Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1900)
- Date
- 1900-01-19
- Page
- Seite 31 (sequence 9)
- Language
- German
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31 Gin interessanter Briefwechsel. Paris, 5. Januar. (gvVjlpm die Jahreswende ist in dein hiesigen „Siecke" ettt Briefwechsel zwischen dem bekannten Begründer der „Gallikanischeu Kirche", einer Art von nationalem Katholizismus, dem Pater Hyacinthe Loyson und dem bekannten Schriftsteller Dr. Max Nordau veröffentlicht worden, der, wenn sich auch von unserem Standpunkte manche erhebliche Einwendungen gegen Einzelheiten in beiden Briefen machen ließen, doch im Großen irnd Ganzen als Symptom der Zeitstimmung für Ihre Leser von hohem Interesse sein wird. Wir lassen deshalb beide Briefe im getreuen Wortlaut ohne jede weitere Bemerkung hier folgen: Theurer und muthiger Streiter Israels! Weil ich fest au die Zukunft des jüdischen Volkes glaube, welches sich standhaft zeigt in seinen Prüfungen und noch mehr in seinen Pflichten, und weil Sie in der Krise, welche über dieses außerordentliche Volk jetzt hereingebrochen ist, einer der intelligentesten und tapfersten seiner Vertreter sind, so wende ich mich heute an Sie. In der bedauerlichen antisemitischen Bewegung, welche gegenwärtig nicht.nur die Schande voll Frallkreich, sondern von ganz Europa ist, hat uian auf die Juden unserer Zeit allch die Veralltlvortllng für das vor mehr als neunzehn Jahrhunderten vergossene Blut Jesll gewälzt. Man hat sie für das durch beu Haß eitler klerikalen Partei'und durch die Schwäche eines rönlischeil Statthalters erpreßte Todesurtheil verantwortlich gemacht. Mail hat llicht sehen wollen, daß, außer eitlem im Interesse des Barabbas aufgehetzten Pöbel, das Eros der Nation gleirhgiltig unb durchaus nicht empört über eine so hinimelschreieude Ungerechtigkeit gewesen ist. Diese Ungerechtigkeit habell die Antisemiten strafeil lvollell — aber sie haberr sie trotzdem eillfach lviederholt. Sie haben ausDreyfns eine Personifikation seiner so lange ulld so grausam verfolgtell Nasse genlacht, jener Nasse, lvelche der Prophet llach dem Vorbilde des leideilden Messias gesehen, als „eilten Menschen, der all sein Leiden gelvöhilt, als einen Menschen, den Alle verachten und verlassen", und sie habell eine Strafe über ihli verhällgt, die schrecklicher ist als der Tod. So gut wie lebendig begraben, ist er nach fünf Jahren wie durch eilt Wunder wieder aus dem Grabe erstalldell, und er ist heute ein Gegenstand der Bewunderung, ja, ich möchte fast sagen, der Verehrung für die gailze Welt. Aber das offizielle Frallkreich — es giebt Gott sei Dank noch ein allderes Frallkreich, das ich kelllle — dieses offizielle Frankreich, welches ihll gegen alle Gerechtigkeit und gegen alle Beweise zweimal vernrtheilt hat, weigert sich starrsinnig, ihll 31t rehabilitireu. um sich selbst dadurch zu rehabilitireu. Das offizielle Judäa hat Christlls gegellüber nicht anders gehaildelt. Wenn doch Israel jetzt Frallkreich mit gutem Beispiel vorangehen wollte! Vor dem mellschlichen Gewissen bedarf weder Alfred Drehfus lloch aus viel lvichtigeren Grülldell Jesus voll Nazareth eitler gesetzlichen Rehabilitation; aber es ist eine Pflicht der beidell großen Völker, für das Ihre wie für das unsere, ben Richterspruch zu vernichten, beit mau all ihren Namen geheftet hat. Es handelt sich selbstverstälidlich jetzt llicht darum, sich über die Mission nud Person Jesu Christi dognlatisch 311 äußern. Ueber diesen Pllllkt werden sich die Juden heute noch lveiliger als die Christen eilligen köllneil. Solldern es handelt sich einzig ulld alleill darum, die Ullgerechtigkeit des Kaiphas imb Pilatus wieder gut zu ulachell. Theurer lind muthiger Pionier Israels! Silld Sie llicht allch meiner Ueberzeugnng, daß die Stunde gekomnlell ist, die große Nevision des Prozesses voll Jerusalem zu vollziehen und Jesun», beu großen Juden, wieder in das Herz seines Volkes einzusetzen? Danil lvird auch der Autisemitisnlus überwnlldell werden, Ulld der Herr wird seiil Israel segnell! Hyacinthe Loyson. Theurer ulld verehrter Pater! Ihr begeisterter Brief hat luich durchalls llicht überrascht. Ich kallll deilselbell natürlich llur tu meinem Nauteu bealltworten, keineswegs als Vertreter meinet’ Glaubensgenossen; aber ich antworte Ihnen mit allem Freimuth nud ohne die geringste Zurückhaltlmg. In jedem Fall ist der Christus, beu wir durch die eitieit Ueberblick gewährende Geschichte fenueu, eine typische Gestalt, ein idealisirter Jllde. Er. beobachtet das Gesetz, er lehrt die Moral Hitlels: „Liebe Deinell Nächsteil wie Dich selbst." Ewige