Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1900)
- Date
- 1900-01-12
- Page
- Seite 19 (sequence 9)
- Language
- German
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19 wahnumnachtete französische Volk. Sie fand die edelste Sprache als Ausdruck für die edlen Gedanke::, von denen sie iuspirirt rvar. Gleich jenem prophetischen Rus aus der Höhe ertönte ihr Mahnwort vor Eintritt unseres Säknlums: „O Nationen, seit achtzehn Jahrhunderten »verden die traurigen Reste Israels von euch niedergedrückt, die göttliche Rache ließ zwar ihre Strenge fühlen, aber seid ihr beordert von ihr, die Vollzieher derselben zu sein? Die Wuth'eurer Väter hat diese trostlose Heerde zu ihrem Opfer gewählt; wie werden aber nun die feigen Lämmerdie dem Blutbade entkommen, sich in eure Arme warfen, von euch behandelt? Ist es genug, ihnen das Leben nicht zu nehmen, wenn marr sie Desjenigen beraubt, was ihnen das Leben erträglich machen kanll? Soll denn euer Haß gegen dieselben auf eure Nachkommen sortgepflanzt werden? O, richtet doch diese Nation nlir nach der Zukunft, oder, wenri ihr die ehemaligen Fehler der Inden sowie ihre jetzige Verderbtheit von Neuem in Anspruch nehmen lvollt, so möge es blos in der Absicht geschehen, um euer eigenes Werk zu verwünschen. Ihr, die ihr Schöpfer ihrer Laster seid, lverdet nun die Schöpfer ihrer Tilgenden! Entledigt euch so eurer und eurer Vorfahren Schuld! Ein nelies Jahrhundert beginnt nun; o daß der Anfang desselben sich mit den Palmen der Humanität schmücken möge, damit ihr im Voraus den Beifall der Nachwelt zu dieser Herzensvereinigling erwarten köllliet. Die Juden sind nicht minder Glieder der großen Familienkette, welche das brüderliche Balld mu alle Völker schlingt; der majestätische Fittig der Vorsehung ist über ihnen ebensowohl als über euch ausgebreitet. Kinder eines Vaters, entfernt voll euch jeden Vorlvaud zur Verabscheuuilg eurer Bruder, lvelche einst tu demselben Schooße mit euch vereinigt werden sollen; öffnet ihnen Asyle, tvo sie ruhig das Haupt niederlegen und ihre Thrüilen trocknen können, so daß endlich der Jttde, dem Christen seilte Gegenliebe beloilligend. in mir seinen Mitbürger und seinen Freund umarme!" Wir stehen an der Neige des 19. Jahrhunderts. Wieder findet eine sittlich entartete Fraktion ihren Gefallen daran, die Bekenner des Einen-Einzigen, der mit gleicher Liebe alle Menschenkinder umfaßt, zur Zielscheibe ihrer bestialischen Bosheit zir machen; ihr gegenüber ist die edle Entrüstung Grögvires am Platze. In edler Ausivallnug hat bereits Kaiser Franz Joseph seiner Elnpörung Ausdruck gegeben über das brutale Treiben der Antisemiten, welche, wie Kaiser Friedrich sie bezeichnete, eine Schmach des Jahrhunderts bilden. Möge hinter der Pforte des Jahrhunderts, das nun zu Ende gegängelt, jede gegen uns ungerechtfertigt imt> unberechtigt sich erhebende Lästerzunge und jeder Mund sich schließen, der sich aufthut zürn Hasse und zur Verleumdung gegett uns. Aus dem Studenten leben. Von K u r t W o l f f. it großetn Interesse habe ich die beiden Aufsätze gelesen, die Ihre Zeitschrift über die Stellung des jüdischeti Studenterr ans beu Universitäten brachte. Während der erste in einer Berherrlichnng des K. C. gipfelt, spendet der zweite der Vereinigung jüdischer Studenten ungleich größeres Lob. Beide stellen sich jedoch auf den Standpurrkt einer unbedingter: konfessionellen Abschließnug. Dagegen werdet: die Verbindungen, die sich nicht selbst jüdische uerrnerl, — es aber im Munde der Anderen sirrd —, von den: Herrn Verfasser desMufsatzes irr Nr. 51 in Acht mib Bann gethan. Zu dieser: Verbinduuger: gehören u. a. die Freie.Wissenschaftliche