Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1900)
- Date
- 1900-01-19
- Page
- Seite 26 (sequence 4)
- Language
- German
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26 alles vergeblich. Je mehr man ihnen entgegenkam, desto höher stieg ihre Begehrlichkeit, desto unbescheidener wurden ihre Forderungen. Es fanden im Dezember 1899 Konferenzen von Deputirten der Gemeindeorgane und solchen des Vorstandes der Adaß Jisroöl statt, die aber zu feinem Resultat führten. Der Zuschuß, den die orthodoxe Minorität verlangte, wäre unter den veränderten Verhältnissen sicher gewährt worden'; dagegen vennochte der Vorstand der Hauptgemeiude die Anforderungen, die jene bezüglich der Aufsicht über die rituellen Institutionen stellten, mit der Würde der Gemeinde und deren statutarischen Bestimmungen nicht in Einklang zu bringen. Darauf wurden alle Ausgleichsverhandlungen abgebrochen. Es erklärten nunmehr 25 Mitglieder der Adaß Jisroöl innerhalb der gesetzlichen Frist ihren Austrittaus der Synagogeugemeinde. Das ist sehr bedauerlich; denn es ist auch schon aus der gegnerischen Darstellung zu erkennen, daß die Gemeindebehörden ihren früheren Standpunkt anfgegeben und die volle Bereitwilligkeit an den Tag gelegt haben, den berechtigtem Wünschen der, wie mall sieht, sehr kleinen Minorität Rechnung zu tragen. Die Forderungen, die diese gestellt, konnte aber keine Gemeinde bewilligen. Wir glauben auch nicht, daß die Oeffentlichkeit den Ausführungen der ausscheidenden Minorität zustimmen wird, auch nicht einmal der Theil der Oeffentlichkeit, der auf demselben religiösen Standpunkt steht wie diese. Man wird beim aufmerksamen Lesen der Broschüre das Gefühl nicht los, daß die, wie mau aus der Zahl der Austrittserkläruugen ersieht, in der That verschwindend kleine Minorität nicht den guten Willen gezeigt hat, der uothwendig war, um eine friedliche Regelung der ganzen Angelegenheit herbeizuführen. Es wiederholt sich hier das alte Spiel, das uns aus den sechziger und siebziger Jahren des zu Ende gegangenen Jahrhunderts nur zu wohl bekannt ist. Die Kämpfe, die damals die Gemeinden spalteten, sind noch in Aller Erinnerung; bis auf wenige Fanatiker wird Niemand den Muth haben, zu sagen, daß sie dem Judenthnm in Deutschland zur Ehre oder zum Nutzen gereicht hätten. In den letzten Jahrzehnten hatten. diese Gegensätze ihre Schürfe verloren. Es traten andere Fragen und Sorgen an die deutschen Juden heran, die ihnen die Pflicht der Einigkeit und des Znsammenhaltens gegenüber äußeren Feinden auferlegten. Es lväre mehr als bedauerlich, wenn diese Kämpfe jetzt von Neuem entbrennen sollten, denn die Gefahren, die uns von Außen bedrohen, haben sich kaum vermindert. Wenn es in der Schrift zu Gunsten des Austritts aus der Synagogengemeinde zu Königsberg am Schlllsse heißt, daß das Wort der Weisen: „Jede Vereinigung, die denr Glaubensideal gilt, geht immer fester denr Bestand entgegen", auch auf diese Bestrebungen anzuwenden sei, so müssen wir hierzu bemerken, daß die Uebersetzung jenes rabbinischen Ausspruchs seitens der frommen Herren doch eine sehr freie und nicht ganz zutreffende ist. Der angeführte Spruch will nämlich sagen, und wir berufen uns hierbei auf einen sicheren Gewährsmann jener Orthodoxie, auf Sarnson Raphael Hirsch selbst, daß nur eine Vereinigung aüs reinen Beweggründen zu reinen Zwecken zu Bestand gelange. Wir überlassen es den betheiligten Faktoren, zu entscheiden, ob der voll ihnen angeführte Spruch unserer Alten nach dieser Uebersetzung auch auf ihre Bestrebungen in allen Stücken anzuwenden sei. Nie Woche. Berlin. 