Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1900)
- Date
- 1900-01-26
- Page
- Seite 39 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228370--56119-3292396- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
39 Nie Woche Berlin, 24. Januar. faß unsere alten Freunde Stöcker und Liebermanu v. Sonnenberg, welch letzterer übrigens der: Varsitz in der Antisemitischen Partei niederzulegen genöthigt war, keine Gelegenheit im Reichstage vorübergehen lasseil, ahne ben Juden etivas arn Zeuge zu flicken, ist mülmiglich bekannt. Sa wußteLiebermann v. Sounenberg sogar airch in die Debatte über die Kolonialpolitik die Jllden einzllschuiuggelii, iubein er gegen Ludwig Löwe die alten Ahlwardtffcheri Fabeln auftischte und schließlich sogar aus dem Parlament der englischeil Kolailie Viktoria berichtete, daß dort Jemand gesagt habe, „für Juden Lumpen und Beutejager werden in dein Kriege Englands mit den Buren die Saldaten todtgeschasseu". Herr Liebermaun v. Sonnenberg hat aber llicht erzählt, was für eine Ailtwort jener witzige Abgeordnete im Parlmnent van Viktoria erhalteil hat. Er hat allch rlicht berichtet, daß iu jeller Kolonie zwei Juden Minister mld einer Generalstaatsamvalt ist — und daß die Kolailie trotzdem sehr gilt gedeiht. Herrn Stöcker seit Jahren ilnmer ivieder dieselbe alte Melodie herililterleiern zli hären, ist wirklich fast schall Mitleid erregelld. „Das Judenthum macht sich breit iu den besitzenden Klassen ilild vermehrt stetig getiten Einfluß; das Judenthum stellt auch die sozialdemokratischen Agitatareil, welche die Bevölkerung gegerr Staat ulld Kirche anshetzell; dieser Zustalld ist nicht mehr zu ertragen." Man kennt die Weise seit zwanzig Jahren und hat sie unzählige Male widerlegt. Aber der Mann wiederholt sie immer ivieder, ja sogar ohile jede Variation. Das ermüdet sichtlich schon seine eigenen Anhänger, wie der Erfolg dieser Reden beweist. £ Ein Auszug aus den oom Königlichen Statistischen Büreail bearbeiteten Mittheilungen aus der Berwaltililg der direkten Steueril im preußischeil Staate macht werthvolle Allgaben über das Vermögen der reichsten L eilte in Prenßen. Nach dieseil Tabellen kanll mall das Gerede der Autiserniteil über den Reichthurn der Juden lmd das jüdische Großkapital auf seinen wahreil Werth zurückzufuhren. Unter den 11 reichsten Personen mit über 30 Millionen Mark Vermögen, van denen 4 in Schlesien, 1 in Westfalen, je 2 iu Berlin, je 2 in Hessen-Nassall nud im Rheinland leben, befindet sich Nllr e iu Jude, der Freiherr v. Rothschild iu Frankfurt a. M. Unter deir 136 Millionären im Regierungsbezirk Potsdam befindet sich wohl kalnll ein Jllde. Unter den in den Regierungsbezirken Magdeburg, Düsseldorf und Kölll besonders stark vertretenen Millionäreil sind sicher nur sehr lvellige Inden. Und ebenso ist unter den 49 Glücklichen, deren Eiukolnmell sich auf mehr als 1 Million Mark beziffert, nicht der zehnte Theil Juden. Man sieht also, daß das Gerede van den großen Reichthümern der Inden nur eine Fabel ist. £ Wiederholt haben wir schon Veranlassung gehabt, über das Verhalten abtrüllniger unb charakterloser Juden in der ernsten Krise, die jetzt über die französische Jndenheit hereingebrochen, berichten zu müssen. Auch heute haben wir wieder zlvei traurig-charakteristische Beispiele auzuführen. Das eine betrifft ben Chefredakteur des „Soir", Herrn Gustav Pollonais, einen der Hauptführer des Kampfes gegen! Drehflls, dessen Mäeeil der eben lvegeu Börseildiffereuzeu I ausgerückte nationalistische Graf Castellaue war. Die Rolle,! die Herr Pollonais, alias Neurock, spielte, war eine