Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1900)
- Date
- 1900-01-26
- Page
- Seite 40 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228370--56120-3292397- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
40 Ansiedelung. Die Summe soll in 50 Jahren ohne Zinsen zurückgezahlt werden. — Während der Regierung Alexander III. hatte der Senat eine Verfügung erlassen, welche die Anstellung von Inden als Steuer-Inspektoren untersagte. Diese Verfügung ist jetzt mit der Begründung aufgehoben worden, daß gerade Juden dieses schwierige Amt ihren Glaubensgellossen gegenüber besser verwalten würdell als Nichtjuden. * Der Bericht des Einwanderungsamtes der Vereinigten Staaten bietet auch für jüdische Dinge viel Interessantes. Wir entnehmen demselben folgende Ziffern: Es wandelten im Ganzen Inden ein: 37 415, davoll 21153 männlich und 16262 weiblich, ferner lvaren davoll 8987 unter 14 Jahren 26019 zwischen 14 und 45 Jahren und 2409 über 45 Jahre. 127 jüdische Einwanderer konnten mir lesen, aber nicht schreiben, 5637 weder lesen noch schreibell. Es fehlen jedoch, um diese Zisferll richtig lvürdigen zu können, die Angaben, ob dabei die Kinder mitgezählt sind und ob Diejenigen, welche nur Hebräisch lesen, respektive schreiben köllnen, zu den Analphabeten gerechnet sind. Die Einwanderer kamen ails folgenden Ländern: Rußland 24 275, Oesterreich-llngarn 11071, Rumänien 1343, Deutschland 405, England 174, Türkei 81, aus allen arlderen Ländern ilnr 66. Sehr interessant ist die ZnsalUlnenstellnng der Berufe dieser Inden wie folgt: Freie Berufe: Schauspieler 2, Ingenieure 11. Advokat 1. Arzt 3 Geistliche 5, Künstler 5, Lehrer 91, nicht spezifizirt 71. znsammell 197. Handwerker: Schneider 3664, Zinunerlente nlld Schreiber 1421, Schuhnlacher 1111, Näherinnen und Pntzmacheriulieli 947, Bäcker 578' Fleischer 458. Maler 458, Grobschmiede 393, Schreiber 388, Tabakarbeiter 208, Zinngießer 183, Schlosser 170, Gerber 163, Barbiere 141, Uhrmacher 121, Weber und Spinner 93, Müller 65, .Mechaniker 58» Maschinisten 50, Maurer 40, Drucker 39, Sattler 58, Seeleilte 20, Bergleute, 11, Brauer 11, Wagner 10, Pflasterer 8, Gärtiler 6, Steinschneider 6, Graveure 3, Eisenarbeiter 3, nicht spezifizirt 1282, zus. 12276. Sonstige Berufe: Agelltell 4, Kellner 17, Bauern 40, Landarbeiter 273, Dieilstboteu 817, Kanfleuteund Händler 1307, Arbeiter 2474, llicht spezifizirt 321, zusammen 5253. Ohne Beruf (Frauen und Kiilder): 19 689. Diese Statistik ist nach jeder Richtung hin überaus werthvoll und kann Forschern ails statistischem Gebiet nur zur Beachtung empfohlen werden. Sie zeigt deutlich, wie gering bei den jüdischell Massen in Wirklichkeit die Zahl der Kauflente und Hausirer ist und wie sehr die Zahl der gelernten und auch der ungelernten Handarbeiter überwiegt. Aus der Berliner Gemeinde. 8. Berlin, 21. Januar. n der heutigen Nepräsentantenversammlung, die schon äußerlich ein verändertes Bild bot. da sännntliche Mitglieder in Frack und weißer Binde erschienen waren, berichtete der Vorsitzende Louis Sachs zum geschäftlichen Theil, daß der Protest von Professor B a g i n s k y gegen die Wahl des Rabbinatskandidaten Dr. Warschauer zurückgezogen sei. Für einen Antrag des Ge»neindevorstandes erbittet er alsdann die Dringlichkeit, der von den Repräsentanten zugestimmt wird. Ein fernerer Antrag des Gemeindevorstandes betreffs Anstrengung einer Klage lvird in die geheime Sitzung verlegt. Herr Gustav Lev in st ein hat die Versainmlung ersucht, gemäß seinen! Anträge die Einführung eines mit Predigt verbundenen Sonntagsgottesdienstes zu veranlassen. Der Vorsitzende will die Angelegenheit auf die Tagesordnung der nächsten oder einer der nächsten Sitzungen setzen. Alsdann wurde die feierliche Einführung der wieder- und neugewählten Mitglieder und Stellvertreter des Gemeindevorstandes vollzogen. In seiner Ansprache wies der Vorsitzende darauf hin, daß ihm die freudige Pflicht erwachse, vier frühere Mitglieder wieder begrüßen zu können und nur ein Mitglied, Herrn Netter, neu einsühren zu müssen. Dem ausgeschiedenen Mitglieds, Herrn Geheimrath Bo as, glaube er den Dank für alles Das ausdrücken zu müssen, was er für die Gemeinde als Repräsentant, Stellvertreter-Vorsteher und zuletzt als Vorsteher geleistet hätte. Durch seine Sachkeuntniß, durch seinen Fleiß und seinen Eifer hätte er der Gemeinde viele