17. Januar. fie deutschen Antisemiten treiben schon seit Jahren „Mittelstands-Politik" mit großem Eifer. Auch andere Fraktionen haben dieses Schlagwort usurpirt. Das Interessanteste an der Sache aber ist. daß Niemand weiß, was das eigentlich für ein soziales Gebilde ist, dieser Mittelstand, über dessen Rettung so inbrünstig nachgesounen wird, wer dazu gehört, und warum gerade die Inden davon ausgeschlossen sein sollen. Eine geistvolle Antwort auf alle diese Fragen giebt nun der moderne Junius in der letzten Nummer der „Nation", indem er sagt: „Wer gehört also dazu? Sehen wir uns einmal nach Denen um, die den rhetorischen groben Unfug mit dein Begriff Mittelstand am Schwunghafteste» betreiben. Antisemiten, Agrarier, zünstlerische Centrnmslente sind am zärtlichsten um den Mittelstand bemüht. Die Antisemiten treiben unter diesem Anshängeschilde Jndenhetze, die Agrarier hoffen, den nothleidenden Mittelstand von der Segen spendenden Kraft künstlich vertheuerter Lebensniittel zu überzeugen. Das Centrum denkt an seine zünstlerische» Marotten und an einen Geivinn sür seine Kerntrnppen gegen Geistesfreiheit und bessere Schulbildung. Aber auch andere Parteien schwingen gelegentlich das Nanchsas; vor diesem nndefinirbaren lind nnsaszbaren Mittelstand, und schwören bei allein, >vas ihnen politisch heilig ist, daß sie diesen Mittelstand heben wollen. Selbst nnsere lialionalökoiioiiiischen Professoren zerbrechen sich aus sozialpolitischen Kongressen die Köpfe, wie diesem Mittelstände zu Helsen sei, von dem Niemand deutlich sagen kann, wer dazu gehört. Ich habe seit Jahren über dies interessante Problem nachgedacht und glaube endlich eine befriedigende Definition des vielunnvorbenen Mittelstandes geben zn können. Mittelstand ist jene Schicht der Bevölkerung, von der eine jede Partei ivünscht, bei den nächsten Wahlen unterstützt zn iverden." & Ganz lakonisch meldet der Draht ans den Verhandlungen der österreichischer! Delegation iir Wien, das; der sattsam bekannte Mechauikus Schneider, der durch die Verwirrmig der Parteiverhältnisse zunr ersten Male in die Delegation hineinschlüvfen konnte, auch dort sein antisemitisches Unwesen, und zlvar, >vie es scheiirt, ziemlich ungestört treiben darf. So hat er in der gestrigen Sitzung eine Regelung des Paßwesens in der Richtung gefordert, daß den ausländischen Juden der Eintritt nach Oesterreich-Ungarn verwehrt werde. Der Bericht meldet nicht, daß auf diese kecke Herausforderung eine Antwort erfolgt sei. Man läßt den Mann einsach reden. Und dieser begnügt sich zumeist mit Heiterkeitserfolgen. Aber wir glauben, daß er schlauer ist als seine Gegner. Denn er spricht ja nur zum Fenster hinaus. Und der Delegation von der Straße imponiren diese Worte ganz außerordentlich. Siehe: Nachod, Hollescha», Polna usw.! £ Mit 191 527 gegen 127101 Stinunen hat am 20. August 1893 das Schweizer Volk ein Juitiativbegehren gut geheißen, ivodurch der Bundesverfassung ein neuer Artikel mit dem Verbot des jüdischen Schächtens beigefttgt wurde. Wie man nun aus sicherer Quelle berichten kann, trägt man sich in verschiedenen Kreisen Basels mit der Absicht, auf denr gleichen Wege, auf dem das Verbot durchgesetzt wurde (durch Sammlung von 50 000 Unterschriften) dessen Aufhebung zu erwirken. Zu diesem Zwecke ist an Führer der katholischkonservativen Partei der Schweiz die vertrauliche Anfrage er-