Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1900)
- Date
- 1900-01-19
- Page
- Seite 30 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 84% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228369--56101-3292377- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
r -30 Auf dieses wichtige und humane Werk möchte ich hiermit die Aufmerksamkeit weiter und weitester Kreise lenken, sie dafür zu interessireir und zu begeistern, aktiv mib passiv daran mit» zuarbeiten, daß es seine hohe Aufgabe zu erfüllen im Stande sei. Möchte» im Besonderen Vereinigungen wie der „Deutschisraelitische Gemeindebund", der „Verband der jüdischen Lehrervereine im dentschen Reiche" und andere ihr Augenmerk ans dieses hochbedeutsame Werk richten; dürften doch wenige Jnstllutionen in dem Maße heilvoll zu wirkeir berufen feilt wie gerade ein Erziehungsheim für schwachsinnige und schwachbegabte Kinder. Es sei bestimmt: „Dem Kinde zu helfen, daß ans ihm werde, was nach seinen Anlagen ans ihm werden kan» und nach Gottes Willen aus ihm iverden soll." E. A. Russisches. Bon Dr. S. Carpin. (qj&kie letzte Nummer des vorigen Jahrganges der Allgemeinen Zeitung des Judenthurns enthielt in ihrem Ueberblick über das vergangene Jahr folgender: auf Rußland bezüglichen Passus: „Aus Rußland ist diesmal nichts Besonderes zu berichten, weder Gutes uod) Schlechtes. Vielleicht ist dies das Beste in diesem Laude. Alls irgend eine günstige Entscheidung des Senats folgt gewöhnlich eine ungüustige irgend einer anderen Behörde. Guadenakte wechseln ab mit Ausweisungen." Obige Zeilen, welche in ebenso knapper wie zutreffender Weise die Situation unsere: Glanbensger: offen irr Rußland genau charakterisiren, karur jeder Kenner der Verhältnisse Noll und garrz nrrterschreiben. Nachfolgende auf Privatmittheilrrngen beruhende Einzelheiten soller: also nicht zur Widerlegung, sondern rrur zur Erlänterrrug des dort Gesagtendienerrrurdir: einigen krrrzenZügen die „Gleichberechtigung" der russischen Juderr mit anderen Staatsbürgern kennzeichnen. Allerdürgs finden wir da eine theilweise leider recht frappante Aehnlichkeit mit der Praxis ariderer Länder, rvo doch „alle Bürger Oor dem Gesetze gleich" sirrd rrrrd „Urrterschiede des Glaubens" bei der Erlangung von Staatsärnterr: arrgeblich nicht in Betracht kommen. Werrn dort die Arrrree als Jnstitutiorr gilt, die von jüdischen Elemerrten in den Ofsizierschargen sich vollständig frei zu Halter: hat, so dürfer: wir urrs nicht wundern, daß dieses Systerrr irr noch höherem Maße auf das heilige Moskowiterreich zutrifft, jenes mit europäischer Eivilisation mir halb übertünchte Barbarenreich, auf dessen Würdenträger rrur zu häufig das Sprichwort zutrifft, daß, rverrrr man den Russer: kratze, der Tartar zrrrr: Borscheir: kornrrre. In der russischer: Arrrree hat es, so viel bekannt ist, niemals jüdische Offiziere gegeberr. Bei derrr früherer: Rekrutirnngsshstern war dies auch selbstverständlich. Die Personen der steuerpflichtigen Stände, die leibeigener: Bauern, konnten selbstverständlich keiner: Arrsprrrch auf Offiziersposten erheben, die naturgemäß dem Adel und der: sonstigen privilegirten Stärrderr zufielen. Die Einführung der allgerrreirren Wehrpflicht brachte zunächst ir: Bezug aus die Juden keine Aenderurrg. Ir: die Kadettenkorps werden Inder: nicht aufgenornmen, und diejerrigen Juden, die infolge ihrer höheren Bildung zum Freirvilligendienst berechtigt sind, diente:: ihre Zeit ab und schieder: alsdann aus den: aktiver: