Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1900)
- Date
- 1900-01-19
- Page
- Seite 27 (sequence 5)
- Language
- German
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27 Zangen, ob sie zu einer derartigen Bewegung ihre Unterstützung Leihen würden. Die Antwort fiel bejahend ans; doch macht )ie tu Freiburg erscheinende „Liberte", das Organ des aus >em Universitätsstreite bekannten Staatsrathes Python, den Vorbehalt, daß auch die anderen Artikel der Bundesverfassung ^sRwelche die Glaubens- und Kultusfreiheit einschränken, fallen jmüßteu. Es ist allerdings klar, was hrerunter zll verstehen ist. Da zur Zeit an eine Aufhebung des Jesuitenartikels gar nicht zu denken ist, so würde die bedingte Zusage des Freiburger Blattes einer völligen Ablehrrung gleichkomrnen. Indessen geht die Information dahin, daß die deutsch-schweizerischen Katholiken ohne Vorbehalt das Begehren der Juden sympathisch anfnehmen, da sie das. Schächtverbot als einen Eingriff in die Knltusfreiheit grlllldsätzlich bekämpfen. Auch in radikalen Kreisen würde iimu sich der Initiative entgegenstellen, tute überhaupt das Schächtverbot lliemals die Angelegenheit einer politischer! Partei gervesen ist, sondern zum Theil thierschützlerifchen, znnr Theil antisemitischen Regungen entsprungen ist. Eine Prophezeiung über den rnuthrrraßlichen Ansgang einer Initiative zur Aushebung des Schächtverbots ist heute noch verfrüht. Aber es ist irurrrerhirr erfreulich, daß mau in der Schweiz endlich auch anfängt, das Unrecht einzusehen, das man gegen die dortigen Juden begangen hat. Das „Politische Jahrbuch der Schweizerischen Eidgenosserrschaft" von Professor Hilty kommt auf das Schächtverbot, indern es vorr den Gntachterr zu Gunsten desselben spricht, mit folgenden Worten zurück: „Es waren dies die gleichen Gutachten, welche auch unsere eidgenössischen Räthe überzeugten, nur nicht das irregeleitete oder für die Sache gleichgiltige schlveizerische Volk, das mit seinem Verbot, neben deni sächsischen, noch immer gallz allein in denl weiten Erdenrunde stebt. Eill Versuch einiger Metzger, den Inden auch die Einfuhr von geschachtetem Fleisch alls angeblichen Gesundheitsrücksichten verbieten zu lassen, führte, wie schon berichtet ist, zll einer entschiedenen Ablehnung seitens des Bnndesralhs." Auch die „Basler Nachrichten" plädiren eifrig für Aushebung dieses Schächtverbots; ihr Artikel schließt mit den Worten: „Aber die Schweiz wäre nicht das Land, für welches sie gilt, wenn sie sich der Erkenntniß des Aenderungsbedttrstigen verschließen würde. Seitdem das Schächtverbot mit einer Majorität, die ninnnermehr Ausdruck des gesarumten Volkswillens ist, in Kraft getreten ist, sind lreue Thatsachen entstanden, und der Zeitpunkt uild die materiellen Voraussetzllngen der Nevision sind gegeben: die wissenschaftliche Würdigung des rituellen Schächtens hat sich vertieft, die übereinstimmende Meinung der größten Gelehrten und Fachmänner hat die Unbedenklichkeit der Schächtmethvde außer Zlveifet gesetzt. Das gewichtige Wort, das zwei deutsche Parlamente gesprochen, kann mib dars nicht uilgehört verhallen. Die Schweiz darf hinter dein Nachbarlande in einer That religiöser und geistiger Freiheit nicht Zurückbleiben. Das Schächtverbot ist keine Errungenschaft, die würdig unke, in das zwanzigste Jahrhundert hineinzudanern; es ist kein Gewinnposten im Inventar mlseres Fortschritts, sondern ein Berlnstposten, denn es hat Abbruch gethan dem Geiste der Freiheit und der Freiheit des Geistes." * Die bonapartistische Partei in Frankreich ist nicht antisemitisch, wie wir jetzt erfahren. Die Partei hatte sich intnrer von den Nationalisten, Antisemiten und Weißnelken vollständig ferngehalten. Und nun setzte das Parteiorgan, der „Petit Caporal" des Abgeordneten Cuneo