Dienste geloidmet und durch sein freundliches, liebevolles Entgegenkommen und verbindliches Wesen sich Aller Herzen erobert. Die Gewählten seien ja mit den Pflichten ihres verantwortungsvollen Amtes vertraut. Sei doch ein Mann unter ihnen, der bereits seit drei Dezennien der Verwaltung angehöre und seit 17 Jahren den Vorsitz im Vorstande führe. Justizrath Meyer hätte das Schiff der Gerneiudeangelegenheiten und der Gemeindewohlfahrt sicher in den Hasen des Friedens geführt. Er habe das Steuer nicht verlassen und es trotz manchen Sturmes von rechts und links geradeaus den Weg zum Frieden gelenkt. Die Gemeiilde sei ihm großen Dank schuldig, daß er den Wunsch, den Willen und die Kraft habe, den schweren Berns und das verantwortliche Anlt noch weiterhin zu behalten. Den Blick aus das Ganze gerichtet, sei stets das Wohl der Gesannntheit der Gemeindemitglieder der Leitstern seiner Handlungen gewesen, in dein richtigen Bewußtsein, daß der Blick aufs Ganze, ohne Rücksicht ans Partei und religiöse Empfindungen, das Ziel jedes Mitgliedes der Verwaltung sein müsse. Auch die übrigen Herren, die nur kürzere Zeit deni Vorstande angehören, hätten gezeigt, daß sie die rechten Männer am rechten Platze seien. Die Reprüsentantenversammlung wisse, daß die Gemeindeangelegenheiten in diesen Händen sicher geborgen seien. Herr Netter trete zwar neu in den Vorstand ein, sei aber kein Neulings in der Gemeindeverwaltung. Er hätte sich nach allen Richtungen bewährt, in der Armenwie in der Beerdignngskommission und vielen anderen Aemtern. Durch seine jugendliche Kraft, durch seine geschäftliche Tüchtigkeit werde er der Gemeinde werthvolle Dienste leisten, und die Versammlung sei überzeugt, daß sie in ihm eine vorzügliche Wahl getroffen hätte. Von einer Vereidigung der früheren Mitglieder nahm der Vorsitzende Abstand; nur Herr Netter wurde für 'das neue Amt durch Handschlag verpflichtet. Im Namen sämmtlicher Gewählten sprach Justizrath Meyer daraus dem Vorsitzendeu inuigsten Dank aus für die herzlichen und anerkennenden Worte. Es sei ja begreiflich, daß in einem Zeitraum von 30 Jahren mancherlei Veränderungen in der Versanunlnng Vorkommen. Die Majoritäten hätten naturgemäß gewechselt, aber bei allem Wechsel der Zeiten sei das Verhältniß des Vorstandes zur Repräsentanteuversammlnng stets ein gutes gewesen. Der Vorstand sei sich stets bewußt gewesen, welche Bedeutung der Nepräsentantenversammlung znkänie. Wenn auch nicht immer die Wünsche des Vorstandes Hütten erfüllt werden können, so hätte der Vorstand doch inuner erkannt, mit welcher Liebe und Hingabe die Versanunlnng ihren Pflichten treu nachgekommen sei. Im Namen aller Mitglieder dürfe er erklären, daß der Vorstand auch fernerhin bestrebt sein werde, alle Zeit das gute Verhältniß zwischen den beiden Körperschaften aufrecht zu erhalten. Es könne ja wohl eine augenblickliche Verstimmung Vorkommen, aber im Großen und Ganzen sei der Vorstand bemüht gewesen, die Beschlüsse der Repräsentanten zur Ausführung zu bringen. Er füge noch den einen Wunsch hinzu, daß die vorkommenden Zwistigkeiten auch in der Versammlung selbst ausgefochten und nicht nach außen getragen würden und daß auch nicht der Vorstand zum Schiedsrichter aufgerufen würde. Es sei bekannt, worauf er eigentlich abziele. (Protest gegen die Wahl des Herrn Dr. Warschauer. Anm. d. Red.) Es sei zu wünschen, daß zwischen der Majorität und Minorität ein freies Verhältniß obwalte, daß die Minorität die Beschlüsse der Majorität achte. Erhoffe, daß die nächsten sechs Jahre in Frieden und Harmonie zwischen den beiden Körperschaften verlaufen mögen. — Der zweite und sehr wichtige Punkt der Tagesordnung betrifft den Bescheid des Provinzialschulk oll eg in ms in der bekannte n Besch w erd es ach e. Es handelt sich um den, im Aufträge der Schulvorsteherin Frl. Dörstling, Schöneberger Ufer 36, verfaßten Brief (s. Nr. 38 v. v. I.), in welchem mitgetheilt wird, daß die Leiterin, um einen Zwiespalt zwischen den Kindern und unliebsame Erörterungen zu vermeiden, seit einiger Zeit nur jüdische Kinder aufnehme, welche von der 9. bis zur 1. Klasse auch am christlichen Religionsunterrichte theilnehmen sollen. Die Nepräsentantenversammlung hatte zur Zeit den Gemeindevorstand Ersucht, auf Grund dieses Brieses eine Einwirkung bei Behörden zu veranlassen. Der Gemeindevorstand hat unter dem 20. Oktober v.J.