Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1900)
- Date
- 1900-01-19
- Page
- Seite 29 (sequence 7)
- Language
- German
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29 (Dr. Adler, Hanfs und Steinhardt) wurde in^der Sitzung des Kuratoriums am 24. Dezember beschlossen, au der prozentualen Besteuerung der Mitglieder festznhalteu; die in 8 7 der Satzungen festgesetzten Beträge jedoch auf die Hälfte herabzusetzen. Ferner winde ein Antrag des Lehrervereins „Mendelssohn-Hamburg" zu 8 2 der Satzungen, nach welchem fortan alle Mitglieder der dem Verbände angehörenden Einzelvereine der Kasse beizutreten berechtigt sind, angenommen; das Kuratorium erklärte sich aber nicht für kompetent, noch weitergehende Anträge des Kollegelt Peritz-Königsberg. deren Durchführung eine gänzliche Umgestaltung der Ziele der Kasse zur Folge haben wurde, tu Berathung zu ziehen und überwies diese Anträge dem Verbandsvorstande mit der Maßgabe, zunächst sie den Einzelvereinen zur Berathung zu übergeben. Die Eröffnung der Kasse soll erfolgen, sobald die erwähnten Aenderungen der Satzungen die Genehmigung der staatlichen Aufsichtsbehörde erhalten haben werden. In vollster Hartuonie hat der Vorstand auch im verflossenen Jahre Hand in der Hand mit der Leitung des deutsch-israelitischen Gemeindebundes die gemeinsanten Ausgaben erledigt; mit herzlichem Danke erkennt der Vorstand an dieser Stelle an, daß der Ausschuß des Genieindebuudes unseren berechtigten Wünschen und Bestrebungen jederzeit gern entgegengekommen ist und auch in materieller Beziehung den Verband kräftig unterstützt hat. Der Gemeindebund hat u. A. die Verwaltung der Pensionskasse übernommen und den nach 8 12 der Verbandssatzungen zu leistenden Beitrag von 1500 Mk., aus welchent die Verwaltungskosten und Subventionen des Verbandes bestritten werden, auf 1600 Mk. erhöht, auch das Defizit des Verbandstages im Betrage von 180 Mk. gedeckt. Ein arbeitsreiches Jahr, an mancherlei Erfolgen reich, zu weiteren Erfolgen Aussicht bietend, liegt hinter uns! Noch find bei Weitem nicht alle Hoffnungen und Wünsche der jüdischen Lehrer erfüllt; sie werden erfüllt werden. wenn alle jüdischen Lehrer sich bestreben, jeder in seiner Weise und in seinem Kreise mit thätig zu sein, mitzuschaffen und mitzuwirkeu! Der Vorstand des Verbandes der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche. Gin Heim für schwachsinnige jüdische Kinder. Jine Anstalt wie die oben genannte, berufen, eine hohe Kulturanfgabe zu erfüllen, fehlt noch immer unter der Legion von Instituten, die dem Elternhause aus mannigfachen Gründen die schwierige Aufgabe der Erziehmig von Kindern abuehmen wollen. Und doch würde ein Erziehungsheim für schwachsinnige und schwachbegabte Kinder jüdischen Glaubens einem fühlbaren Mangel abhelfen. Der Umstand, daß wiederholt Anfragen ttach einer derartigen Pflegestätte in jüdischen Zeitungen auftauchen, sollte endlich einmal Veranlassung bieten, der Errichtung eines solchen Institutes ernstlich näher zu treten. Wenn wir uns auch nur oberflächlich mit der vorliegenden Materie befassen, so finden wir unschwer heraus, daß an dem genannten Rettungswerke mehrere Faktoren interessict fitib. Im Vordergründe steht naturgemäß die Fautilie. In eitler Zeit, da aus jedem Gebiete erhöhte Ansorderungeu all die Bildung des Einzelnen gestellt lverden und der Kampf uuls Dasein alle verfügbarerl Familienkräfte zur Thütigkeit und Mitarbeit ruft, wird ohnehin die Erziehungsaufgabe mehr und mehr von dem Hatise, in das sie größtenteils gehört, in die Schule verlegt. Wo soll in solchen Fällen gar noch die Zeit hergenommen lverden, sich einem Kinde in erhöhtem Maße zu widmen, das voll der Natur stiefmütterlich bei