Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1900)
- Date
- 1900-01-19
- Page
- Seite 32 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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neunzehnhundert: Jahren, und selbst, wenn sie es begangen, wofür wir doch gewiß nicht verantwortlich wären, — würde dies an der Gesinnung der Antisemiten nicht das Geringste ändern. Empfangen Sie. theurer und verehrter Pater, den Ausdruck tiefster Verehrung von Ihrem ergebenen Dr. Max Nord an. Me Jüdin von Toledo. Vo» Professor Dr. Ludwig Geiger. II. f\ie meisten der erwähnten Vorarbeiten kannte Grillparzer, x sicher Lope de Vega, Diamante und Cazotte. Er war »ach dem Erstgenarmten der erste wirklich bedeutende Dichter, der dem Stoff nahe trat und der Erste und vielleicht der Einzige, der lange mit dem Gegenstände rang, denn er trug ihn nicht weniger als 50 Jahre mit sich herum. Die erste Spur seiner Beschäftigung zeigte sich 1807, erst in den fünfziger Jahren wurde es vollendet. Auf die Bühne kam es erst 1887. Auch in neuester Zeit ist es auf dem „Deutschen Theater" in Berlin und noch in jüngster Zeit vor Kainz' Abgang mehrfach zur Aufführung gelangt. Handelte es sich daher in dieser Zeitschrift nur um Berliner Leser, so wäre es kaum nöthig, von dem Inhalt des Stückes zu sprechen. Dieser muß jedoch gewürdigt werden, da gewiß viele Auswärtige das Stück nicht kennen: König Alfvnso, der sich erst kürzlich mit Leonore von England verheirathet hat, kommt zu kurzer Muße — denn ein schwerer Krieg mit ben Mauren tobt und ist dem Lande gefährlich — in die Gärten von Toledo, die er seiner Gemahlin zu Liebe in englischem Geschmacks hat Herrichten lasten. Die Königin empfindet jedoch nur geringe Freude über diese Aufmerksamkeit und spricht ihren Dank in kühlen Worten aus. Zu diesen 'köriiglichen Personen, die mit großem Gefolge erschienen sind, kommen noch Gareeran, der Sohn des höchsten Beamten, Manriquez, Grafen von Lara, ein Jüngling, der dem König persönlich nahe steht. Er stattet Bericht ab über die mit den Mauren gehabten Kämpfe. Das Gespräch ivird aber unterbrocheir durch eine flüchtige schreiende Jüdin, Rahel, zn der dann ihre Schwester Esther und ihr Vater Isaak stoßen. Rahel nämlich lvar im Garten gelustwandelt, hatte sich trotz des Nahens des Hoses nicht entfernt und muß nun in Todesschrecken den König um Hilfe anflehen. Sie ist vor Angst so sinnlos, daß sie dem Könige, wenn er sie nur von ihren Verfolgern rettet, all ihr Geschmeide als Lösegeld anbietet. Der König, von Mitleid und ungewohnter Sympathie ergriffen, beauftragt Garceran, Rahel in einem Pavillon des Schlosses unterzubringen, bis die Menge sich verlaufen habe und ein ungehindertes Rückkehren des Mädchens in das väterliche Haus niöglich sei. Aber er kommt selbst gegen Abend, um nachzusehen, was sein schöner Flüchtling macht, findet sie in kindischem Spiel mit einer Fastnachtskrone und dem königlicher! Bilde, wird von der Königin überrascht, läßt aber doch Rahel in sicherem Geleit, nach Hause wandern. Das Bild, das er von ihr zurückbehalten hat, übt jedoch eine magische Wirkung auf ihn aus. Er eilt selbst dem Mädchen nach unter dem Vvrgeben, ihr dadurch größeren Schutz zu geivähren. Zwischen dem 2. und 3. Akt liegen einige Wochen, höchstens Monate, nicht ivie in der alten Sage sieben Jahre. Der König und Rahel leben zurückgezogen in einem schloßartigeir Landhause. David ist ein Mittelding zwischen Thürhüter und Hausmarschall. Der