Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1900)
- Date
- 1900-01-12
- Page
- Seite 24 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228368--56086-3292361- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
S4 einer Kinderhand geschrieben, und die Hand war die seines Sohnes. Salomon Jehuda gab sich nicht Zeit, in das Zimmer zu treten, er blieb auf den Knien in dem halbfinsteren Vorzimmer liegen und las: „Lieber Vater sei nicht betrübt und weine nicht über mich. Ich habe es gut, aber ich kann nicht mehr zu Dir zurückkehren In drei Tagen werde ich in den Mutterschooß der christlichen Kirche ausgenommen, und ich werde zu Jesus Christus und zur Jungfrau Maria für Dich und meine Mittler beten. Ich schreibe heirnlich all Dich, und Niemand darf es wissen; aber jede Nacht sah ich Dich in meinen Träumen, und mir schien, Dein Haar war weiß geworden, weil Du über meinen Tod trauertest. Du hast nicht nöthig, mehr zu trauern, lieber Vater; denn jetzt weißt Du, daß ich lebe und glücklich bin, weil ich die Taufe im Namen unseres Herrn Christi und aller Heiligen empfangeit soll. Deitl Sohn." Es war, als ob die Züge in Salomon Jehudas Gesicht erstarrten, und er preßte die Hände so heftig zusammen, daß das Blut hervorsprang. Aber in derselben Minute war es ein einziger Gedattke, der klar und lebhaft in ihm wirkte: das durfte nicht geschehen; denn das sei schlimmer als der Tod, wenn sein Kind seinen! Glauben entsagte und ein Abtrünniger würde. Barhaupt eilte Salomott Jehuda durch die Gassen des Ghetto, und er hielt nicht an in seinem Lauf, bevor er vor der Thür der gnädigen Frau Palacky stand; denn jetzt wußte er, wer ihm sein Kind geraubt hatte. Cr wurde von der vornehmen Dame empfangen, rrnd sie hörte ihn freundlich und ruhig au, ließ ihn reden, so lange wie er wollte. Und es war ein unaufhörlicher Strom von Worten über Abraham und Isaaks Gott, über sein einziges Kind, über seine Lea, die auf dein Friedhof seines Volkes ruhte, uw auch er und seine Nachkommen einst ruhen sollten. Es waren Worte, die aus dem tiefsten Schmerz geboren wurden, von athemloser Angst und von zurückgehaltener Wuth. Aber die gnädige Frau sagte ihm, daß sein Sohn ihm nicht mehr gehöre. Das Kind habe freiwillig und ohne Zwang Rettung seiner verlorenen Seele in dein einzig seligmachenden, dem heiligen katholischen Glanbensbekenntniß gesucht. Und als Salomon Jehuda bat und drohte und das Haar aus seinem Haupte riß, da fügte die gnädige Frau hinzu, daß sie ihm nicht helfen könne, selbst wenn sie lvollte, denn ihr Bruder, der Vorsteher im Emmauskloster sei, hatte es auf sich genommen, für die Bekehrung und die Aufnahme des Knaben in den Schooß der katholischen Kirche zu sorgen, und dort im Kloster befinde er sich jetzt. Da sagte Salomon Jehuda nichts mehr, aber er lief ebenso schnell nach dem Kloster, wie er soeben zu der gnädigen Frau geeilt war. Dieselbe Seene wiederholte sich; Seinen Sohn konnte er nicht wieder erhalten. Salomon Jehuda ging zum obersten Richter der Stadt, und er fragte ihn, ob einem Juden kein Recht werden könne nicht einmal das Recht eines Vaters über sein Kind? Und weshalb wollten sie das gegen ihn gerade thun? Habe er jemals der Obrigkeit Ursache zur Klage gegeben? Sei er nicht ein ehrlicher Mann, und waren seine Vorväter nicht gute und tapfere Männer gewesen, die wie die anderen Bürger an der Dertheidigung der Stadt theilgenommen