Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1900)
- Date
- 1900-01-12
- Page
- Seite 20 (sequence 10)
- Language
- German
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t v 20 aber ist es zu entschuldigen: denn, auch als Derttfche fvllett sie sich fühlen und stolz sein auf ihr Deutschthnul. wie der Herr Verfasser des Aussatzes in Nr. 47 mit Recht behauptet. Daß aber der Herr Verfasser auch mal einen guten Witz zu machen versteht, zeigt feine Bemerkung über die Ausflüge am Jam Kippur. Der Herr Verfasser weiß natürlich alS Jude, daß der Jom Kippur stets in die Monate September und Oktober fällt, ititb zwar jtie nach dem 10. Oktober, d. h. daß der Feiertag immer in die großen akademischen Ferien fällt. Wie da eine ganze Verbindung, deren Mitglieder in beu verschiedensten Gegenden weilen, einen Ausflug unternimmt, ist eine schwierige Sache; aber wir leben im Zeitalter des Verkehrs, und da wird Manches, was früher ganz unmöglich war, möglich gemacht. Dagegen bin ich .mit den Ausführungen über die famosen Prozentjudenvereilie vollkommen einverstanden. Desgleichen halte ich es im Interesse des jüdischen Selbstbewußtseins für bedauerlich, daß jüdische Alte Herren in ihren Verbindungen, die offen oder versteckt antisemitische Tendenzen verfolgen, ineiter verkehren. Hier könnte der Hebel angeseht werden, der zunehmenden antisemitischen Berseuchnng einen Damm entgegen zu setzen. Es giebt heutzutage sehr viele Verbindungen, deren Mitglieder durchaus keine Antisemiten sind, die sich aber so sehr von der herrschenden Zeitströmuug haben beeinflussen lassen, daß sie keine Inden aufnehmen, ohne einen offiziellen dahingehenden Beschluß gefaßt zu haben. Würden diese vor die Alternative gestellt entweder ihre jüdischen Alten Herren zu verlieren oder, auch jüdischen Kommilitonen den Eintritt in ihre Reihen zu gewähret!, so bin ich überzeugt, daß Einzelne lieber die Rücksicht auf andere „christliche" Verbindungen fallen ließen, als daß sie es zu einem Bruch mit einem Theile ihrer Alten Herren kommeil lassen würden (zumal sie von^diesen in finanzieller Hinsicht sehr abhängig sind). Der jüdische Student aber, der noch mit wahrer Liebe an seinem Judenthum hängt, mag er nun einer Verbindung allgehören oder nicht, hat in der heutigen Zeit die Pflicht, dem nichtjüdischen Studenten, mit dem er in mancher Beziehung znsammen konlmt, durch sein ganzes Verhalten zu zeigen, daß er als Jude nicht ein Mensch zweiten Ranges ist, sondern auf derselben Stufe der Bildung ilnd Gesittung steht wie sein andersgläubiger Kommilitone, daß auch er nicht nur ein guter Jude, sondern zugleich ein guter Deutscher sein kann. Und wir lvotten Hoffell, daß die Zeit kommt, wo mall über die Engherzigkeit und Ullduldsamkeit der Studelltellschast um die Wende des 19. Jahrhunderts den Kopf schüttelt, so wie man es heute nicht begreifen fanii, daß noch in den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts Norddeutsche in einzelnen süddeutschen Verbindungen keine Aufllahille fanden, eben weit sie Norddeutsche woren. Brief aus Italien. J. Rom, den 1. Januar. ie hiesige jüdische Gemeinde hat noch vor Schluß des alten Jahres einen außerordentlich schweren Verlust erlitten; Mittwoch den 27. Dezember wurde ihr Rabbiner Dr. Moses Levi Ehren reich von einem Schlaganfall betroffell ulld oerschied nach wenigen Minutell. Es ist richtig, daß Rabbiner Ehrenreich - der 82jährige - seit mehreren Jahren nicht mehr anltirte, aber ebenso wahr ist es, daß sein Einfluß, sein Rath und seine Persönlichkeit noch immer eine große Wirkung auf