Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1900)
- Date
- 1900-01-19
- Page
- Seite 34 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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34 bittet um ein kleines Darlehen oder um Rückgabe seiner Schuld. Das geht jahraus, jahrein ttub ununterbrochen fort in dieser kleinen Welt. Ausgenommen davon ist nur die Mehrzahl der reichen Studenten, die ihren Wechsel regelmäßig erhalten tntb keinerlei Mangel kennen lernen. Diese halten sich von Unsereinem fern und steigen nie von ihrer Höhe herab. Sie stehen außerhalb unseres Kreises und sllchen sich llach Kräften unserer Gesellschaft zu entziehen. Wenn so ein Hungerleider ihnen von Ohngefähr in ben Weg läuft, knöpfen sie sich schnell zu bis an den Hals hinauf, um nicht „ausgeplündert" zu werden. Wenn sie aber selber einmal Geld benöthigen, so lassen sie sich freundlichst herab, voll Unsereinern beit letzten Heller zu entleihen. Hellte startd ich int Foyer der Universität, neben einer Sattle, tvo nteine hier studirenden Landsleute sich zu gewissen Stultden zu treffen Pflegen. Unser Kreis bleibt innerhalb der Stndenlenrepnblik gleichsam ein Staat im Staate. Zwei Studenten stehen neben dem Pfeiler und diskutirelt über die „höchstett Problente des Daseins." Der Eine ist groß und hager, mit tangent Hals und dunklem Gesicht, der Andere ist kteilt und schmächtig. Wemt sie zusaunnenstehen, machen sie Volt der Ferne den Eindruck eines Ausrufungszeicherts. Der Große fuchtelt in der Luft mit seinen langen knochigen Armen umher, daß es aussteht, als wären sie nur mit einem dünnen Bittdfadell an seinem Leib befestigt, loährend der Kleine mit den Füßen scharrt wie ein Hase. Die Diskufsioit hatte ben Siedepunkt erreicht, keiner von Beiden schien uachgeben zu wollen. Plötzlich mtterbricht der Kleilte ben flammenden Wortstreit mit der kalten Frage: „Du. kannst Du mir eine Mark für ein paar Tage leihend" „Wenn ich nltr eine halbe int Berntögeit hätte, würde ich nicht dastehen und mit Dir herumdiskutiren, dummer Kerl!" „Hot' mich der Teufel," flüsterte der Kleine, „ich habe heute noch feinen Bissen in den Mund genommen. Vielleicht, hast Du fünf Pfennige bei Dir, Sausbold, konntest Du mich retten!" „Fünf Pfennige, Freund, das ist für Dich eine Kleinigkeit; bei mir spielt ein Pfermig dieselbe Rolle wie hundert. Ich habe schon vergessen, wie eine Geldmünze aussieht. Bei meiner Wirthin und beim Kaufmann habe ich mehr Schulden als Haare auf dem Kopf. Und Du, Schlemiehl, hast Du keinen Kredit beim Bäcker?" ... „Habt Ihr nicht drei Mark?" unterbricht sie ein Dritter, der stürmisch herangebraust kommt. „Schau mal diesen großen Herrn an! Drei Mark? Bist Du verrückt? Wozu brauchst Du so viel Geld?" „Unglücklicher Weise bin ich noch nicht verrückt, und die drei Mark brauche ich für meine Wirthin. Bald ist der Monat um, und ich habe ihr noch keinen zerbrochenen Heller gegeben. Nun könnt Ihr Euch leicht in der Seele vorstellen, wenn Ihr überhaupt eine Seele habt, was ich von diesem vermaledeiten Weib leide, das mir den ganzen Tag mit ihren Geldforderungen in den Ohren liegt." „Was mich anbetrifft," beruerkte ein.Neuangekommener, „so hat meine Wirthin das Zinuner seit drei Tagelt geschlossen nitd läßt mich nicht hereilt, bis ich ihr Geld bringe. Meinen Betheuernngen glaubt