Bereinigung, die wissenschaftlich-oder akademisch-geselligen Verbindungen, der Sozialwissenschaftliche Studentenverein, also studentische Vereirügungen, die, wie es schor: der Name sagt, allster der strldeutischeu Geselligkeit mehr oder minder der Wissenschaft bei sich einen Platz gönnen. Der Herr Verfasser tadelt zunächst an ihnen, daß sie in ihrer Mitte Christen haben. Gehört nicht ir: der heutigen Zeit für einen Christen moralischer Muth dazu, in eine enge Verbindung nüt jüdischen Kommilitonen zu trete::, während ihm als Christel: die Pforten jeder anderen Verbindung, sei es Korps, Burschenschaft, Latldsmannschast. Turuerschast u. s. w. offen stehen und er sich da für feine spätere Laufbahn Protektion t:nd Konnexion verschaffet: kann? Und einen solchen Christel:, den vielleicht die Liebe zu eilten: jüdischen Freunde zun: Eintritt in eine quasi jüdische Verbindung bewöget: hat, den bezeichnet der Herr Verfasser mit dem geschmackvolle:: Worte „Renonnniergoj"! Daß diese Verbitrdungen, die ja nach .des Herrr: Verfassers Worten fast ausschließlich aus Judet: bestehet:, nichts von: Judenlhum wissen wollen, ist eine Behauptung, derer: Beweis Niemand zu erbringen vermag. Kann man derm sein Judenthutn der Mittvelt rächt ailders zu erkernren geben, als daß man sich mit Mütze und Baud schttrückt und bei jeder passenden Gelegetrheit feine uichtjüdischeu Kommilitonen provozirt? Hat rächt der K. C., der den christlicher: Verbindutlgeu den Vorwtrrf rrracht, feine Juden aufzuuehmen, gerade diesen Vorrvurf der Unduldsarnkeit Andersgläubigen gegenüber selbst verdierrt, indem er Christel: aus seinen Reihen ausschließt? Und hat der K. C. wirklich das erreicht, was er erstrebt? Die Zahl der Verbindurlgen, die den lv.C. in den „Waffeuverruf stecken", wird mit jeden: Sernester größer; ja, in einer süddeutschen Universitätsstadt ist es sogar sotveit gekorrrrrten, daß keine einzige schlagende Verbindung der dortiger: jüdischen Satisfaktion giebt, so daß sie ihren: Hauptprirrzip, mit der: Waffen in der Hand, Jede::, der sie ihres Judenthurns rvegeu beleidigt, zur Recherrschaft zu zieher:, in Wirklichkeit keine Geltung verschaffen kann. Arrch hat das ^iachäffen des Korpsstudetitenthurtts beut K. C. mehr geschadet als genutzt nnb den Anlaß gegeben, von Protzenverbindungen und Aehulicheru zu reden. Doch will ich gern zugeben, daß der K. C. das Selbstbewußtseiu der jüdischen Strtderltet: gehoben hat, iudern er zeigte, daß sie, rrur aus sich arrgerviesen, ebenso gut studentische Fröhlichkeit und studetäisches Wesen pflegen körrner: wie ihre ar:derSglänbigen Kouurälitoneu. Ob bei diesen schlagertden jüdischen Verbindungen Geschichte und Litteratur des jüdischer: Volks eben so sehr eine Stätte sirrder: wie Fechten und Pauken, will ich dahittgestellt sein lassen; ich glaube aber, daß der akademische Bereit: für jüdische Geschichte und Litteratur auf diesen: Gebiet urlgleich größere Erfolge erzielt hat. Nach dieser fleinen Abschweifung komme ich auf eilten zweiten Vorwurf, der den quasi jüdischen Verbindurlget: gentacht ist: sie suchet: ihre christlich-deutsche Gesinnung in Weihuachtskneipeu zu bethätigen. Wer nur eittigerntaßen mit studentischen Sitten und Gebräuchen bekannt ist, wird wissen, daß in der: Verbindungen jedestnal vor den Ferier: eine Schlußkneipe stattfindet, also auch vor den Weihuachtsserien. uild daß diese Krteipe den Namen Weihuachtskneipe führt. Daß einzelne quasi jüdische Verbindungen ihren ir: der bedeutenden Minderzahl befindlichen nichtjüdische:: Bnudesbrüdern zuliebe eine:: Weihuachtsbaum aufpflauzen, mag vorkourmeu. Vor: meinen: Standpunkte aus kann ich etwas Derartiges nicht billigere Wohl