die Gemeinde ausübten, daß er namentlich, da lloch kein Nachfolger an seine Stelle getreten ist, noch immer das Rabbinat der Römischen Gemeinde repräsentirte. Wer beu Verstorbenen kannte, wird auch zugeben, daß er ein sehr würdiger Inhaber dieses ältefteu europäischen Rabbinats gewesen ist. Mit tiefen Talmudkenntnissen, einer gründlichen jüdisch-wissenschaftlichen und lllnfassellden klassischen Bildung ausgestattet, war er ein aufrichtig religiöser Mann, der mit lvürdevolleln Erllst und regem Eifer seilles heiligen Amtes waltete. Welch wohlthuenden Gegensatz bildete der Anblick lmd die Persönlichkeit dieses ehrwürdigen Greises zu vielen der eillgeborenen italienischen Rabbiner, vor allenl zu der großen Zahl Derer, die in Roni diesen Titel usurpiren. In den Jahren seiner Frische und Kraft entfaltete er eine zwar stille, aber hingebungsvolle und segensreiche Wirksamkeit; noch im vorgerückten Alter arbeitete er in dem schwierigen und dornenvollen Amte in Rom energisch an der moralischen und kulturellen Hebung der jüdischen Bevölkerung. In der That hatte der Verewigte infolge seiner außerordentlichen Anstrengungen auch viele Erfolge erreicht, allein für die Dauer reichten doch die Kräfte des Greises für die aufreibenden Pflichten seines Berufes nicht mehr aus. Besonders, als er vor einigen Jahren einen Schlaganfall erlitten hatte, mußte er auf jegliche weitere Thätigkeit verzichten und lebte nun zurückgezogen mit seiner greisen Gattin, die if)nt eine aufopfernde Gefährtin und Pflegerin war, ein Leben ungetrübter Harmonie und Ruhe. Moses Ehrenreich wurde 1818 in Brodh geboren. Seine Erziehung war, wie es iit jener Zeit und diesem Lande natürlich ist, darauf gerichtet, ihn mit gründlichen Talmudkenntnissen anszustatten, ließ ihn aber gleichzeitig an den Früchten der Ansklärungsarbeit eines Isaak Erter, eines Schorr theiluehmen. So wurde Ehrenreich schon früh in das Stndiunl des klassischen Alterthums und der Musik eingeführt, Studien, denen er sich bis ins hohe Alter noch gern widmete. Im Besitze des Reifezeugnisses vom Gymnasium seiner Heimalhsstadt, folgte er dem Reiz, den der klangvolle Name Samuel David Luzzattvs ans die fittbirenbe Jugend ausübte, und begab sich an das wenige Jahre vorher begründete Collegio Rabbinico Italiano in Padua, wo er am 10. Mai 1845 die laurea rabbinica erhielt. Zunächst bekleidete er den Posten eines Oberlehrers in Görz, hier juchte er im eifrigen Verkehr mit Jsaac Reggio fein Wissen zu vertiefen, befestigte auch das Band der Freundschaft mit diesem Gelehrten durch die Heirath seiner Tochter Helene. Nach einem vorübergehenden Aufenthalt in Triest wurde er Rabbiner in Modena und 1861 in Casale (Piemont), 1871 Hauslehrer derFamilien Guastalla und Malvano in Turin. 1882 berief ihn die Römische Gemeinde zum Direktor des Talmud-Thora-Jnstituts und vertraute ihm auch kurz darauf das Amt eines Rabbino maggiore derHauptstadt an. Seine guten Erfolge im Unterricht und seine kraftvolle Handhabung desselben gaben mit den Anstoß zur Neubelebung des Collegio Rabbinico Italiano, das 1887 unter seiner Leitung in Rom eröffnet wurde und an dem er dann noch eine Reihe von Jahren wirkte. Leider gestatteten sein hohes Alter und die Schwierigkeiten der Verhältnisse es dem Verewigten nicht, eine Wirksamkeit zu entfalten, wie er sie im Interesse des italienischen Rabbinerstandes und zum Heile des Judenthmns gewünscht hätte. Vor etwa fünf Jahren, nach seinem fünfzigjährigen Rabbiner-Jubiläunl, trat Dr. Ehrenreich vollständig von seinen Aemtern zurück und lebte unter Verzicht auf