd ihrem Drohst:; Wenn Du emporschanst dann zum tauben Himmel. Dann wird das Bild des Lpsers, Das Dir fiel. Nicht in der üpv'gen Schönheit. die Dich lockte. Entstellt, verzerrt, wie sie Dir je mtfcficl, Bor Deine zagend bange Seele treten; Dann schlägst Du wohl anch reuig an die Brnst. Dann denkst Du an die Jüdin von Tvledo." Diese Berse fiitb das eigentliche Ende des Stückes, ttnb der folgende kurze Dialog zwischen Esther und ihrent Vater ist, so bedeutungsvoll er für die Charakteristik dieser beidelt Personett genannt werdett muß, doch nttr ein störender Zusatz, tveil er i die Hanptwirkuttg des Stückes vernichtet.! Nimmt ntan diese Erklärung an, so kamt nmn sagest, daß der Titel des Stückes doch gerechtfertigt ist; bemt wenn auch der König die eigentliche Hauptperson ist nicht blos aus deut rein äußerlichen Grund weil er kauttt von der Rührte verschwindet und das Meiste zu sprechen hat, sondern aus deut innerlichen, weil seine Liebe, fein Glück und seine angebliche innere Umkehr beit Inhalt des Stückes atlsnntcht —, so bleibt doch die Jüdin die eigentlich bestimmende Person im Leben ttnd nach ihrent Tode. Sie ist zwar wie gezeigt, kokett, verzogen, launisch, unverständig, aber die Liebe zu dem König, der Zauber also, den sie geübt, war doch echt. j „Und Hab' ihn, Schwester, wahrhaft doch geliebt."! Das sind die Worte, mit denett Rahel verschwindet, und diese Worte werfen auf sie einen verklärenden Schimmer. Jette wunderbare Apostrophe an den König, die oben ntitgetheilt war, wird von Rahels Schwester Esther gesprochen. Man spürt an der Zeichnung dieser Frau, daß der Dichter nicht etwa, wie es Dichter so gern thun, hier blos eine Kontrastwirktlng Hervorbringen wollte, sondern daß er mit Vorliebe bei ihrer Schilderung verweilt hat. Sie ist besonnett, thatkräftig, milde und inuthig, sie weiß Jeden zu behandeln nach feiner Art, ist die Stütze der Schwester, der Rath des Vaters, auch Großen gegenüber furchtlos, unbekümmert um ihr eigenes Wohl, lvettn es ihr nur gelittgt, Anderen zu nützen. v) Während in diesen beiden Frauencharakteren von Grillparzer gewiß ttichts Typisch-Jüdisches beabsichtigt war, sondern der Gegensatz des äußerlich Blendenden, Schillernden, Dämonischutächtigen, und der innerlich tiefen, finnigen ttnd zugleich thätigen Natur dargesteüt werden sollte, wollte er in Isaak, ben Vater, gerade den jüdischett Typus von seiner schlechtesten Seite vorführeu. Freilich ist in diesem Charakter, uüe in der ganzen Handlung zwischen dem 2. und 3. Akt, ein großer Sprung. In den beiden ersten Akten war Isaak der furchtsame Jude, der sich vor den Christen und besonders vor dem Könige fürchtete. Am Anfang des dritten ist er der strenge Cerberus, der das Liebespaar hütet, die Bittsteller, obwohl er sie in gemeinster Weise zu Bestechungett reizt, schnöde absertigt, der vertraute Rathgeber des Königs, der Münzverschlechterungen anräth, der Durchtriebene, der den eittzigen einflußreichen Höfling, der unt die Verborgenheit des Fürsten weiß und an dessen Aufenthaltsort kommt, ztt gemeinsamem Handeln aufzustacheln sucht, um feilten Einfluß zu erhöhen und nutt noch mehr Uebles zu thun. Kaum aber ist seine kurze Glanzrolle ausgespielt, so zeigt er sich nur als der Geizhals, der auf das Bergen seiner Schätze bedacht ist, ja, er treibt seine Gier so weit, daß er das drohende Mißgeschick der einen Tochter fast gleichgiltig attsieht, und daß er vott ihrettt Tode nichts wissen unfi, obwohl er von der Wahrheit der Nachricht überzeugt sein ntuß. Er vernachlässigt selbst die heiligsten Pflichtet!, das Wachen bei der Leiche und ihr Begräbniß. Er will nur sein Geld suchen, das ihm über alles geht. Es mag deut jüdischen Leser bedauerlich sein, daß, während bei den vorkomtnenden jüdischen Frauen äußere und innere Vorzüge in großer Zahl beigebracht tverden, der einzige jüdische Mann, der in dem Stücke erscheittt, alle schlechte Eigenschaften besitzt, welche die Ankläger verschiedener Zeiten den Inden znznschreiben sich bemüßigt fanden. Uebrigens muß man auch beinerken, daß tvährend in den Reden der Rahel mrd Esther dieselbe schöne Grillparzerische ütebelueife wie bei den übrigen Personen des Stückes erklingt, der Dichter den Isaak zwar nicht mauscheln läßt — denn so tief konnte sich Grillparzer nicht erniedrigen — aber ihm in Redewendungen ttnd einzelnen Ausrufen, ja in der ganzen Gestaltung seittes Auftretens etwas Fremdartiges giebt. Eitt solcher Versuch ist freilich recht unhistorisch, da ja gerade in Spanien die Juden sich der Lattdessitte uttd der Landessprache so streng tvie möglich anzuschließett bestrebt waren. Nachträglich werde ich cms einen Artikel von F. Sch. in der „N. Fr. Pr." vom -r>. Nov. 1895 aufmerksam. Der Verfasser vermnthet. daß Rahel ihr Urbild in einer Dame der Wiener Gesellschaft gehabt habe und zählt einige schöne, reiche und geistvolle jüdische Frauen auf, die Grillparzer geschätzt habe.

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