Dienst. Die tzten Jahre Haber: irrdeß eitrige Aenderrurgerr gebracht, welche wenigstens theoretisch, die jüdischen Freiwilligen zu dem Ansprüche auf der: Rang von Reserveofsizieren berechtigt erscheinet: lassen. Es Werder: jetzt rrämlich alle Diejenige::, roelehe als Freiwillige erster Kategorie ihr Jahr abgedient haberr, während der Zeit, ir: welcher sie der Reserve augehören, zwei Mal zu sechswöchiger: Ueburrger: eirrgezoger:, um, wie der Gesetzgeber sagt, eirre regelrechtere rrnd zweckmäßigere Vorbereiturrg für die Ersüllurrg der Obliegenheiten vor: Subalternosfizieren zu Kriegszeiten zrr erhalten. Da nun der Gesetzgeber zwischen der: Freiwilligen der christlicher: Konfessionen und des jüdischen Glaubensbekenntnisses keirren Unterschied rrracht, so ergiebt es sich der Theorie rrach, daß auch die jüdischer: Freiwilligen nach Absolvirung ihrer sechswöchiger: Uebuugszeit zu den Prüfurrgen zugelasser: roerder: rnüßten, welche für die Beförderung zum Rang eures „Fähnrichs der Reserve" festgesetzt sind. Irrdeß ist ir: dem soeben abgelanferren Jahre, wo die erroähnten Regel:: zr:m ersten Male zrrr Arrwendnrrg gelarlgten, kein einziger jüdischer Freiwilliger zur Reserve befördert rvorden; ja, die jüdischer: Freiwilliger: sind rächt einmal zu den für diese Beförderurrg festgesetzter: Prüfrurgerr herangezogen rvorden. Innerhalb der jüdischer: Gesellschaft fragt rrran rrrm, warum, lvernr bei der Leitrrng des Militärressorts vor: vorrrherein eine solche Absicht bestanden hat, die jüdischen Freirvilligen überhaupt zu den sechsrvöchiger: Ueburrger: einberufer: rvorden sind. Doch glanberr nur nicht, daß derartige, wer::: auch noch so berechtigte Fragen zu irgend rvelcher: sachlichen Aenderunger: führen rvürderr. Irr früherer: Zeiten, z. B. noch vor 20 Jahren, nur kurz nach derr: rnssischtürkischer: Kriege, war wenigstens in der Armee das Kontirrgerrt der jüdischer: Militärärzte ein verhältnißmüßig recht großes. Dieselben sind nerrerdiugs, rvo die Militär-Medizinische Akademie in St. Petersburg das Gros der Militärärzte liefert, ganz auf den Aussterbeetat gesetzt. Eir: anderer Rückschritt, der aus Rußland gemeldet wird, betrifft die jüdischen Hauslehrer. Urrlängst girrg riänrlich durch die rrlssische Presse das Gerücht, daß seiterrs des „Ministeriums der Volksaufklärung", rvelches rrngefähr derr: Knltrlsrilinisteriurr: in den arrderer: europäischen Staaten entspricht, die „Erläuterung" erging, daß die Inder: zu der Würde eir:es „Hauslehrers" zukünftig rücht mehr zrrzulasser: feien. Bei den etwa 5 Millionen Juden, welche irr Rußland lebe::, rvürde eine derartige Berfügurrg für die jüdische Bevölkerung einer: schwerer: Mißstand mit sich bringen. Es ist in der That gar nicht abzusehen, wo die vieler: überschüssiger: Kräfte, die mit der Zeit ar:s ihrer: Stellnuger: durch neue Gesetze entfernt werden, Verwendung sinder: sollen. Vielleicht ist jedoch hirrsichtlich dieser Verfügrrng nur der Wunsch gewisser Kreise nach immer weiterer Beschränkung der Rechte unserer Glaubensgenossen der Vater des Gedankens. Vorläufig ist eirre derartige offizielle Bestimmung noch nicht erlasser: und unterbleibt hoffentlich vollständig; wir Heger: vielmehr die zrrversichtliche Hoffrrung, daß das neue Jahrhundert, rvelches ja ir: Rußland erst mit dem 18. Januar beginnt, der: Juden keinerlei Ueberraschunger: ::nliebsarner Art mehr bescheeren, sor:derr: auf der Bahn allmäliger: Fortschrittes die Gleichberechtigung mit aller: anderen Staatsbürgern brir:gerr rvird.