Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1900)
- Date
- 1900-01-12
- Page
- Seite 17 (sequence 7)
- Language
- German
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17 Umständen nimmt die Emigration immer mehr zu, besonders aus Jassy, Verlad und Bukarest wandern die Juden zu Hunderten aus. Schätzt man schon die jüdische Auswanderung im Jahre 1899 auf 3000 bis 4000 Seelen, so ist gar kein Zweifel daran-, das; im kommenden Jahre die Zahl noch viel, viel größer luecben wird. Von mancher Seite setzt man große Hoffnungen auf angebliche Versprechungeil der türkischen Regierung, die rumänischen Inden an der neuen Bahnstrecke in Anatolien ansiedeln zu wollen, doch steht leider nach früheren Beispielen zu befürchten, daß diese Hoffnungen in Rauch aufgehen werdell, sobald es Ernst wird. Sicher trügerisch sind anch die Hoffnungen, welche Optimisten der unverbesserlichsten Art noch auf das Cypernprojekt setzen. So wird denn wohl Amerika das Ziel auch dieser Emigration wieder werden müssen, und die rllttlänischen Juden werden die Ghettos voll New-Iork und Chikago rc. vergrößern. Selbst in dieser Zeit der allgemeinen Noth giebt man den Inden dort keine Ruhe, sonderll jagt die arnren jüdischen Hausirer und Kleinkrämer aus den Dörfern der Moldau, wo sie eine kümmerliche Existenz finden. — Der einzige Lichtblick in all dem Elend bleibt die Thatsache, daß Dank der Hilfe der Jewish Colonisalion Associalion die Zahl der^jüdischeu Schulen vergrößert werdeil konnte. Insbesondere die Gründung der Handelsschulen in Crajowa, Focsani, Jassy und Bukarest ist als ein großer Fortschritt 31t betrachten. <Sr* Irr Bulgarien hat plötzlich der Antisemitismus eine fast drohende Gestalt angenommen. Ein weitverbreitetes Blatt „Otzir" (die Fahne), das in Sofia erscheint, druckt täglich gegen die Juden antisemitische Artikel ab. Die Verleumdung wegen Nitualmord, die Moral des Talmud, der nach antisemitischer Art ausgelegt wird, Geschichte und Religion der Juden geben für die tägliche Polenrik derr Stoff. Während bisher der Antisemitismus Sache der Opposition rvar, die der Regierung feindlich gegenübersteht, ist das Journal „Otzir" dasDrgan des Ministeriums. Auf Antrieb des „Otzir" hat sich kürzlich in Sofia eine antisemitische Vereinigung gebildet; große Anstrengungen wurden gemacht, um eine neue politische Partei zu konstituiren: die antisemitische. An dem Tage, wo der Zweck erreicht sein wird, wird der Antisemitismus denselben Charakter annehmen, wie in dem Nachbarlande — Rumänien. Man hat auch schon die Aufmerksamkeit der Regierung hierauf zu richten gesucht, aber es scheint, als ob der Minister nicht geneigt sei, die Geister zu beruhigen, jedenfalls ergreift er die nothwendigen Maßregeln nur sehr langsam. In Lom Palanka hat ein Gymnasiallehrer eine Broschüre veröffentlicht: „Die Affäre von Polna". Man hatte Konfiszirung der Schrift wegen der darin enthaltenen Verleumdungen verlangt, allein der Minister antwortete, daß das Gesetz ihm dies nicht gestatte. Auch die Prozesse wegen Blutbeschuldigung werdell in Bulgarien von Tag zu Tag zahlreicher. Die Klage erweist sich in jedem einzelnen Falle als hinfällig. Aber der einmal ausgestreute Same der Verlemndung fitibet leider in jenem Lande einen guten Boden bei der leichtgläubigen, ungebildeten und fanatisirten Bevölkerung. Inzwischen hat sich ailch ein Abwehrkomitee in Sofia gebildet, um beu Antisemitismus überall und in jeglicher Form zu bekärnpfelr. Möge es Erfolg haben. Sr* In Amerika hat wieder einmal ein Religionskongreß getagt. Wir haben schon wiederholt erklärt, daß wir unter den gegenwärtigen Verhältnissen von solchen Veranstaltungen nichts oder doch nur sehr wenig halten können. Der „Midcontinent Congress of Religions“ wurde vom 12.