d'Oruano, seinen bisherigen Mitarbeiter, den Antisemiten Lasies, reinlich vor die Thür, mit der ausdrücklichen Begründung, daß der bonapartistischen Partei der Antisemitismus nicht passe, der allen Ueberliefernngen der großen Revolution und ihrer Erben, der Napoleoniden, widerspreche. Die Lage ist dadurch geklärt. DerHerzog Philipp von Orleans hat sich des Schlagworts „Tod den Ändert" bemächtigt und hofft unter diesem Zeichen zu siegeln Die Rathgeber des Prinzen Victor urtheilen nach etwa zweijähriger arrfnrerksanrer Beobachtung, daß sie dieses Kampfmittel ruhig deln Wettbewerber urrr beit Thron überlassen können und daß ihr Prinz besser fahre, wenn er einen genau entgegengesetzten Stalldpnnkt einnehrrre. Die Orleans verkörpern also heute die Glaubens- und Rasienverfolgnng, den Antisemitismus, die Hugellottenverfolgrulg, die geheime Sehnsucht nach Bartholomäusrrüchten, die Zärtlichkeit für Esterhazy ltub das Bündrnß mit der „Croix" rnrd den Asstlmptiolristen, während Prinz Victor und seine Partei die Achtung der Menschenrechte ohne Unterschied des Glaubens und der Abstannnung auf die Fahne schreiben. Es ist wahr, daß das Prograrrrnr des Herzogs Philipp von Orlearrs ihn rricht gehindert hat, von der jüdischen Frau Porges 100 000 Frcs. zu empfangen. Aber es ist nicht ausgeschlossen, daß das Programm des Prinzen Victor den Schlüssel zu weit größeren jüdischen Geldspinden suchen möchte! Wie mau aus Paris schreibt, giebt es viele jüdische Großkapilalisten. die mit der Republik der Herren Möline ulld Dnpny, Mercier, de Freycirret und Ribot ivenig zufrieden sind. Ein letzter Rest voll Selbstachtung hat if^ueu verbotell, in der Truppe des Herzogs von Orleans lieben Lasies lurd Enorm, Drnnront ltub dem Pater Bailly Dienst zu nehmen. Im Lager des Prinzen Victor sind sie ähnlichen Begegnungen nicht ansgesetzt. Es wäre nicht überraschend, wenn inalr die Wirkung des klugen Vergehens der Boilapartiften bald rvahrnehmen würde. Die Jewisli Kolonisation Association hat eillerr großelr lmd wichtigen Beschluß gefaßt. Sie hat die von Baron Edllillnd v. Rothschild in Palästina begrülld etett Kolvllien in eigelle Verwaltung übernouillren. ©ine besondere Kommission, deren Obmann Baroll Rothschild fein wird, soll sich mit der Leitung der Kolonien befassen. Der neue Direktor, Herr Meyersohn, der schon als Sekretär des Centralkomrtees der Chovevei Zion-Vereine sich erprobt hat, wird die Verwaltung sicher in praktischer Weise unb im Interesse der Prosperität des Unternehlllens führen. Der Beschluß lvird gewiß in afleu Kreisen, die sich für das Kolonisationswerk interessiren, großes Allssehell lind gerechte Befriedigung hervorrllfen. Hätte ihlr Baron Hirsch selbst vor zehn Jahren gefaßt, so wären viele vergebliche Experimente erspart gebliebell, mrd nrarrches Gute wäre schon geschaffen lvorden. Aber noch ist es rlicht zll spät. Die jüdischerr Kolonien in Palästilla haben den Beweis ihrer Existenzuub Ertragsfühigkeit dirrch Wein- und Getreideball, durch Frllchtbarlmplantagelr mit Oelbäumen irrrd Seideilzllcht, durch Apfelsillenkrrltur, danebell auch durch die Pflege des Handwerks zur Gellüge erbracht; sie bedürfen llur praktischer Leitung mrd materieller Fördernllg, um zll hoher Blüthe zll gelallgell. Baron Ednillnd v. Rothschild hat sich siebzehn Jahre lang als der edelste mib eifrigste Förderer dieses großen Humanitätswerkes bewahrt; er hat seinen Benrühungen durch den Entschlnß, die Kotolliell der Führllllg einer mit den entsprechenden Mitteln ausgestatteten Gesellschaft zu Übergebell, einen rvürdigen Abschllrß verliehen. Aber es ist zu hoffen, daß er denl Werks ailch ferner seine Kraft und Hilfe widmen wird. Für die Jewish Kolonisation Association erwächst nunmehr ine Fülle von Aufgabell, beueu sie ihre volle Aus-