haben? Aber die hohe Obrigkeit sagte, das sei eine Sache, in die sie ' sich nicht mischen könne. Wenn der Knabe freiwillig das j Glanbensbekenntniß wechseln wolle, dann müsse es dabei bleiben.' Da wurde Salomon Jehuda still, er flehte nicht mehr .und ebenso wenig drohte er. Am nächsten Tage ging er zum Emmauskloster, und als er den Vorsteher sprach, erbat er sich als eine besondere Gnadenbezeigung, daß er blos ein einziges Mal noch seinen Sohn sehen dürfe. Sie wurde ihm gewährt, und mau führte den Knaben zu ihm. Salonton Jehuda schien es, als ob seilt kleiner David blasser untre als er früher gewesewund daß seine Augen unnatürlich groß und glänzend waren. Sie blieben nicht allein, aber Salomon Jehtlda sprach mit seinem Sohne in der hebräischen Sprache, und als er nach kaum zehrt Minuten sich entfernte - denn länger durfte die Zusammenkunft nicht dauern - hatte er ausgeführt, was er lvollte. Sein Sohn David hatte ihm Hand und Wort darauf gegeben, eine einzige kurze Stunde in seinem Hause in der Rabbinergasse, bevor sie sich für immer trennten, zu verbringen. Es war das feinste Tischtuch auf dem Tische ausgebreitet in Salomon Jehudas Zinnner. Jhnr gegenüber saß sein Sohn. Der alte Mann mischte einen Trank in den Becher des Knaben rrnd sagte zu ihm, daß er es bis auf die Neige leeren solle, denn es sei ja die letzte Mahlzeit, die sie gemeinsam genießen würden. Aber als der Knabe den Becher allsgetrunken hatte, überfiel ihn eine Betäubung, und nach mld nach fiel fein Haupt auf die Lehne des Stuhles zttrück; seine Äugelt schlossen sich; die Farbe lvich aus seinen Wangen, und der At'hent stockte. Salomon Jehuda blieb utlbeweglich sitzen, lvährend diese Verwattdlung vor sich ging. Die Farbe in feinem Gesicht war noch weißer als die, lvelche die erstarrten Züge des Knaben bedeckte. Dann elldlich erhob er sich, nahllt die Leiche in seine Anne, bedeckte seine Stirn mit Küssell und legte sie vorsichtig auf das Ruhebett. * Und er kniete vor demselben, und während die Schattet: sich tiefer und tiefer über das Zimmer sellkten und es Abend und Nacht lvnrde — lag Salomon Jehuda, unbeweglich in derselben Stellung, in Gebeten versunken, zu ben Füßen der Leiche seines Sohnes. Als es Morgen wurde, drarrgen frentde Lellte in Jehudas Haus. Sie richteten Fragen au ihn, sie drängten sich in dem ellgelt Zinuner und schaarten sich um den todten Knaben. Aber es erschien ihm alles unklar und verwirrt; er begriff nicht, wonach sie ihn fragten. Dann legten sie Kelten um seine Hände und Füße, und er dachte nicht daran, Widerstalld zu leisten. . . . Er erwachte erst wieder in: Gefängniß; aber lvie viele Tage mtd Nächte er bereits in demselben gewesen war, das wußte er nicht. Aber in einer Morgenstunde als der Gefangenwärterzu ihm eintrat, saß er emporgerichtet auf seinem Lager und fragte mit leiser und zitternder Stimme nach seinem Sohn. „Dein Sohn ist in der heiligen Teinkirche begraben," sagte der Gefangenwärter. „Eine Erinnerungstafel wird über ihn dort in die Mauer eillgesetzt werden, und sie wird der Nachwelt erzählen, daß er als christlicher Märtyrer von der Hand seines Vaters starb. . . ." Als Salomon Jehuda dies hörte, stieß er einet: langen wehmuthsvollen Schrei aus; sein schneeweißes Haupt fallt aus seine Brust, und das Leben erlosch, denn sein Herz tvar in demselben Augenblick gebrochen. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.