sehr; erbärmliche. Denn er gab den Jesuiten den hauptsächlichsten j Vorwand zu der Behauptung, daß auch die Glaubensgenossen! Dreyfus' diesen im Stiche ließen, sofern sie nicht von dem i Auslände Gelder bezogen. Polonnaitz ist genau so Jude ivie Arthur Meyer nud dessen Konsorten, und das Bild, das man sich von ihn: nach dem Gesagten machen kann, ist genau entsprechend seiner Persönlichkeit, die ihn befähigte, in der Umgebung Castellanes gute Figur zu machen. Kann man sich etwas Groteskeres vorstellen, als Pallonnais, der van Castellaue das Geld des weisen Amerikaners Gould niuunt für die Beschimpfung ehrlicher Leute und besonders der ehrlichen Leute im Anslande? Der Ergötzlichste an der Sache liefert aber die Kreuzzeitung, die zu berichten weiß, daß Graf Boni de Castellaue ein Abkomme des Juden Boni sei, der sich vom päpstlichen Heroldamt den Grafentitel verschaffte! Nicht weniger charakteristisch ist das zweite Sittenbild ans der Pariser Gesellschaft. Bekanntlich hat die Negierung gegen den Orden der Assnmptwnisteu Anklage wegen Betruges erhaben, uh'U dieselben einen Schatz von vielen Millionen wohl verborgen gehalten und nicht versteuert haben, lieber die Art, wie ein Theil dieses Riefenvermögeus in den Besitz der Kongregation gelangte, erzählt der „Cri de Paris" folgende erbauliche Geschichte: Eine Courtisane des ziveiten Kaiserreichs, die unter dem Namen ..ln 1 >eile Myriam“ bekannt war. als büßende Magdalena voll ihrem jüdischen Glauben aum Katholizismus übertrat, verschrieb dem Orden ultmälig all ihr Hab und Gut, mit ihrem Hause, ihrer Kunstsammlung. Wagen nud Pferden. Sie lvar es, lvelche dre Druckerei der „Croir" iu Betrieb setzte mld als „ehrwürdige Mutter Frcmck" dell Orden der „Soeiu's lypotes“ gründete, die ben „Pvlerin" unb die „Crvir" setzell. (Typo heißt in der Pariser Werkstättensprache der Setzer. ..typote" ist das Femininum von lypo.) Söeun sie kein Geld mehr hatte, veranstaltete „Mutter Franck" eine Kollekte bei ihren ehemaligen „Freunden", dell alten bonapartistischen „viveurft“ mtb ..marcheurs“, itub iuuiu’v mit Erfolg. Als die Dreyfus-Sache kam. erinnerte sie sich aber ihrer Abstammung und bat ihren Beichtvater P. Pieard fleheutlich, die Preßorgane, zli deren Gründung sie beigetragen hatte, nicht einer ungerechten Sache, der Verfolgung ihres Volkes, zu lveihen. P. Picard fuhr sie hart an imb verbannte die einstige „schone Myriani" aus Paris. Jetzt soll sie in Bordeaux leben und tu einem Kloster Melissenwasser sabrizirell. das der berühmten „ean üc; umlisse lies ( Konkurrenz macht und sich llach Notre Dame bu Salllt beneiint.! Ein typischer Fall russischer Gerechtigkeit gegen Juden | mivb aus Nawa Kraiuka berichtet. Nach den Aufständen, die! in Nikolajeff gegen die Inden stattgefunden hatten, petitiouirteu! die Inden von Noma Kraiukv beim Gouverneur um besseren j Schutz, da sie auch iu ihrer Stadt Grund hatten, Judenexzesse j zu fürchten. Der Gouverneur wies jedoch die Bitte zurück,! und der Prokurator hat jetzt eine Verfolgung gegen die Unterzeichner jener Petition eingereicht, weil dieselben angeblich fatsche Nachrichten verbreitet haben sollen. - Sonst wird noch aus Rußland gemeldet: Graf Dawisch hat lavoOO Rubel zur Begründung einer Ackerbauschnle gegeben und dabei die ausdrückliche Bedingung gestellt, das; diese Schute Jedem ohne Unterschied der Religion offenstehen solle. Je seltener ein Akt derartiger Toleranz iu Rußland ist, um so dankbarer muß er anerkannt werden. — Die Jewish Golonisation Association hat der Kolonie Kraswaseli im Gonvernement Tschernigow loöOo Rubel bewilligt für die Vergrößerung dieser