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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-01-12 · Heft 2 (12.1.1900) · p. Seite 18

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 2 (12.1.1900)
Date
1900-01-12
Page
Seite 18 (sequence 8)
Language
German
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18 wurden. Es waren bestraft: rvegen Diebstahls 29, Unterschlagung 18, Betrugs 15, Hehlerei 1, Urkundenfälschung 8, Meineids 1, Kuppelei 2, Abtreibung 1, Verbrechen gegen die Sittlichkeit 1, Körperverletzung 3. wissentlich falscher Beschuldigung 1, Führung falschen Namens^ 2. groben Unfugs 1, Bettelns 6, Arbeitsscheu 6. Von den 4 Freigesprochenen waren augeklagt tvegen Diebstahls 2. Abtreibulig 1. Arbeitsscheu 1. Vorbestraft waren 55, und zwar: 1 Mal 19. 2 Mal 13, 3 Mal 6, 4 Mal 5.5 Mal 4. 6 Mal 1. 7 Mal 1. 8 Mal 2, 9 Mal 2,12 Mal 1,16 Mal 1. 17 pCt. waren schon früher in Pflege der Kommission gewesen und von diesen 3 bereits zweimal; von denselben waren 17 das erste Mal und 15 nach der Fürsorge bestraft. Von den 6 Familien Jnhastirter welche der Konlmissivn im Berichtsjahre überwiesen wurden, hat eine die Fürsorge abgelehnt. Drei wurden mit Geld unterstützt; eine Ehefrau wurde in einem Wöchnerinnenheim untergebracbt, eine erhielt außer einer Geidunterstütznng eine Nähmaschine, auch wurde ihr Arbeit verschafft. Interessant ist es, daß voll den 93 der Kommission überwiesenen Straf- und Ulltersllchnilgsgefallgenell nur 6 sich nicht gemeldet und nur 2 die Fürsorge abgelehnt haben. Und nun die Thätigkeit der Kollimissioll selbst. Es mürben 20 nach außerhalb zu ihren Angehörigen oder an auswärtige Arbeitsstellen befördert, 21 erhielten Schlafstellen, Speisenlarkell.Kleidnllg.Halldwerkszeng, Geldunterstütznng. 2 wurden in vollständige Pellsion gegebell, 8 erhielten nur eine Geldunterstützung, 1 erhielt ein Darlebn vom Vorschnßverein unter Bürgschaft der Kommission, 1 erhielt durch Vermittelung der Kommission Ullterstl'itzling von der Stadt, ein österreichischer Kallfinaull erhielt durch Vermittellrng der Komlllission von feinem früheren Chef 100 Mark, durch die es ihm ernlöglicht wurde, eine Stellung in Wien allzlniehnien, die er lioch inne hat. Voll beit verbleibenden 29 wurde einem der im Gesängniß das Strickell erlernt hatte, eine Stricknlaschine angeschafft, 20 erhielteil Beschäftigung dllrch die Kommission, 8 dllrch eigene Beniühnngen nach diesseitiger Unterstützung. Und zwar erhielteil Beschäftignllg: ehemalige kaufmännische Angestellte wieder als solche, eiil Handlnngslehrling wieder als solcher, einer als Zllschneider, ehemalige Kommis als Arbeiter, früherer Buchhalter als Jnseratenaeqnisitellr, ehemaliger Handelsmann als Anstreicher, ein Pferdehändler als Kutscher, ein Dolmetscher als Sprachlehrer, ehemaliger Artist wieder als solcher. Arbeiter als Anstreicher. Maler wieder als solche, ehemaliger Kellner. Buchdrucker. Cigarettenmacher. Sattler als Bauarbeiter, ehemaliger Kürschner, Hausdiener, Schneider, Tapezierlehrling als Arbeiter, Bäcker und Schneider wieder als solche. Von den 93 Stras- und Untersuchnngsgesangenen erhielten 7 Speisemarken, 36 Schlafstellen und Speisemarken, und zwar für zusammen 462 Tage, so daß ans den Pflegling durchschnittlich 12—13 Tage entfallen. 2 Pfleglinge erhielten volle Pension, 2 Geld zur Miethe. 25 wurden durch Kleidungsstücke und Anschaffung von Handwerkszeug unterstützt, 7 erhielten Darlehen im Betrage von 5—30 Mark, 16 Geldnuterstützungen im Betrage von 50 Pfennig bis 20 Mark. Hervorznheben sind ans dem wahrhast instruktiven Berichte folgende Fälle: Ein Kommis wurde durch Gewährung eines kleinen Darlehens in den Stand gesetzt, eine Stellung anznnehmen. Er hat das Darlehn demnächst zurückgezahlt. Einem Kaufmannslehrling wurde eine neue Lehrstelle beschafft, in derer sich seit Mai 1898 zur vollen Zufriedenheit seines Prinzipals befindet. Ein anderer ehemaliger Kanfmannslehrling erlernte aus Kosten der Kommission auf einer Schneiderakademie das Zuschneiden und ernährt sich jetzt als Zuschneider. Ein ehemaliger Tapezierlehrling, den seine Eltern nicht wieder ansnehmen wollten, wurde mit diesen ansaesöhnt. Es wurde ihm eine neue Lehrstelle verschafft. Ein früherer Buchdrucker, der bereits sechs Mal bestraft ist, erhielt Beschäftigung als Bauarbeiter. Er ist seit einem Jahre als solcher