Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1900)
- Date
- 1900-01-12
- Page
- Seite 23 (sequence 13)
- Language
- German
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<23 mit einer Jüdin anstößiger scheinen, als das Zusammenleben eines vermählten Fürsten mit einer Geliebten. Entsprechend dieser Auffassung ist auch der Schluß des Dramas wirklich, glaubenstreu-und echt katholisch. Der König bereut seine That und geht in die Kirche, um sich durch ein Gebet zur Versöhnung zu stärkeil. Die Königin weilt unerkannt in seiner Nähe, er hört, nachdem er zuerst die Lästige entfernen lassen wollte, auch ihr Bekenntniß; durch Gespräche im Gebet kommen sie sich lläher mrd versöhnen sich. Während Rahel in dem Drama Lope de Begas, auch in seinem oben erwähnten Epos, das sonst keine neuen Züge trügt, nur das liebenswürdige und liebebegehrelide Mädchen, nui dem Namen nach und auch nicht bis zuletzt Jüdin ist. wird sie von späteren Dichtern mit all den schlimmen Eigenschaften behaftet, die diese an den Juden zu finden wußten, besonders mit einem starken Ehrgeiz, der ihr die Herrschaft wünschenswerth macht und sie zu strengem Regiment veranlaßt. Auch die sollst vorkommeudell Juden, der Vater David, der Bruder Levi Ulld die Schwester Sybilla, sind brave Menschell, die kein Glück in dem Steigen der Schlvester Hoffell, sonderll von einer solchen ihrem Stande uilgenläßen Erhöhung Uebles erwarten. Die Umkehr der Stinllllung gegell die Judell tritt, wenli llian von ein paar ilnbedentenden Epen des 17. Jahrhnllderts absieht, zullächst in deul 1667 anonylll gedruckten Stücke, das lvahrscheinllch von I. B. Dianrante herrührt, „Die Jüdin von Toledo" hervor. Das Stück war in Spanieil lange beliebt, lveil die Rolle der Titelheldin ein Paradestück der Schauspielerinnen lvar. Diese Heldin tritt zuerst als Bittende auf, die Dom König die Zurücknahme eines die Bertreibullg der Judell gebietenden Edictes erflehen soll. Sie ist schön, siegesbewußt, ehrgeizig; sie wird, da der Köllig von ihrer Schönheit gefesselt lvird und sie seiner Leidenschaft keinen Widerstand entgegensetzt, seine Geliebte, begnügt sich aber infolge ihres Ehrgeizes llicht mit dieser Stellung, sonderll lvird seine und des Reiches Beherrscherill. Sie behält diese Herrschaft trotz der Warnung ihres Vaters, der seine Klagen über diese Unbotmaßigkeit, das Vordrängell der Tochter vor den König bringt. Sie sucht ihrell Willen dllrchzusetzen, selbst gegen beit erprobten Minister, reizt diesen dadurch anfs Aeußerste iinb wird infolge einer Verschlvörullg, an der sich allch die Königill betheiligt, ermordet. Einem Versuch, den der Vater nllternahm, sie zu retten, tritt sie selbst entgegen, lveil sie bei dem Könige aushalten will, und als er Anstrengungen lllacht, sich statt ihrer zu opfern, verschmähen die Mörder diesen Ersatz. Der Köllig, der während der Mordszeile auf der Jagd lvar, ist elltschlossell, die ihln angethane Schmach 311 rächen. Sv schließt das Stück in dieser Fassullg gar nicht recht ab; man könnte im Gegentheil denken, daß mit der Ausführung des Racheplanes des Königs ein neues Stück beginnt, aber dies lleue Drama würde lnit der schöllen Jüdin, ja überhaupt mit den Juden nichts zu thun habell. Hundert Jahre später, 1778, erschien ein neues Stück, „Rahel", spanische Tragödie, von Vicomte Garzia de la Huerta. Es ist eine nach französischem Vorbilde linier Befolgung der drei Einheiten, allerdillgs nicht in Al exall