König, der die Liebe genossen hat, ist durch die Launen des Mädchens, dessen Wesen ihn eine Zeit lang entzückte, ziemlich ernüchtert. Durch das Wiedererscheinen Garcerans erwacht die Thatenlust des Königs aufs Neue, sein Zorn wird entfacht durch eine Nachricht Esthers, daß die Königiir und Manriquez die Großen des Landes entboten hatten, um ohne oder gegen den König zn berathen. Diese Grandenversammlung findet wirklich statt. Die Königin ist dabei, bestimmt selbst der Dirne, die den König von seiner Pflicht abwendig gemacht hat, den Tod, weil, wen,l nicht jene, sie selbst als Sünderin betrachtet werden müßte. Die Versammelten. die noch den von Garceran überbrachten Auftrag, sich znrückzuziehen, vernommen haben, entfernen sich schweigend. Der König selbst ist in jenes Schloß geeilt. Erst nach dringendem Gebote bekommt er seine Gattin zu sprechen, sucht in einer merkwürdigerl Unterredung zwischen ihr und sich die Schuld gleich zu vertheilen, wird aber, während er sich auf kurze Zeit zurückgezogeil, von der Königin verlassen nnd sieht sich plötzlich init seinen Knappen im ganzen Schlosse allein. Denn die Königin und die Grarlden haben sich in rasender Eile aufgemacht, nm die Jüdin zu tödten. Das Geschick der letzteren hat sich zwischen dem 4. und 5. Akte erfüllt. Obrvohl die Königin, die selbst den Tod bestimmt hatte, zuletzt von der schrecklichen That abmahute, ist ihre jüdische Nebenbuhlerin getödtet worden. Der König, der zu spät den Schauplatz dieser Thaten erreicht, geht allein zur Leiche, kommt entsetzt zurück, hat das Bild der Geliebten rveggeworfen und scheint des Zaubers ledig zu sein. Die Königin und die Großeil treten ihur reuig entgegen. Er verzichtet zu Gunsten seines Söhnleins auf den Thron und bestimmt, als seine, und der Verschwörer Strafe, in der ersterr Reihe zu kämpfen und im Kampf den Tod oder die Sühne des Verbrechens zu finden. Wer der vorstehenden Analyse gefolgt ist, sagt sich vielleicht selbst, daß streng genommen Grillparzers Stück seine» Titel mit Unrecht führt. Denn äußerlich und innerlich betrachtet, ist die Jüdin von Toledo nicht die Hauptperson. Vom Ende des dritten Aktes an erscheint sie überhaupt nicht mehr, nicht einmal als Leiche im 5. Akt. Ja, es scheint auch, als wenn sie innerlich nicht das Stück zu bestimmen hätte. Dieses ist vielrnehr die Tragödie des Königs: Seine Liebe und seine Umkehr. Diese letztere ist grandios, wenn — auch nicht leicht verständlich. Was man zunächst an dem Stücke bewundern muß, ist die Kunst der Vorbereitung und Motivirung. Den vulgären Vorgang, daß ein König ein schönes Mädchen sieht, es begehrt, eine Zeit lang mit ihm lebt, konnte ein wahrer Dichter, der eine Seelenschilderung geben wollte, nicht brauchen. Auch vorr der geschichtlichen und sagenhaften Ueberlieferung, daß der König sich mit dieser plötzlich Erschauten sieben Jahre einschließt, rnußte sich der Dichter entfernen. Während nun in allen früheren Dichtungen diese lange Entfernung eines thateudnrstigen pflichtbewußten Königs von seiner Herrschaft ebenso unbegreiflich blieb, ivie der plötzliche Rausch einer erst seit ganz kurzer Zeit glücklich Verheiratheten, ein Rausch, der durch die Erscheinung eines schönen Judeninädchens in ihm erregt wird, ivird bei Grillparzer alles zu motiviren gesucht. Er bereitet auch diese verhältnißmäßig kurz dauerrrde Episode im Leben des Königs durch folgende Momente vor. Erstens: Der König lvar in seiner ganzen Jugend nur von Männern nmgeben; er