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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-01-19 · Heft 3 (19.1.1900) · p. Seite 33

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 3 (19.1.1900)
Date
1900-01-19
Page
Seite 33 (sequence 11)
Language
German
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kennt daher das Weib nicht; trotz feiner Ehe, die eben nnr eine Pflichtmäßige war, hat er wohl die Gewohnheit des Zusammenlebens, aber nicht den überwältigenden Zivang einer alles erfüllenden, den ganzen Menschen fortreißenden Leidenschaft kennen gelernt. Zweitens: Unmittelbar nach dem erfolgten Lobe der Königin wird der Herrscher über seine Gemahlin ergrimmt, weil sie trotz aller Mühe, die er sich mit Ausstattung der Gärten gegeben, mit seinen Einrichtungen nicht zufrieden ist oder diese ihre Zufriedenheit nur sehr kühl äußert. Durch eine solche allzu sittsame Zurückhaltung wird der König empfindlich getroffen. Drittens: Er ist wenige Minuten, bevor er ganz unerwartet die Jüdin als Hilfeflehende vor sich erblickt, für die Jüdin eingetreten, denn auf die Meldung, daß man sie mißhandelt hätte, hatte er ausgerufen: „Und Ihr, Ihr duldet's? Nun, beiin großen Gott! Wer sich mir anvertraut, den will ich schützen; Ihr Glaube kümmert sie, mich, ivas sie thun." Mit solchem Ausruf, der seiner nicht etwa toleranten, sondern gerechten Empfindung entspricht, hat er sich gleichsam unbewußt zum Beschützer der gleich darauf zu ihm fliehenden Jüdin erklärt. Viertens: Dieses treuherzige Eintreten für die Verfolgte verstärkt sich aber, da die Königin in ihrer bigotten Auffassung sich von der Hilfe flehenden Jüdin abweudet und ihre Abneigung so offen zeigt, daß sie den Garten verläßt, als die Fliehende nicht ans die erste Forderung der Königin sich zurückzieht. Fünftens: Schließlich muß der König sogar die Jüdin zurückbehalten, da die Entlassung der Fremden ihren Tod unausbleiblich zur Folge haben würde. Durch diese Vorbereitungen wird das Entstehen der Liebe in ganz anderer Weise möglich gemacht, als durch den plötzlichen Anblick einer schönen Frau. Es ist also das Verlangeil des bisher kaum zum Manne Gereisten nach dem Wesen des Weibes, das Ergrimmmtsei» des Gatten gegen die eigene Frau, die nach den größten Opfern sich kalt und undankbar zeigt, der ritterliche Schutz des Königs, des gerechten Herrschers, gegenüber den Unterdrückten. Damit ist indessen nur die Möglichkeit der Entstehung einer Neigung gezeigt, aber die Stärke der ivirklich sich entwickelnden Neigung noch nicht erklärt. Um diese zu erklären, gebraucht der Dichter nun zwei Motive: Das eine ist das Fremde, das Ungewohnte im Wesen Rahels, das andere das Dämonische und Zauberhafte der Fremden, zunächst nicht etwa das Jüdische. Denn lvenn das Stück auch „Die Jüdin von Toledo" heißt, so ist in der Schilderung dieses Mädchens von jüdischem Wesen gar nicht die Rede. Was den früheren Dichtern bei diesem Verhältnisse eines Königs besonders anstößig war, und was Grillparzer bei der Schilderung des Entsetzens der Großen recht wohl hätte zum Ausdruck bringen können: den Abscheu vor den Juden, die Furcht vor Befleckung durch die Berührung mit der Unterdrückten oder gar Verachtete», er schwindet hier völlig. Nebelt dem Freinden, das den König reizt u»id nicht recht fortläßt, ist es vor allen Dingen das Dämonische, das Zauberhafte, das von Rahel ausgeht, so lange sie lebt. Sie selbst ist