Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1900)
- Date
- 1900-01-12
- Page
- Seite 14 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228368--56076-3292351- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
14 der Rechtspflege die schärfste juristische Prüfung angenommen werden. Das; das geschehen ist und wird, ist für uns bei der Intaktheit des preußischeil llud deutschell Richterstandes außer allelll Zlveifel. Und wird danach der Graf Pückler (Klein Tschirue) endgiltig freigesprochell, so muß lllan dies Urtheil als nach Lage der Sache durchaus gerechtfertigt annehmen und bedenken, daß durch die Maschen des Strafgesetzes mancher Fisch zu schlüpfen versteht, der als Schädling deutlich erkennbar ist. Aber von der juristischen Seite abgesehen, hat der Fall Pückler auch noch eine andere Bedeutung. Und diese zu erhellen ist um so dankenswerther, als die ganze Angelegenheit ein für uns Juden erfreuliches Licht auf den Antisemitismus Graf Pückler- (Klein Tschirne'ffcher Provenienz nürft. In der Rede, die der freigesprochene Graf am 6. Jailuar hielt, kam sein wahres Gesicht visirfrei ulld seine wahre Meillung bilderreiner als vorher zur ErfcheilUlttg. Seinen Bildungsgrad bewies der Redner durch die ihm geläufigen Schimpfworte auf die Juden nur nebenbei; anerkennenswerth ist auch, daß der sonst übliche „Giftbaum der Börse" fehlte. Woher das lvahre Leid des Grafen Pückler (Klein Tschirue) aber stanunt, das zeigte sich trotzdem klar. Wenn in der ersten Rede die Reichsbank als verjudet geschildert wurde, so konnte das ja bildlich geuleint fein. In der zweiten Rede aber erklangen, nach dein Bericht des autisemitischell Moniteurs, folgende Worte: „Auch unsere innere Politik bewegt sich in durchaus falschen Bahnen, lnan befördert die Industrie und den Freihandel, während die Landlvirthschaft dabei zu Grunde geht; wir stehen im Begriffe, überzugeheu Zluu reinen Industriestaat; das aber ist unser Unglück und der Anfang vom Ellde. Tie Aera Caprivi lvar verhängnisvoll für uns und hat dein Volke schwere Wunden geschlagen. Vor Jahr und Tag standen lvir tieferschüttert au der Bahre unseres nationalen Helden, unseres Bismarck. Was wir mit dem Tode dieses einen Mannes eingebüßt habell, ist gar nicht zli sagen, lvir haben eine Armee verloren; uilser Prestige lind unser Ansehen im Auslande hat stark gelitten. Unter Bislnarcks Regirnellt lvar die große Mehrheit unseres Volkes glücklich und zusriedeil, er verstand es so uleisterhaft, jedeln Gewerbe ulld jedem Stande gerecht 311 werden; wir hatten dazumal eine blühende Laildlvirthschast, eine tüchtige Industrie und einen ausgedehnten Hcnldel. Helltzutage ist aber die Landwirthschaft beinahe ruinirt und blutet ans tausend Wunden. Mit dem Zusammenbruch der Laudwirthe verliert aber der Staat seine beste Stütze. Wohin diese Politik der Regierullg lloch führen soll, ist mir räthselhaft. Jedermanll fühlt sich bedrückt, ist unruhig ulld unzufrieden; die eillzigell Lellte, die gegelllvärtig prosperiren, sind die Juden, die Sozialisten unb die Anarchisten. Seit einigen Monaten steht in Deutschland die Kanalsrage cinf der Tagesordnung. Nene Kanäle silld all und für sich sehr nützlich und segellsreich ulld fbnneii auch, wie ich glalibe, mit der Zeit recht gewiullbrillgelld lverdell; aber vorderhalld haben lvir fein Geld und keine Zeit für so große Friedruswerke." Hinc illae Jacrimae! Es ist nicht nur der Radau-Antisemitismus, es ist auch der Gesehäfts-Antifemitismus, der zu Worte kouunt. Zlvar ist es die Regierung. die die Industrie fördert, und als deren Vollstrecker der Graf Caprivi die Haudelsverträge abschloß — thut nichts, der Jude wird verbraunt! Zwar ist der Kanal eine Lieblingsidee der höchsten Kreise des Landes — thut nichts, der Jude wird verbraullt. Inn kann doch als Graf Pückler lKlein Tschirne) nicht gegen die höchsten Kreise frondiren. aber man-kann bildlich die