drinern, sondern in reimlosen fünffüßigen Jam bell gedichtetes Stück. Es beginllt erst nach bem siebenjährigen Zusammenleben des Königs mit der Jüdin. Diese, Rahel, ist herrschsüchtig, ihr Vater oder Verwandter Rüben verschlilitzt, der kölligliche Geliebte schwach. Ihr Gegller, ein Millister, begnügt sich nicht mit einer Verschwörung der Großen, sondern predigt einen Volksanfstand. Er setzt durch, daß der König Rahel ulld alle Juden verbanilt; Rahel benützt jedoch die stets rleu aufkeimende Liebe des Kölligs, um ihre alte Stellung wieder 31t erlangen, ja sich eine weit höhere, eine königsgleiche sichern 311 lassen. Da sie diese Stellung aber gar dazll braucht, um den obersten Rathgeber zum Tode zu verdanlllien, so einigen sich die Großen, beschließen ihren Tod und lassell diesell, um die Schwerter der Katholiken nicht mit Judenblni zu beschlnlltzen, dllrch den genallnten Rüben allssührell. Dieser lvird Dom Könige getödtet, der danll freilich schlvach genug ist, die That seiner Granden zu billigen. Ich finde die beibeit letzteren Züge nicht so verkehrt wie mallche llenere Benrtheiler. Die Wahl des Rnbell durch die Großen eiltspricht ganz bem finsteren Glaubenseiser spanischer Adliger, die dllrch die von ihnen verachteten Werkzeuge.Thatell ausfnhren lassen, von betten sie sich Vortheile versprechell. Die Erlilordullg Rubens durch den König paßt sehr wohl zu dem Strohfeuer des Mvnarchell, das gelegentlich zülldet, aber keilte dauertlde Gluth hervorrnft. Den Spaniern folgte ein Deutscher, Johailll Christian Brandes, der dllrch seilte lllerklvürdigetl Erlebnisse, die er in einer Alltobiographie zusamlnenstellte, illteressatlter ist als dllrch seine Dralltell. Er verfertigte 178V das Drama „Rahel, die schölle Jüdin" und widmete es mit anderen Dramen 179U Karl August vor: Weimar, Goethes Landesherrn. Aber voll Goetheschem Geiste findet man in dem Stücke keilte Spur. Nieltltehr ist es eilte Bearbeitung des letztbehandelten spanischen Stoffes mit der vom Bearbeiter selbst allsgesprochenen Tendenz: „Rahel schuldlos darzustelleu ltub ihren Vater Rubel! mit der I Masse der sämmtlichen Hanptverbrechen zu belasten." Brandes hat außerdetn eilte Novelle Cazvttes benutzt, die gleichfalls aus Huertas Stück geflossetl ist, freilich mit allerlei romantischell ulld Zaubergeschichtetl, voll denen in dem deutschen Stücke nicht die Rede ist. Dagegeil schloß sich dieser sranzösischetl Erzählung ausschließlich ein anderer Deutscher, G. K. Pfeffel, an, der ilt seiner gereimten Erzählung „Alfons und Rahel" eine Art frölllutelndes Bänkelsängerlted hervorbrachte. EUILLETON Solomon Iehudos Sohn. Bon Wilhelm ^estergaard. Dem Dänischen ltacherzählt von Emil Jonas. 9lntovifivte Uebersetznng. U. ein Knabe ist todt," sagten die Lettte in der Gasse. „Er ist bei Gott." . . . Aber er schüttelte noch heftiger das Haupt, als ob es ihur unmöglich sei, zu glauben, was sie sagten. Als vierzehn Tage vergangetl tvaren - und es war unmittelbar vor dem heiligen Pafsahsest — war 311 einer frühen Morgenstunde ein Brief in die Thürspalte inSalolllonJehudas Haus gesteckt worden. Wer kontlte daran gedacht haben, alt ihn in dieser Zeit zu schreiben, toettn Alle von den Borbereitnngen 311m Feste in Allspruch genommen waren'? Selbst in dent ärmsten Hans im Ghetto lvar man beschäftigt, das Passahlnahl zu bereiten. Aber als Salomou Jehuda sich hinabbeugte utld den Brief an sich nahm, zitterte sein ganzer Körper. Der Brief war von