Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1900)
- Date
- 1900-01-12
- Page
- Seite 22 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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iJ2 hat. Die Auswahl, die sie getroffen, die Aueiuanderreihnug der Gedankeuperlen zeigt, daß sie gar lvohl lveiß,^ was der deutschen Volksseele dringend noth thut und wie sie stetig, aber allmälig zum Verständnisse des Denkers erzogen werden muß. Sie hat ihrer Blumenlese ein Vorwort vorangeschickt, fürwahr ein köstliches Vorwort. Es ist ein Prächtiges Gewebe von Würde und Anmuth. von Ernst und Grazie und verräth, daß sie die hochfinnigen und tiefsinnigen „Pirke' aboth" sich au geeignet hat. Wie schön und ergreifend sagt sie doch: „Gerade vor einem Jahrzehnt begann ich die Sichtung der längst gesammelten Gedankenperlen. Vorerst ohne weitere Absicht, als um durch Niederschrift der Fülle des Geistes und der Schönheit der Form, ja zumeist um der Innigkeit des Gemüthes deutlicher und dauernder froh zu werden! Bald aber fragte ich mich, ob ich auch den Schatz für mich allein behalten dürfe? Zwar sind Lazarus' Werke Allen zugänglich und könnten die Hausbibliothek jedes Gebildeten schmücken, — aber „der Tag ist kurz, der Arbeit viel, und die Arbeiter find trüge." Nicht Alle haben Muße, sich in größere Bücher zu versenken; sollten ihnen deshalb die darin anfgespeicherten Offenbarungen einer geläuterten und läuternden Weltanschauung fern und fremd bleiben? - Ich sage nein und uüdme dieses Buch der Oeffentlichkeit." Willst du wissen, was sich ziemt, so frage nur bei edlen Frauen an. Frau Nahida Ruth Lazarus hat sich darauf beschränkt, Sprüche von Lazarus herauszugeben, — Sprüche eines Mannes, der iu seltenem Maße weise und gut ist, der sein ganzes Sein, »sein ganzes Wesen zu einem Kunstwerke ausgestaltet, an der Ausbildung und Vervollkommnung aller seiner Geistesgaben unermüdlich gearbeitet, sie in ein harmonisches Verhältnis; zu einander gesetzt hat, keinen Widerspruch zwischen Denken und äußerlichem Leben aufkommen ließ, der mit einem Worte die Verkörperung der griechischen Sophrosyue bildet. Diesen Mann hat sie durch ihr Buch dem Volke gegeben; sie hat mit demselben ein Volksbuch geschaffen, „das sowohl in der Handwerkerstube wie im Frauengemach, in der Volksbibliothek wie im Kaufmanns- oder Künstlerverein, gelesen und — verstanden ivird". Eine Dame, ivelche mir als Revanche für meine Festschrift über Lazarus die Lazarus-Sprüche verehrte, hatte vollkommen Recht, als sie das mir gewidmete Geschenk mit dem Antograph schmückte: Nimm hier die Lazarus-Sprüche in Treuen, Doch laß sie nicht leihweise laufen! „Sollen nicht Andere sich ihrer erfreuen?" Gewiß, doch bitte! sie sollen sie kaufen! Die Jüdin von Toledo. Von Professor Dr. Ludwig Geiger. J. f er Stoff zu den epischeu und dramatischen Dichtungen, ivelche die Geschichte von der „Jüdin von Toledo" behandeln, knüpft an eine zu Ende des 13. Jahrhunderts erschienene spanische Chronik an. die von dem König Alfonso VIII., dem Edlen, geboren 1155, gestorben 1214, Folgendes zu melden weiß: M p Für das Folgende vergleiche besonders die Studie von Wolfgang Wnrzbach in dem 9. Jahrgange des Jahrbuches der Grillparzer- „Der jungvermählte König Alfonso verliebte sich in eine Jüdin namens Ferinoja, schloß sich mit ihr durch fast sieben Jahre ein und