Politik der Regieruug mißbilligen, indem illau ans die Juden schimpft. Es; giebt zlvar keine Juden unter den Rathgebern der Regierung; : rvas thut das alles? Es ist ja mul) nur bildlich gemeint. Und '-damit ja kein Zlveifel ist, verzapfte der Redner gleichzeitig seine köstlichen Ansichten über die äußere Politik des Reiches. Daß sie llach seiner Ansicht schwankt lind herumtastet, ist wohl famn der Erwühllung nöthig. Neil ist aber, daß der etwaige Sieg der Engländer uns unsere afrikanischen Kolonien kosten wird, und daß lvir auf eine Entwickelung unserer Macht nur hoffen könneil, wenn wir die gleichzeitige Freundschaft mit allen Mächten oufgeben llud ilns schleunigst dem bieberen Rußland anschließen. Ob als Preis dieses Anschlusses ailch die Herausgabe von Elsaß-Lothringen nicht zu hoch wäre, darüber hat der Redner sich nicht geäußert. In dieser Bersamilllung kam auch der wegen der Veröffentlichung der ersten Rede des Grafen mit angeklagt gewesene und in Konsegueuz mit freigesprochene Redakteur sowie der Reichstagsabgeordnete Bindewald zu Wort. Der Erstere mißbilligte lloch ausdrücklich die Kaiserreise nach England. Der Reichstagsabgeordnete Bindewald aber theilte zunächst mit, daß die Judell in Neustettin ihre Synagoge nach einer Rede des Dr. Henriri selbst angezülldet und ill Hessen jüdische Grabsteille uillgelvorfen hätten, nm die Antisemiten zu verdächtigen. Es ist anznnehlllen, daß der Volksvertreter nur ihm zugegangene Berichte wiedergegeben hat. Wenn aber dadurch seine bonn fides nicht in Frage steht, so ist doch fein Grund vorhanden, die Lellte, welche ihlll diese Dillge mitgetheilt haben, nicht für Verläumder 311 erklären. Wir Judell lvären Herrn Bindewald für die Nennmig seiner Gewährsmänner zu Dank verpflichtet. An der Ailfklärllng der Wahrheit wird ihill ja ebensoviel liegen als illls. Und vielleicht gelingt es dann, die wahren Thäter aus Neustettill lind Hessen 31t ernlitteln. Warum Herr Bindelvald die llach 88 306,1 ulld 304 St.-G.-B. mit Zuchthalls bezw. Gefängniß bis zu drei Jahren und evtl. Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte 31t bestrafenden Thäter, obwohl sie Jrldell sein sollen, nicht längst allgezeigt hat, ist allerdings nicht ganz verständlich. Es ist nm so weniger verständlich, als die Redner des Abeilds aus Anlaß der Freisprechllug von Pückler und Genossell es gewagt haben, in unerhörter Weise die Richter dadurch 31t schmähen, daß sie ihnen Parteinahme ullterstellten. Hier ist der Pullkt im Fall Pückler der zu erllstester Besorguiß Anlaß giebt, der einzige, in welchem die Angelegellheit über dell engen Kreis antisemitischen Treibens herailswächst. Ill seinenl Schlußwort vor Gericht sagte der bilderreiche Graf llach dem Autisemitenblatte zu den Richtern: „sie seien berufen, die schlechten, gottlosen nnb revolutionären Elemente im Staatsleben mächtig auf das Haupt zu schlagen, den kölligstreuen ilnd patriotischen Männern auf jede Weise helfend und fördernd zur Seite zu stehen. . . ." Es ist ein schöner Gerichtsgebrauch in Preußen, den armen Süllder ill seinen lebten Worten vor der Berathllng möglichst frei und ungestört ansreden zll lassen. Indessen kann diese richterliche Milde mißbrallcht lverdeu, wie es hier geschehen ist. Denn der Graf Pückler (Klein Tschirue) wagte es nach seiner Freisprechllug zll sagen: „Sie sehen meine Herren, daß wir auch in Berlin noch delltsche Gerichte haben, daß es auch hier noch deutsche Mällner giebt, die das Herz auf den: rechten Fleck haben, die ihre Volksgenosseir nicht im Stiche lassen in schwerer Stunde." Der Redaktellr fügte hinzu: „Freuen müsse nlan sich, daß eilt Gerichtshof, wenn keine Juden in ihm sitzen, Verstäudniß für unsere Bewegung hat." Und der Volksvertreter Büldervald krönte das Werk mit deln Satz: „er habe das Gefühl, daß in Preußen, wo so viele Inden das Recht vernlnuscheln, die Urtheile llicht immer so ausfallen, wie sie