sie nämlich nicht mehr. Nult suche ich mir eine Ultterkunst bei Kollegen, die man noch nicht an die Luft gesetzt hat. Wer von Ihnen meine Herren, läßt mich für heute Nacht eilt? Ich nehme gar keinen Raum in Anspruch. Oder vielleicht ist Ihnen ein solcher Gast nicht lieb? Ha, ha, ha . . „Komm zu mir," sagte der Kleine, „da kannst Du übernachten, so lauge Dil lvillst, aber zu essen darfst Du von mir nicht verlangen. Ich habe selber keinen Bissen im Hause. Vielleicht hast Du lvas bei Dir, so können wir in die Volksküche gehen." „Mein Vermögen reicht gerade hin auf ein Mittagessen für uns beide. Komm, Du Nimntersatt." „Ich ziehe es vor, ztt hungern," bemerkte Einer, „anstatt das Brnnnnen der lieben Wirthin anznhören." „Ich bekenne mit Zerknirschung," erklärte ein Anderer, „daß ich nicht so zart besaitet bin. Ich thue mir Watte in die Ohren, wenn meine Wirthilt brummt. Sie mag zetern, murren, protestiren, wie lange es ihr gefällt. Ich mache mir nichts daraus. Mein Priltzip ist, Miethe dann zu bezahlen, wenn ich Geld habe, nicht dann, wenn nteine Wirthilt gerade Lust hat. Sie wird mir meine beweglichen Güter konfisciren? Das macht mir nicht bange. Die überlasse ich ihr vvn Herzeit gern, unter vollständiger Verzichtleistnng. Aber heute giebt es eine andere Geschichte, eine weit schlimmere Geschichte. Heute ist nämlich der letzte Termin, die Kollegiengelder zu belegen. Und ich habe feinen Pfifferling in der Tasche. Habt Ihr vernommen, meine verehrten Herren? Langt nur Eure Börsen hervor, öffnet die Geldsäcke, denn heute ist der Tag des Gerichtes." . . . „Ihr werdet sofort Alle vom Teufel geholt, Judensöhne," schrie ein Student, der mit kleinen, raschelt Schritten herbeigeeilt kam, „wenn Ihr mir nicht auf der Stelle meine Schuld bezahlt, Räuberbande! Seht her, wenn Ihr nicht mit Blindheit geschlagen seid, was für zerfetzte Stiefel ich trage, die mir beinahe von den Füßen fallen. Und die hiesigen Schuster sind alle so frech und lvollen mir ohne Geld keine Stiefelit nähen." „Was prahlst Du so mit Deinen zerrissenen Stiefeln, Mensch? Wer von uns hat ganze? Thn nicht so stolz, Du bist nicht der einzige Bevorzugte unter uns." Ein Kranz von Füßen hob sich in die Höhe, um das geflickte und zerrissene Schuhwerk zu zeigen. „Anstatt Deine zarten und feinen Füßchett zu beklagen, könntest Du uns Lieber noch ein paar Mark pumpen, oder lvenigstens einige Silbergroschen." „Ach, das ist ja der reine Hohn auf mich armen Mann," lvehrie sich Jener, der unter den Kollegen allgemein der „freigebige Pnmponkel" hieß. „Mir bleibt also nichts übrig," bemerkte Jener, der vor seiner Wirthin Angst hatte, „mir bleibt also nichts übrig, als meinen Winterrock in die Pfandleihe zu tragen und den Sommerpaletot anznziehen. Ich will lieber Kälte leiden, als das Knurren meiner Wirthin hören." „Ach, Du Glücklicher unter den Sterblichen, der Du einen Sommerpaletot Deilt eigen nennst. Wenn ich meinen Rock versetze, habe ich buchstäblich nicht was anzuziehen." „Mein Rock ist so zerfetzt, daß man ihn überhaupt nicht annimmt." „Ich habe gestern meine ganze Garderobe veräußert," nahm ein Anderer das Wort, „das natürlich ausgenommen, was ich anhabe. Der Trödler ging gnädig mit mir um und hat mich nicht allzusehr geschunden . . „Mensch, so bist Du ja ein reicher Mann heute, warum schweigst Du!"