Dillge haltell feiuett Geist beständig umfangen, und er fühlt sich in seelischer Gemeillschast mit Gott. Er verachtet, was sterblich all ihlu ist und alle flüchtigen Berührlmgspunkte ves irdischen Lebens. Dieselben Charaktereigenschasten zeichnen allch die besten Juden zur Zeit der römischen Herrschaft alls, uild gallz besollders fiitbeu wir sie bei beu Essäern, bereit Leben so ft reu fl religiös lvar. Wie sein Ursprung, sein ganzes Denken und Fühlen, so ist auch feine Ansdrucksweise dllrchaus jüdisch. Für jedes seiner Gleichnisse fönneu mir eine oder mehrere Parallelstellen alls dem Talmud ansühren. Seiil Gebet, das schöilste, welches je ein gläubiger Mensch gesprochen, ist erfüllt von jüdischen Gedanken, die sich alls das geistige Balld zwischen Mensch uild Schöpfer beziehen. Die „Bergpredigt" ist der höchste Ausfluß rabbinischer Ethik uild ist geschmückt mit Bildern lnld Gleichnissen, lvelche beu Rabbinen eigen warell. Jesus ist Seele voll unserer Seele, lvie er Fleisch ullseres Fleisches lvar. Wer denkt darall. ihll vom Volke Israel auszuschließen? Petrlls wird der einzige Jude bleiben, der zu dem Nachkommen Davlds sagte: „Ich kenne diesen Mellschell llicht!" Wenn die Jlldell bis ans den hentigell Tag noch nicht dazu gelallgt silld, die moralische Größe Jesu voll lnld ganz ailzuerkennell. so tragen die beständigen Verfolgungen, Martern und Hiilschlachtliilgell die Schlild, die ihre Peilliger ttt feinem Namen all ihnen vollzogen habell. Die Jlldell habell voll dell Jüllgeril alls dell Meister geschlossen; das lvar ein Ullrecht, aber ein verzeihliches Unrecht gegenüber beu Opfern des beklageuswerthen Hasses der sog. Christen. Jedesmal, welln ein Jude sich sin die Quellen vertiefte und sich mit Jeslls beschäftigte, rief er voll Begeisterullg aus: Abgesehen von seinem Wirkell, gehört er ulls, er ehrt unsere Rasse, und wir nehmen ihn für uns in Anspruch, lvie lvir die Synoptiker für uns beailsprllchell, diese Blüthe der jüdischen Litteratur, der rein jüdischen! Die Nevisiolt seilies Prozesses? Sie ist ja schon seit Langem durchgeführt. Die bebeutenbften Kellner der Kriminalistik und des jüdischen Prozeßverfahrells haben mit lnllviderleglichen Beweiseil ausgesührt, daß der Prozeß Jesll, solvie er ulls durch die Traditioll überliefert, lliemals. welligstells vor einem jüdischen Tribunal nicht, stattgefllndell haben kann. Wenll Jeslls zum Tode vertlrtheilt worden ist, so ist dies einzig nur durch römische Richter geschehen, uild keilt glaubenstrener Jllde hat daran den niittbefteit Antheil nehnlen können. Vor einem jüdischen Tribunal märe ein frommer Mann, der die essäischen oder ebionitischen Dogmen öffentlich bekannte, selbst meint er sich vom Sabbathgesetz losgesagt, selbst wenn er beu Geist über den Buchstabell gesetzt, selbst lvellll er sich als dell Verheißeneu, dell Gesalbtell des Herrn ausgegeben hätte, niemals zum Tode am Krellz verllrtheilt worden, weil das eine nach jüdischem Gesetz itueilanbte Todesart ist; er hätte allch lliemals am Freitag, dem Vorabend des Passahfestes, hingerichtet werden könllen, lveil das Gesetz jede Hinrichtung all eillem solchen Tage streng verbietet. Welln Judell Jesus in der Weise verllrtheilt hätten wie die Tradition sie tllls darstellt, so hätten sie eine Reihe Frevelthaten begallgeu, bereu lebe einzige dell Urhebern schreckliche Strafell gebracht hätte. Es lUlterliegt feinem Zweifel, daß der Verlaus dieses Prozesses nur ein Racheakt Derjenigen sein konnte, lvelche die Judell dafür strafen wollten, daß sie die göttliche Mission Christi nicht anerkennen wollten. Gestatten Sie mir nun aber, theurer Pater, Ihnen offen zu gestehell, daß Sie sich einer Täuschullg hingeben, meint Sie glauben, daß die Antisemiten uns aus religiösen Gründen hassen und verfolgen. Diese Gründe mögen früher vielleicht die Triebfeder des Hasses gewesen sein. Heute sind sie es nicht. Die modernen Antisemiten verfolgen andere Zwecke. Es lvürde zu weit führen, sie hier auzugeben. Auch wenn der letzte Jude sich taufen ließe, würden sie nicht Nachlassen in ihrem Hasse, so lange sie uns von den anderen Europäern unterscheiden könnten. Ich will noch einmal kurz wiederholen: Wir nehmen für uns in Anspruch Jesus, seine moralischen Lehrsätze, seine Lebensanschauung und die Evangelien, ausgenommen das des heiligen Johannes. Wir haben nicht uöthig, eine Revision seines Prozesses vorzunehmen da Jesus nach jüdischem Gesetz niemals zum Tode am Kreuz vertirtheilt worden wäre. Aber auch lvenu lvir öffentliche Abbitte leisteten für ein Verbrechen, das unsere Väter niemals begangen haben können, vor nahezu