vergaß während dieser Zeit sein Reich, die Regierung und seine Gattin vollständig. Die duldsamen Granden, die lange ruhig zugesehen hatten, rafften sich endlich auf, um diesem schmachvollen Zustand eilt Ende zu machen und beschlossen, die Jüdin zu tödten. Sie drangen iu das Schloß, iit welchem Alfonso mit Fermosa lebte, unb während die Einen den Költig fern hielten, ermordeten die Anderen seine Geliebte." Jnlvieweit der Stoff historisch ist oder nicht, ist nicht genau festznstelletl. Hier genüge soviel, daß er mehrfach für eine Fabel erklärt wurde, in der aber wohl eine historischer Kern enthaltet! ist. Er reizte oft zur poetischen Bearbeitung. Der Erste, der sich daran machte, war Lorenzo de Sepulveda, 1551, der eine Romanze davon sang. Er schloß sich völlig an die Sage an und nahm ans dieser auch den unglaublichen, wenn blos durch sinnliche Leidenschaft motivirten Ztlg auf, daß jene heftige und langdatternde Liebesverirrung wenige Mottate nach der geschlossenen Ehe eintrat. Der Schluß der Romanze, die Erscheinung eines Engels, der dem König dann sein Vergehen vorhielt, ihn von dein durch ihn begangenen Unrecht überzeugte und zur Umkehr bewog, wurde von dem Geschichtsschreiber Mariana wenig später weiter ausgeführt. Aus eigener Erfindung oder nach anderer Sage fügte dieser Erzähler hinzu, daß der König für sein Bergehen durch dell Tod seines Sohnes und durch Niederlagen, die ihm die Feinde beibrachten, gestraft wurde. Einen Schritt weiter machte die Poetische Behandlung des Stoffes durch Lope de Bega. Dieser sprach zweimal von ihm: iu einem Epos „Das eroberte Jerusalem" tlnd in einen! Schauspiel „Die Versöhnung der Majestäten" oder „Die Jüdin von Toledo" (letzteres zuerst gedruckt 1616.». Der große spanische Dichter schilderte das Zusammenleben des Königs mit der Jüdin gar nicht, sondern nur das Finden und Verlierett des Liebespaares. Das Finden geschieht, da der König das Mädchen in einen! Bache baden sieht. Ein heftiges Verlangen ergreift ihn, nachdent er eben noch seiner Gentahlin stürmisch gehuldigt hatte. Er läßt das Mädchen durch einen seiner Getreuen zu sich bringen. Dieses läßt sich willig 31t dem Könige geleiten, da auch sie ihn mit Wohlgefallen gesehen hatte. Das Verlieren, freilich kein freiwilliges, sondern ein gezwungenes, nämlich der gegen das Mädchen geübte Racheakt, geht von der Königin Leonore aus, die nicht so kalt ist, wie Rahel, die Jüdin, meint. Sie hat die Großen zu sich entboten und faßt mit ihnen den verhängnißvollen Beschluß, das Mädchen zu tödten. Die beider! Liebenden sind mit Angeln beschäftigt und bestiuunen das, was sie angeln, gegenseitig für einander: Das Mädchen bringt einen Oelzweig, der König einen Todtenkopf. So ivird das gegenseitige Geschick symbolisch angedeutet. Das Verhängniß vollzieht sich bald. Rahel wird, nachdem der König ans kurze Zeit von ihr gelockt worden, getödtet und stirbt mit dem Bekenntniß, daß sie an Christus glaube. Manchen Beurtheilern will dieser Schluß seltsain erscheinen nach der glaubenstrenen Auffassung der Spanier ist er verständlich genug: ihnen mußte die Verbindung eines Königs Gesellschaft, Wien 1899, S. 86—127, und die dort angeführte Litteratur. Vrgl. ferner Rudolf Fürst, Stoffgeschichte zur „Jüdin von Toledo", Nene Freie Presse, 19. Juni 1896, A. Sauers Einleitung zur 5. Ausgabe von Grillparzers Schriften.