—15. v. M. im Tempel der Sinai-Gemeinde zu Chikago abgehalten. Pastoren, Rabbiner und Professoren haben begeisterte Reden gehalten; aber ein Resultat ist nach keiner Richtung hin erzielt, wenn inan nicht etwa die Resolution, in welcher das Zusainmenarbeiten lokaler Kongresse und Prediger-Konferenzen verschiedener Konfessionen gefordert wird, als ein solches anznsehen geneigt sein sollte. Aus drr Berliner Gemeinde. Berlin, 8. Januar. Jin wahrhaft erfreuliches Bild dessen, was »vir unter dem Schlagworte „Praktisches Jndenthnin" verstehen, bietet der eben ausgegebene Bericht der F i'i r s 0 rg e - K 0 11t missi 0 n unserer Gemeinde über das abgelanfcne Verwaltungsjahr. Unter allen Institutionen unseres Gemeindelebeus ist diese Abtheilnng der Armenkvnunission eine der jüngsten und deshalb wohl auch am Wenigsten bekannten. Es erscheint daher als eine pnblicistische Pflicht, die Leistungen dieser Fürsorge-Kommission nach voller Gebühr ans diesem Anlasse zu würdigen. Zum ersten Male wurde in diesem Jahre die Thätigkeit der Fürj sorge-Konluiission auf einen Plinkt ausgedehnt, den man bisher so gilt lvie gar nicht beachtet hat, so daß sie sich jetzt erstreckt ans die Fürsorge für eiltlassene Strafgefangene, für Familien von Strafgefangenen, für verwahrloste jugendliche Personen mit» für Prostitnirte. Der Umfang ihrer Thätigkeit hat sich also gegen das Vorjahr wesentlich verändert. Die Fürsorge snr verwahrloste jugendliche Personen und für Prostitnirte hat llicht unerhebliche Mehrkosten verursacht. Außerdem stellte sich die Speisllilg der Pfleglinge durch die (nunmehr lvieder aufgehobene) Einrichtllng einer befonbeveu Volksküche für die Pfleglinge der Armen-. Fürsorgeimb Dlirchreise-Konilllissioll theurer als in den Vorjahren, so daß die diesjährige Rechnung mit einem all sich geringell Mehrverbrauche von 782.77 Mk. abschließt. Die KonlNlissioll beftaub im Berichtsjahre ans 20 Atitgliederll, voll denen eines lvährend des Jahres allsgeschiedeil ist und 2 Pflegerinnen. Was nun ihre Thätigkeit allbelangt, so erstreckte sie sich auf 154 Parteien. Von denMitgliedern nndPftegerillnell untvbeu zllsamlnen 112Pflegschastell geführt. Sehr »nichtig ist der Bericht über die einzelne!» „Fälle". Es handelte sich in 93 Fällen um die Fürsorge für entlassene Straf- und Untersllchnllgsgefangene lllld bereit Falnilien, in 6 um die Fürsorge für die Familien voll Strafgefangeilen, in 2 um die Fürsorge für Prostitnirte uild in einem um die Fürsorge für eine verwahrloste jugendliche Person. Unter den 102 Parteien waren: 4 selbständige Kanflente. 36 Kauflellte in Stellung, 3 Kanfniannslehrlillge, 6 Handelsleute. 1 Restauratellr. 1 Versicherungsinspektor. 1 Versicherullgsagent, 1 Nabblnatskaildidat. 1 Lehrer, 1 Schriftsteller. 2 Dolmetscher, 1 Artist, 6 Arbeiter. 5 Schneider, 3 Kürschner. 2 Tapezierer, 1 Tapezicrlehrling, 2 Schriftsetzer, 2 Bäcker. 2 Lederarbeiter. 2 Hallsdiener, 1 Zlischneiderlehrling, 9 llnd zlvar je ein Sattlergeselle, Buchdrucker. Cigarrenmacher, Cigarettelllliacher. Cigarrensortirer, Strumpslvirker, Maler. Kellner, Optiker, 1 Masseuse. 1 Buchhalterin. 1 Strumpfwirkerin, 1 Dienstmädchen. 1 Cigarrenfabrikantill, 1 Verkällferin. 1 Kellnerin, 2 Prostitnirte. Wie man sieht, erstreckt sich also die Fürsorgethätigkeit ans alle Kreise. Berufe und Klasseil. Von beu 102 Pfleglingen waren hiernach 49 oder rund 50 pCt. Kanflente lind 35 oder vmib 36 pCt. Handlverker. Voll beu Pfleglingen waren 16 unter 20. keiner über 50 Jahre alt. Der Jüngste war 14. der Aelteste 47 Jahre alt. Diebeiden Prostituirten befaubeu sich im Alter von 17 Jahren. — Ullter den 102 waren 93 Männer uub 9 Frauen, 81 waren Deutsche, 21 Ausländer. Von den 81 Deutschen waren 27 alls Berlin gebürtig. Bei 44 Nicht-Berliilern foiuite, was ja für die Beurtheilnng sehr lvichtig ist, sestgestellt werdeil, wie lange sie sich bei ihrer Jnhastirung bereits in Berlill aushieltell, inld zwar hielteil sich ans: je 1 seit 37, 26, 24, 21, 20, 19, 17, 12, 9, 8. 4 Jahren, die Anderen nur kürzere Zeit. Eni besonders lvichtiger Punkt ift der der Delikte, lvegen welcher die Einzelnen bestraft waren. Ullter den 99 Gefangen eil befanden sich 95 'Strafgefangene und 4 Untersuchungsgefangene, lvelche freigesprochen