nichts weniger als eine Jdealgestalt, vielmehr ist sie ein hübsches verzogenes Kind, die Gefahr herbeisehnend, — aber in der Gefahr scheu und feige, in einem Augenblick sicher und übermüthig. Pochend auf ihre Schönheit und ihren Einfluß, in dem anderen verzagt und fast verzweifelt. Selbst da sie allein mit deiil König lebt und die Gefahr ahnen muß, die ein Verlassen des Königs nothweudig für sie im Gefolge haben muß, ist sie durchaus nicht die Dienende, die sich Unteriverfende, die mit aller Macht bestrebt ist, den König festzuhalten, sondern so launisch, beständig neue Wünsche hegend, stets der augenblicklichen Stimmung sich überlassend, daß sie bei einigem Verstände sich sagen müßte, ihrem Geliebten äußerst lästig zu werden. Dabei machen ihr beständiger Widerspruchsgeist, ihre Handlungen, die in der zweiten Minute alles vernichte», was sie in der ersten gethmi, den König nervös, und es ist recht bezeichnend für die ganze Art dieses verzogenen Mädchens, daß sie, nachdem der König sich entfernt hat, zunächst sich ganz unglücklich und verzweifelt geberdet, um im nächsten Moment ihre Schwester, der sie dieses vertrauliche Bekenntiliß ablegt, nach einem mit Amethysten besetzten Halsbande zu fragen. (Schluß folgt.) Lose Blätter aus dem Tagebuche eines russisch-jüdischeu Studenten. Ben N. B va i n i n. EUILLETON Eine westeuropäische Hauptstadt, 18. Dezember 189 . . . . . - . Nun ist ein Jahr um. seit ich die hiesige Unij versität bezogen shabe. Als ich hierher kam, dachte ich nnr! daran, so viel Wissen mtb Bildung als möglich zu erwerben. I Das war ja das einzige Ziel meines Strebeus, nur deswegen , verließ ich meine Heimath, nur deswegen überwand ich mit! größter Anstrengung alle Hindernisse, die sich mir in den Weg stellten. Und wenn ich nun heute mein geistiges Besitzthnm mustere, so finde ich, daß ich es nicht nur nicht bereichert habe, sondern daß auch das Wenige, das ich von Hause aus mitbrachte, hier allmülig zerrinnt und verloren geht. Seit einem Monat faßte ich ben festen Entschluß, allen Widerwärtigkeiten zu trotzen uub fleißig den Studien obzuliegen, anstatt müssig umherzugeheu oder tonenden Phrasen nachzujagen, wie dies die meisten meiner Kollegen thun. fernen - doch wie, lvenn man lveder Brod zum Essen, lioch Kohle zun: Heizen hat? lieber das kleine Reich der hiesigen russisch-jüdischen Studentenkolonie schlvingt jetzt die Armuth ihr grausames Szepter. Es herrscht allgemeine Ebbe. Sobald Einer von uns Geld aus der Heimath erhalt, fallen die Anderen über ihn her wie eine ausgehungerte Heuschreckenschaar, und im Nu ist er kahl abgegrast. Schon gleich am frühen Morgen verstreuen sich die Musensöhne, um „Beute zu haschen", und wer unter uns ein paar Pfennige zum Verprassen besitzt, wer ein Glas Thee mit feinem 'Nächsten theilen kann, — der ist ein Wohlthäter, ein Magnat. Sobald ein Neuling aus der Heimath auftaucht und nicht mit leeren Händen kommt, nehmen ihn die Alteingesessenen sofort in ihre Mitte, er sieht sich belagert luie eine Houigschüssel von einem Fliegeuschwarm. Im Handumdrehen verfügt er über eine Menge Kollegen, Rathgeber und Freunde. Bevor er noch ben Staub von seinen Schuhen geschüttelt, bevor er noch die Fassaden der Universität gesehen hat, ist sein ganzer mitgebrachter Mammon zerronnen. Schon Tags darauf absolvirt! er gleichfalls seinen Rundgang bei den neuen Kollegen unb

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