thätig und hat sich bisher tadellos geführt, so daß ihm eine kleine Geldprämie bewilligt wurde. Und nun der dunkelste Punkt, der aber doch nicht unerwähnt bleiben darf: Von den zwei der Kommission überwiesenen Prostitnirten hat sich die eine nicht gemeldet. Die an.dere wurde in einer Familie nntergebracht, in der sie unter steter Aussicht stand. Beschäftigt wurde sie gleichfalls zu Hanse für eine Putzfedersabrik. Sie verließ jedoch nach einigen Wochen heimlich die Pension unb wurde rückfällig, so daß ein Erfolg hier leider nicht.zu verzeichnen ist. Bei dem einen im Berichtsjahre zugewiesenen verwahrlosten Knaben war die Fürsorge gleichfalls ohne Ergebnis;. Dagegen ist dieselbe bei den von früher her in Pflege der Kommission befindlichen 3 Kindern von gutem Erfolge. Von denselben sind zwei in Gemeinschaft mit der Waisenkommission außerhalb bei jüdischen Lehrern untergebracht, während das dritte sich in der Israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem befindet. lieber alle Drei lauten die Berichte günstig. Vergleicht man mit diesen Erfolgen die für ein solches Werk geringen Mittel, über die die Kommission zu verfügen hatte (6433.92 Mark an Einnahmen und 5977,92 Mark au Ausgaben), so muß man. was ein wahrhaft praktischer Blick, eifrige Fürsorge und ein mehr als gewöhnliches Interesse für die sozialen Mißstände auf diesen! traurigen und leider nur zu lange vernachlässigten Gebiete geleistet haben, mit voller Anerkennung als eine Errungenschaft des modernen Lebens begrüßen. Dieser Bericht ist eine der werthvollsten Publikationen unserer Gemeinde; er leuchtet mit der Fackel unerbittlicher Wahrheitsliebe in die dunklet! Niederungen unseres sozialen Lebens; er spricht in seiner knappen Zahlensprache eindringlicher und beredter als ganze Bände von Moralstatistik und Sozialethik zu unserem Gewissen, und seine Sprache wird überall verstanden werden. Reflexionen. mi: bP« 'ie der Weltschöpfuug das Chaos vorausgiug, so hat die Konstruktion neuer Existenzobjekte die Zersetzung bestehender zur Voraussetzung. Man kann daher annehmen, daß es nur Anzeichen herannahender neuer Erscheinungen sind, lvenn im Bereiche so vieler Zustände ein wirres Durcheinander vor unseren Augen sich zeigt. Was im ersten Augenblick als eine Zerklüftung sich darstellt, ist thatsächlich eine Durchfurchung des Gesellschaftsackers, zur Aufnahmsfühigkeit frischer Aussaat bestimmt, die das Kennen, Wachsen, Blühen und Gedeihell neuer Produkte zum Zwecke hat. Es ist das der chemische Prozeß, welcher wie in der physischen, auch in der sittlichen Welt seine Geltung hat. Zersetzen und Amalgamiren, Lösen und Binden, Trennen und Knüpfen sind die sich ablösenden Funktionen in der Werkstätte der sichtbaren Natur ivie in den Arbeitshallen sich vorbereitender Ereignisse. Zur vollen Anschauung gelangte dies Ende des vorigen Jahrhunderts. Die höchsten Menschheitsideale, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit traten in die Wirklichkeit, nachdem die Revolution die bestehende gesellschaftliche Ordnung über den Hansen geworfen hatte; eine Verwilderung der Sitten bahnte der Civilisatwn den Weg. — Auch das Martyriuur der Juden in Frankreich hatte eine solche Prädestination; die Zuchtlosigkeit und Verschwendungssucht, welche in den dortigen herrschenden Kreisen ihre Orgien feierten, hatten Land und Thron bis an beti finanziellen Abgrund gebracht. Wie so oft im Laufe der geschichtlichen Evolution in ähnlichen Situationen richteten sich die neidischen und mißgünstigen Blicke ans unsere Glaubensgenossen, die durch unverdrossen emsige Thätigkeit, nüchterne Lebensweise und sparsamen Sinn zu Reichthmn und Besitz gelangten. Da man suchte, fand malt auch Gelegenheit, sie unter allerhand Vorwänden ans ihrer Ruhe aufzuscheuchen. Wie der Erzvater Jakob, so mußten sie oft zum Wanderstabe greifen. Und war das nicht der Fall, so wurde ihnen das Leben anderweitig sauer gemacht. Mitten in dieser schwer zu ertragenden Misere erhob sich für sie eine Stimme, die wie ein Posaunenschall erklang. Henri Gregoire, Bischof von Blois, ein Jesuitenzögling, nahm für sie das Wort. Seine Schrift „Essai sur la generation pliysique, morale et politique des jnifs“ erhielt von der Akademie zu Metz den Preis itub wirkte wie ein erhellender Blitz ans das

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