der Vertheiliulg der Geislesgaben behandelt worden und deshalb mehr Fürsorge von Seiten der Eltern beansprucht, wenn es nicht gänzlich verkümmern und zur Erfüllung irgend emer Lebensaufgabe unfähig werden soll? Daß aber schwachbegabte, ja sogar schwachsinnige Kinder bei richtiger Pflege und sorgfältiger, üldividueller Behandlung, wenigstens zu einem gewissen Prozentsätze zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft herangebildet werdell könnell, dürfte bei Fachmänllern sicherlich keinem Zweifel begegnen. Stehen aber die beider! Thatsachen fest, daß das Haus nlit Hilfe der öffentlichen Schule nicht oder doch nur unzureichend für eine gedeihliche geistige Entwickelung und sittliche Bildung so gearteter Kinder sorgen kann, andererseits aber in einer Anstalt unter fachmännischer Leitung und bei geloissenhafter Arbeit auch für diese von der Natur Zurückgesetzten noch soviel zu erreichen ist, daß sie mit Ehre durchs Leben zu gehen vermögen, so wäre die Nothwendigkeit der Errichtung eines solchen Erziehungsheims zur Evidenz erwiesen und gleichzeitig anerkannt, daß das geplante Werk eine hohe Kulturarbeit ausführen lvürde. Für die öffentlichen allgemeillen Schulen wäre durch solche Anstalten - es dürfte wohl nicht bei einer sein Bewenden behalten — eine erfreuliche Perspektive dadurch eröffnet, daß ihnen durch Entziehung der die Schularbeit hemmenden Elemente ein höheres Ziel gesteckt werden könnte, als es zuweilen möglich ist. Jul preußischen Staate werden wohl sehr wenig jüdische Schulen sein, die nicht wenigstens ein Kind von abnorm geistiger Veranlagung aufzuweisen hätten. Solch ein Kind aber ist häufig ein Hemmschuh für die Arbeit der Schule und nicht selten Veranlassung, daß eine ganze Abtheilung in ihren Leistungen etwas zurückbleibt; denn ein rechtschaffener jüdischer Lehrer wird bemüht bleiben, auch schwachbegabte und schwachsinnige Kinder so gut wie möglich zu fördern, solveit es eben im Rahmen des Gesamtunterrichts angängig ist. Daraus erhellt das Interesse der Gemeinden an solchen Instituten. Diese Letzterer! würden der Gemeindeschule ein onus abuehmen und gleichzeitig dazll beitragen, daß sich das unvermeidliche Geistesproletariat in den Gemeinden nicht noch durch diese infolge Vernachlässigung geistig Aermsten stetig vermehrte. In dieser Hinsicht ist sogar der Staat an solchen Jnstituterl bedeutend interessirt. Er besitzt aber genügend derartige und ähnliche Aufgaben erfüllende Anstalten. Diese aber sind unseren jüdischen Kindern nicht zugänglich, da keine Einrichtungen getroster! sind, ihnen auch eine religiöse Erziehung zu bieten. Daher liegt uns die Pflicht ob, eigene Institute der genannten Art zu begründen und solchen Kindern Gelegenheit zu geben, ihre Geisteskräfte so gut wie möglich ausznbilden und den Eltern solcher Kinder ein Mittel an die Hand zu liefern, gegen Entgelt — es würden sich mit der Zeit wohl Mäeene finden, die durch Schenkungen auch die Aufnahme un bemittelter Kinder ermöglichten - ihre Minderbegabten Kinder so heranbilden zu lassen, daß diese einen Lebensberuf ergreifen können und den Eltern nicht ihr Leben lang zur Last bleiben müßten. Solche Institute würden tnanchem strebsamen, tüchtigen Lehrer Gelegenheit verschaffen, eine seinen Kenntnissen und Fähigkeiten entsprechende Berufsthütigkeit ansznüben und sich eine selbstställdige Stellung zu erwerben. Der materielle Gewinn wird voraussichtlich kein hoch anzuschlagender sein, die Leiter, Lehrer und Erzieher in solchen Instituten würden Befriedigung finden in dem Bewußtsein, Menschen vor völliger geistiger und sittlicher Vercrrmung bewahrt zu haben. Der Dank der Geretteten und der Allgemeinheit kann und lvird ihnen nicht fehlen. —